Gewinn für alle

Eine Oma zum Ausleihen

Obwohl ihre eigenen Enkel weit entfernt leben, bleibt Renate Oberndorfer selten eine Woche ohne Enkelbesuch. Die Seniorin kümmert sich beim Katholischen Familienverband Salzburg regelmäßig als Leihoma um Kinder.

veröffentlicht am 02.01.2017

„Fang, Arthur!“, ruft Renate Oberndorfer und wirft dem siebenjährigen Jungen ein rot-weißes Wollkissen zu. Ein kleiner brauner Pudel hechtet hinterher. Aufgeregt trippelt der Hund vor Arthur auf und ab, bis er das Kissen auf die Wiese wirft. Ausgelassen rennen die beiden über den Spielplatz. Renate Oberndorfer ist in der Nähe einer Schaukel stehen geblieben und schaut ihnen lachend zu. Ihre halblangen Haare werden von einem Haarreif zurückgehalten. Die dunklen Jeanshosen stecken in modernen, braunen Wildlederstiefeln. Die jung gebliebene 68-Jährige lässt Arthur und den Pudel noch ein wenig toben, dann ruft sie den Jungen zu sich und geht mit ihm und dem Hund ins Haus. An zwei Nachmittagen in der Woche kümmert sich Renate Oberndorfer als Leihoma um Arthur. Da seine Mutter an diesen Tagen länger arbeitet, holt die Seniorin den Jungen vom Hort ab. Meist nimmt sie ihn mit zu sich nach Hause, sie lebt in einem kleinen Ort etwa zehn Autominuten von Salzburg entfernt. Das Haus hat sie für sich allein, von ihrem Mann lebt Renate Oberndorfer getrennt. Am liebsten gehen Leihoma Renate und Arthur in einem Wäldchen spazieren, spielen Brettspiele oder Arthur tobt mit Frau Oberndorfers Pudeldame Betty im Garten oder auf einem Spielplatz herum.

Weiterbildungen für Leihgroßeltern

Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Renate Oberndorfer nun schon als Großmutter zum Ausleihen beim Katholischen Familienverband Salzburg. „Mein Patenkind hat mich damals auf die Idee gebracht, mich als Leihoma anzumelden. ‚Du kannst doch gut mit Kindern umgehen‘, meinte sie, und dass viele Mütter dringend nach einer Betreuung für ihre Kinder suchen“, erzählt Renate Oberndorfer, die selbst vier Kinder und fünf Enkel hat. Die leben allerdings weit entfernt bei Wien und in Hamburg. „Es macht mir viel Freude, mit Kindern zusammen zu sein“, sagt sie. „Da fiel mir die Entscheidung, mich als Leihoma zu melden, nicht schwer!“ Inzwischen betreut Frau Oberndorfer jeweils ein oder zwei Kinder regelmäßig, auf einige weitere passt sie ab und zu auf, wenn die Eltern am Abend unterwegs sind und wenn sie selbst Zeit hat. Die 68-Jährige wirkt gut organisiert und auf eine herzliche und zupackende Art pragmatisch. Neben dem Engagement Leihoma ist sie auch ehrenamtlich als Seelsorgerin in einem Krankenhaus tätig.Für die Fahrtkosten zu den Familien und für die Betreuungszeit erhält Frau Oberndorfer eine kleine Aufwandsentschädigung. Zudem bietet der Katholische Familienverband verschiedene Weiterbildungen für Leihgroßeltern an, an denen auch Renate Oberndorfer teilgenommen hat. Dazu gehört unter anderem ein Kurs für Erste Hilfe bei Kindern und ein Seminar über psychologisches Grundwissen. Dabei geht es beispielsweise darum, wie Kinder denken, wie man am besten damit umgeht, wenn sie fremdeln, und wie man auch einmal schwierige Themen ansprechen kann. Einmal im Jahr gibt es außerdem ein Treffen, bei dem sich Leihomas und -opas über ihre Erfahrungen austauschen können.

Um Arthur kümmert sich Renate Oberndorfer seit vier Jahren. Damals war seine Mutter Margot Geelhaar gerade wegen einer neuen Arbeitsstelle mit ihm nach Salzburg gezogen. Hier suchte sie eine Betreuung für den damals Dreijährigen, weil sie ihn nicht den ganzen Tag über im Kindergarten lassen wollte. „Mir war es wichtig, jemanden mit Erfahrung zu finden, der sich einige Jahre regelmäßig um Arthur kümmern kann. Meine Schwester gab mir dann den Tipp, doch nach einer Leihoma zu suchen“, erinnert sich die Alleinerziehende. Sie wirkt müde und ein wenig gestresst. Schon wenige Tage nach dem ersten Telefonat trafen sie und Arthur sich mit Renate Oberndorfer, um sich kennenzulernen. Bei einem Spaziergang war recht schnell klar, dass sie sich gut verstehen, und dass sich auch Frau Oberndorfer und Arthur sympathisch waren. „Mir ist ganz wichtig, dass ich mich nicht nur mit meinen Leihenkeln gut verstehe, sondern auch, dass ihre Eltern und ich gut miteinander auskommen. Wir müssen ehrlich zueinander sein können, wenn es um das Kind geht. Denn wenn es einmal kleine Schwierigkeiten gibt, möchte ich nichts beschönigen müssen. Andererseits will ich auch schöne Erfahrungen mit den Eltern teilen. Dieses Vertrauen zueinander ist für mich wesentlich“, sagt Renate Oberndorfer. Meistens hat sie den Eltern nur Gutes über ihre Leihenkel zu berichten. „Sobald die Eltern die Türe zumachen, habe ich brave Enkelkinder. Das ist einfach so“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. „Vor den Eltern – und besonders vor den Müttern – drehen die Kinder oft auf. Als Leihoma habe ich mich manchmal gar nicht getraut, zu sagen, wie brav die Kinder waren!“, erzählt Renate Oberndorfer schmunzelnd.

Eigene Familie war anfangs eifersüchtig 

In den zwei Wochen nach ihrem ersten Treffen holten Margot Geelhaar und Leihoma Renate Arthur noch gemeinsam vom Kindergarten ab, danach verbrachte Renate Oberndorfer je zwei Nachmittage in der Woche alleine mit dem Jungen. „Am Anfang war er an diesen beiden Tagen ein wenig traurig. Er hat mich oft gefragt, wieso ich ihn abhole und nicht seine Mama. Da merkt man, dass man einfach Geduld haben muss, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen“, berichtet Renate Oberndorfer. Inzwischen sind sie gut zusammengewachsen und Arthur vertraut sich ihr auch an, wenn er Kummer hat. „Das hat sich wirklich gut entwickelt“, sagt sie stolz und schaut lächelnd zu ihrem Leihenkel hinüber. Arthur hat sich zwei alte Schals von seiner Mutter ausgeliehen und drapiert sie auf Rücken und Kopf der Pudeldame Betty. Am meisten Freude macht es Frau Oberndorfer jedoch, sich mit Arthur zu unterhalten und wenn er lacht, wie jetzt beim Spielen. „Je mehr gelacht wird, umso lieber ist es mir!“, sagt Renate Oberndorfer mit strahlenden Augen. Mit ihrem Hund hatte sich Arthur schnell angefreundet. Wenn seine Leihoma ab und zu abends bei ihm in Salzburg bleibt, bis seine Mutter von einem Termin zurückkommt, legt Betty sich im Bett zu Arthurs Füßen und bewacht ihn, wenn er schläft.

Renate Oberndorfers eigene Kinder und Enkel waren anfangs nicht ganz so glücklich darüber, dass ihre Mutter und Oma sich nun auch als Leihoma um andere Kinder kümmert. „Da musste ich sehr diplomatisch sein“, erinnert sich Renate Oberndorfer. Nachdenklich rückt sie ihre Brille zurecht, ein modernes Modell aus türkisfarbenem und schwarzem Kunststoff. „Meine Kinder und die Enkelkinder waren zunächst eifersüchtig“, erzählt sie weiter. Mittlerweile habe sich das aber gelegt. Denn auch für ihre leiblichen Enkel in der Nähe von Wien und in Hamburg ist sie da. Meist fährt sie einmal im Monat nach Wien, auch nach Norddeutschland fliegt sie öfter. Und sie bekommt immer wieder Besuch von den Kindern und Enkeln. „Mittlerweile schätzen meine Kinder, dass ich durch das Engagement als Leihoma in Fragen rund um Erziehung und Schule auf dem Laufenden bin. Und sie finden es gut, dass ich auf diese Weise viel beschäftigt bin.“

Mit Kind und Mama ins Schwimmbad 

Arthurs leibliche Oma freute sich, dass eine Leihoma zweimal in der Woche ihren Enkel betreut. „Meine Mutter sah es gleich als Entlastung für mich“, erzählt Margot Geelhaar. „Sie hat meine Schwester und mich auch allein erzogen und kennt die Nöte einer alleinerziehenden Mutter.“ Da sie etwa 200 Kilometer von Salzburg entfernt wohnt, sehen sich Arthur und seine Oma etwa alle zwei Monate und an den Feiertagen. Seine andere Oma lebt in Wien, wo Arthur sie besucht, wenn er bei seinem Vater ist.Das Verhältnis von Leihoma und Leihenkel und zwischen Oma und leiblichen Enkeln sei generell ein anderes, findet Renate Oberndorfer. „Als Leihoma bin ich mit eingebunden in die Erziehung“, sagt sie. „Man muss die Kinder und sich selbst genau beobachten und überlegen, was man besser machen könnte.“ Ihren Leihenkeln möchte sie vor allem soziales Verhalten mit auf den Weg geben, beispielsweise, dass man mit anderen teilen sollte und dass man sich anderen Menschen gegenüber freundlich verhält. Auch dass man bitte und danke sagt, wenn man etwas möchte, erwartet Renate Oberndorfer von den Kindern. Gegenüber ihren Leihenkeln fällt es ihr als Außenstehende auch viel leichter, Grenzen vorzugeben. Das gelinge ihr bei den eigenen Enkeln nicht so gut, gibt sie zu. „Ich bin oft nur ein paar Tage bei ihnen, da kann ich nicht sagen, bis hierher und nicht weiter. Und besonders Kritik können die eigenen Kinder oft nicht gut vertragen. Da ist es manchmal besser, wenn es nicht der eigene Enkel ist!“, sagt Frau Oberndorfer und lacht herzlich.

Während ihrer gemeinsamen Nachmittage möchte sie Arthur auch Liebe zur Natur vermitteln. Wenn es irgendwie geht, verbringen sie viel Zeit im Freien: Im Sommer fahren sie zum Baden an einen See. Manchmal geht Arthur auch mit anderen Kindern aus Renate Oberndorfers Heimatort in einem Bach schwimmen. Außerdem gehen sie gerne in einem Auwald in der Nähe spazieren. Hier hat Arthur ein „Lager“ zum Spielen, eine Art selbst gebautes Tipizelt aus Baumstämmen und Ästen. Wenn es zeitlich klappt, unternehmen Leihoma Renate, Margot Geelhaar und Arthur auch etwas gemeinsam. Dann gehen sie wandern, ins Schwimmbad, spielen oder essen zusammen. Am österreichischen Nationalfeiertag hatte Margot Geelhaar Renate Oberndorfer beispielsweise zum Brathendl-Essen eingeladen. Es ist spürbar, dass nicht nur Leihoma und Enkel über die Jahre zusammengewachsen sind. Die beiden Frauen schätzen sich und tauschen sich auch jenseits von Kinder- und Erziehungsthemen gerne aus. Am Abend kommt Margot Geelhaar Ar-thur gegen 18 Uhr bei Renate Oberndorfer abholen. Sie essen gemeinsam Abendbrot, dann darf Arthur noch ein wenig fernsehen. Frau Oberndorfer und Ar-thurs Mutter nutzen dann die Gelegenheit, sich noch ein wenig über den Tag zu unterhalten. Dann geht es wieder zurück nach Salzburg, bis zum nächsten Treffen von Arthur mit Leihoma Renate und der Pudeldame Betty.

 

Leihoma werden

Organisationen, die einen Leihgroßeltern-Dienst anbieten, gibt es in jeder größeren Stadt und zunehmend auch in ländlichen Regionen. Träger sind meist kirchliche oder soziale Verbände, es gibt aber auch private Anbieter. Beim Katholischen Familienverband in Salzburg gibt es mit interessierten Frauen und Männern zunächst ein Vorgespräch über die Beweggründe, warum sie sich als Leihgroßeltern engagieren möchten, und welche Erwartungen sie haben. Alle Leihgroßeltern müssen zusammen mit einem beantworteten Fragebogen auch ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Als Vorbereitung auf die Betreuung von Kindern werden außerdem Einführungsseminare und Treffen zum Austausch angeboten.


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