Schule

Zu Besuch bei einem Lieblingslehrer

Ernst Wailzer unterrichtet Geografie und Sport am Don Bosco Gymnasium in Unterwaltersdorf. Die Schülerinnen und Schüler bezeichnen den 58-Jährigen als "coolsten Lehrer" der Schule. Was einen Lieblingslehrer ausmacht und wie er sich selbst sieht.

veröffentlicht am 30.07.2021

Dienstagmorgen kurz vor Ferienbeginn in Unterwaltersdorf, eine halbe Autostunde südlich von Wien. Der Schulgong im Don-Bosco-Gymnasium hat soeben die 740 Kinder und Jugendlichen daran erinnert, ihr emsiges Treiben auf den Pausengängen einzustellen und sich in die Klassenräume zu begeben – und auch die Lehrer. Für Ernst Wailzer steht gerade Geografie in der 3D auf dem Stundenplan. Der 58-Jährige, ein drahtiger Hochgewachsener in blauem Poloshirt und Sneakers, trifft ein paar Minuten verspätet ein und muss sich die Aufmerksamkeit erst erkämpfen. „Vielleicht habt ihr es bemerkt, ich bin schon da!“, erschallt seine Lehrerstimme bestimmt, aber freundlich. Und als einige Jungen und Mädchen erst nach ihm eintrudeln, werden sie augenzwinkernd mit einem  „schön, dass ihr auch vorbeikommt!“ begrüßt und begeben sich rasch auf ihre Plätze.

Fragt man Schülerinnen und Schüler am Don-Bosco-Gymnasium, wer für sie die „coolste Lehrkraft“ der Schule ist, fällt Wailzers Name besonders oft. Doch selbst mit diesem Prädikat bleibt das leidige Thema Leistungsbeurteilung nicht erspart. Da das Jahreszeugnis naht, projiziert er eine Übersichtstabelle mit den Benotungen aller Tests und Hausübungen sowie der vorgesehenen Abschlussnote auf die Wand – nachdem zuvor alle Jugendlichen ihr Okay dazu gegeben hatten, dass die Einzelergebnisse vor der Klasse präsentiert werden. „Sagt mir bitte der Reihe nach: Ja das ist gerecht – oder nicht!“, so seine Aufforderung. Alle in der 3D sind einverstanden, sogar jener Schüler, der „von zehn Arbeitsaufträgen elf nicht rechtzeitig gebracht hat“, wie der Lehrer zur Erheiterung aller formuliert und bei der Gelegenheit gleich Unterrichtsstoff einflechtet. „In der Wirtschaft heißt es ‚Just-in-Time‘, wenn Firmen zum vereinbarten Zeitpunkt die Bestellung liefern. Manche legen hingegen große Lager an, die dann freilich Geld kosten, besonders wenn es Verzögerungen gibt.“

Spott hat in der Klasse keinen Platz

Dann rückt Wailzer das Ansehen seines „Problemschülers", der mit dem Corona-bedingten Distance-Learning nur schlecht zurechtkam, jedoch wieder zurecht: Er sei schließlich „Hauptsponsor der Geografie-Pizzakasse“, sagt der Lehrer und kramt aus seinem Pult ein rotes Sparschwein heraus. Ein Plastiktier, das bei nicht rechtzeitig eingebrachten Arbeitsaufträgen, vergessenen Unterlagen oder Störverhalten mit 50 Cent Solidarbeitrag für ein gemeinsames Klassenessen gefüttert wird. Diese „Tierfütterung“ erfolgt auf freiwilliger Basis, wird aber von den Kindern mit Begeisterung und erstaunlicher Regelmäßigkeit durchgeführt. Die Strategie geht auf, zeigt eine Schülerin vor, deren Heft heute zu Hause geblieben ist. Als sie unaufgefordert nach vorne geht, um ihren Obolus zu leisten, lacht irgendjemand leise. „Wer war das?“, fährt der Lehrer dazwischen und sofort es ist ruhig. Alle haben verstanden: Spott hat keinen Platz in der Klasse. Für den Rest der Stunde wird das Handy-Quizspiel „Kahoot!“ mit Fragen aus dem Geografie-Jahresstoff gespielt, und Wailzer spendiert dem Siegerteam einen Eisgutschein für das Schulcafé.

Was sagen die Schüler über ihren Lehrer? In seinem Unterricht gibt es immer Spiele und Witze, schätzt die 14-jährige Maria an ihm. „Und weil es Spaß macht, merkt man sich alles besser.“ Wailzer beurteile fair, halte stets Versprechen und Abmachungen und sei eine Vertrauensperson, zu der man immer kommen kann, ergänzt Eni. „Als wir massive Schwierigkeiten innerhalb der Klasse hatten, half er uns, gemeinsam darüber zu reden. Er ließ jeden zu Wort kommen und zeigte Lösungswege auf, sodass alle zufrieden waren.“ Dass ihr Lehrer ohne Strafen wie etwa Einträge ins Klassenbuch auskommt und Probleme zunächst unter vier Augen und im Klassenverband löst statt die Direktorin oder die Eltern einzuschalten, rechnen ihm Max und Philipp hoch an. Und vor allem: Ausnahmslos immer komme er mit einem Lächeln, sei gut gelaunt und geduldig, was sich auf das Klima in der Klasse auswirke.

"Du musst die Jugendlichen gerne haben"

„Geografie auf dem Stundenplan ist ein Sonnenschein, der den ganzen Tag rettet“: Als Geheimnis solcher Top-Rezensionen seiner Schüler führt Wailzer selbst bei der Nachbesprechung der Stunde vor allem die gleiche Augenhöhe an. „Du musst die Jugendlichen gerne haben, auch wenn sie sich daneben benehmen. Spüren sie, dass du das Beste für sie willst und auf sie eingehst, kannst du von ihnen alles haben und manchmal auch streng sein“, erklärt er. In 32 Berufsjahren sei seine Benotung milder geworden. „Es ist nur Schule“, lautet sein Lieblingsspruch, und bei verpatzter Leistung: „Ausbessern und weiter geht´s.“ Die eigenen Unterrichtsfächer Geografie und Sport versucht er, nicht übermäßig wichtig zu nehmen. „Klar, dass nicht jeden jeder Gegenstand interessiert. Aber ein Mindestmaß kann man als Lehrer erwarten und durch Abwechslung und Möglichkeit der Mitbestimmung dafür sorgen, dass für alle etwas dabei ist.“ Vom Schul-Namensgeber Don Bosco hat er zudem die Überzeugung übernommen, „dass in jedem etwas steckt, auf das er oder sie stolz sein kann. Und jeder muss wissen, dass nicht nur die Leistung, sondern der Mensch zählt.“

Auch der Pädagoge lobt seine Schülerinnen und Schüler: Sie seien „lebenslustige Menschen“, die einen ruhig, die anderen emotional, jedenfalls aber: Langweilig werde es bei ihnen nie. „Vor der Klasse zu stehen ist für mich wie Arbeitstherapie. Ich fühle mich wohl bei meinen Schülerinnen und Schülern“, betont der Vater zweier erwachsener Kinder, wird dann aber nachdenklich. Die Jugendlichen erlebt er heute als immer weniger unbeschwert. Bei vielen laufe es zuhause nicht gut, viele litten an Trennungen der Eltern, der Leistungsdruck steige. Auch Wailzer nimmt wahr, dass psychische Probleme zunehmen, erst recht infolge von Corona. Immer mehr komme der Schule die Aufgabe zu, dies aufzufangen und als „Schonraum“ Hilfe und Vermittlung zu bieten. Austausch unter Lehrern sei dafür ebenso wichtig wie ein positiver, stärkender Zugang sowie nicht zuletzt auch Ausflüge, Feiern und Schulfeste, die das Wir-Gefühl stärken und schöne Erinnerungen an die Schulzeit schaffen.

Riesenfußball und "Virus"-Spiel

Das kommt auch in der nächsten Stunde zu tragen, als Wailzer für eine erkrankte Kollegin in der 4C einspringt und kurzerhand eine Klassenkonferenz einberuft, um den gemeinsamen Jahresabschluss zu planen. Etwas Besonderes soll es werden, da schon bald mit Ende der Unterstufe gut die Hälfte der Jugendlichen die Schule wechseln wird. Nach einigem Beratschlagen einigt man sich, ein T-Shirt bei der Druckerei des Vater eines Schülers in Auftrag zu geben, mit einem „4C“ vorne und einer großen Hornisse als Rückenaufdruck. Auch ein gemeinsamer Ausflug wird geplant, bei dem Wailzer als stellvertretender Klassenvorstand mitfährt. Die Klasse wünscht sich dafür auch ein Buffet, das aber den finanziellen Rahmen des Elternbeitrages sprengt. „Dann wird unsere Pizzakasse dafür herhalten“, sagt der Lehrer, und erntet dafür begeisterten Applaus.

Abschließend geht es dann noch in den Turnsaal, wo Wailzer gleich die Order „fünf Runden Hopserlauf, fünf Liegestütz und fünf Sit-ups“ ausgibt. Keine Langeweile soll aufkommen, während er selbst noch kurz zwei Spiele vorbereitet. Alle sind mit vollem Einsatz dabei, auch als dann mit drei übergroßen Gymnastikbällen zugleich „Riesenfußball“ gespielt wird, nur ein turnbefreites Mädchen zählt die Tore mit. Nach fünf Minuten ertönt der Schlusspfiff und die Verlierermannschaft „darf“ erneut fünf Sit-ups machen, ehe schon der nächste Durchgang startet. Viel Lachen hört man auch beim nächsten Spiel „Virus“, bei dem der Lehrer selbst mitspielt. Eine Person wird vom Sportlehrer geheim zum Covid-Erreger bestimmt und streckt die anderen mit bloßem Blinzeln nieder. Mit Erfolg, denn die „Überlebenden“ schaffen es nicht rechtzeitig, den Bösewicht zu identifizieren. „Du warst wohl die Delta-Variante“, lacht Wailzer über den Gewinner. Auch gegenüber der Pandemie ist Humor das beste Rezept.


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