Tipps fürs Leben

Anlaufstellen für Ehemalige

Raus aus der Schule – und dann? Sogenannte Don Bosco Lotsen unterstützen Absolventen von Salesianer-Einrichtungen beim Übergang in ein selbstständiges Leben. Ein Besuch auf dem Helenenberg und in Bamberg.

veröffentlicht am 01.01.2020

In blauer Arbeitskleidung und mit Block, Stift und Kaffeetasse ausgerüstet, kommen fünf junge Männer, die ihre Ausbildung auf dem Helenenberg absolvieren, in einen Gruppenraum des Jugenhilfezentrums. An der Wand hängt eine bunte Übersicht mit fett geschriebenen Wörtern wie Geld, Wohnung, Arbeitssuche und vielem mehr. Davor steht Christiane Kellner und begrüßt alle zum Workshop. Die 34-jährige Diplom-Pädagogin ist seit knapp zwei Jahren „Don Bosco Lotse“, Anlaufstelle für Ehemalige am Helenenberg. Zwar sind die jungen Männer, die alle zwischen 20 und 22 Jahre alt sind, noch keine Ehemaligen, aber sie alle gehören zu den „Winterprüflingen“, wie sie liebevoll genannt werden, schließen bald ihre Ausbildung ab und werden in ein eigenständiges Leben entlassen. Hier setzt Christiane Kellner an und macht den jungen Menschen ein offenes, freiwilliges Hilfsangebot für die oft nicht leichte Übergangszeit in die Selbstständigkeit. In den seit Sommer stattfindenden Workshops geht es um Fragen rund um Vorstellungsgespräche, Wohnungssuche, Ämtergänge und Finanzen. Florian B. berichtet von seinem Bewerbungsgespräch, das „in Ordnung“ gewesen sei, und Karsten W. erzählt von „gemischten Gefühlen“, wenn er an die bevorstehende Freiheit und gleichzeitig die Verantwortung denkt, die damit einhergeht. Über all diese Dinge kann man mit Christiane Kellner sprechen, die nicht nur zuhört, sondern auch ganz praktisch beim Ausfüllen von Formularen hilft, Bewerbungsschreiben liest, mit potenziellen Vermietern spricht und vieles mehr.

Das ist auch Sinn und Zweck des Lotsen-Programms. „Es geht dabei im Wesentlichen um drei größere Bereiche. Teil eins ist die Beratung, Begleitung, Hilfe. Hier stehen die Themen Bewerbung, Wohnung und Finanzen für die Ehemaligen im Vordergrund. Teil zwei ist der Aufbau eines Netzwerkes und einer lebenslangen Gemeinschaft. Dazu gehören die Don Bosco Card, die ein Symbol für Zugehörigkeit ist, Veranstaltungen wie Ehemaligentreffen und digitale Netzwerkarbeit. Teil drei ist die Kontaktaufnahme, der Vertrauensaufbau und natürlich die Information über das Angebot“, erklärt Christiane Kellner. „Ich fange schon im letzten Ausbildungsjahr an, mich den Jungs vorzustellen, und rede mit den Azubis, besonders mit denen, die uns bald verlassen, und biete die Workshops an. Da geht es darum, dass sie mich kennenlernen und wissen, das ist eine nette und kompetente Person, und wenn ich wirklich mal ein Problem habe, kann sie mir weiterhelfen.“

Eine Lotsin für Sultan

Auch Sultan Osman hat sich auf die Unterstützung von Christiane Kellner verlassen können. Der 22-jährige ­Äthiopier kam mit 17 Jahren als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland. Das Jugendamt vermittelte ihn auf den Helenenberg, wo er das erste halbe Jahr einen Deutschkurs machte und dann mit dem Berufsvorbereitungsjahr anfing, in dem auch der Hauptschulabschluss enthalten ist. „Nach dem Abschluss habe ich gleich mit der Berufsausbildung zum Fachpraktiker für Metallbauer angefangen“, erzählt Sultan. Da er seine Zwischenprüfung mit Bestnoten ablegte, konnte er die auf dreieinhalb Jahre angelegte Ausbildung auf drei Jahre verkürzen. Seit 2018 arbeitet er nun bei der Firma Alwitra, die Dachdichtungswände und Dachrandabdeckungen plus Zusatzprodukte für Flachdächer herstellt. Sein Chef und Betriebsleiter von Alwitra, Jörg Hinz, hätte Sultan schon längst einen unbefristeten Vertrag gegeben, aber Sultan hat nur einen Duldungsstatus mit Abschiebungsverbot. „Da hängt es nur an den gesetzlichen Regelungen“, sagt Hinz etwas frustriert. „Aufgrund der Duldung ist es schwierig, und wir konnten seinen Vertrag immer nur befristen.“ Dabei habe Sultan alles richtig gemacht und sei hochmotiviert und engagiert. Die Duldung hänge auch damit zusammen, dass Sultan noch keinen Pass aus seinem einstigen Heimatland bekommen habe. Nach vielen Terminen in der Ausländerbehörde, auch in Begleitung von Christiane Kellner, kann der junge Äthiopier jetzt auf seine Papiere hoffen – und damit auf einen unbefristeten Vertrag und einen Mietvertrag mit ihm als Mieter. Das ist dem 22-Jährigen wichtig, schließlich zahle er auch alles selbst, wie er versichert, dafür arbeite er ja.

„Ich habe mich mit Fragen zu Terminen bei der Ausländerbehörde oder für die Wohnungssuche an Frau Kellner gewandt“, erzählt er. „Ich wusste manchmal nicht, welche Unterlagen ich mitbringen musste. Oder als ich nach Trier umgezogen bin, hatte ich noch nie einen Vertrag für Internet und Strom gemacht und wusste nicht, wo ich mich anmelden muss und wie ich bezahle und welches Angebot gut ist. Dabei habe ich Hilfe bekommen“.

„Careleaver“ im Fokus

„Das Lotsen-Programm des Helenenbergs ist eine Besonderheit“, erklärt Wolfgang Marx, Ausbildungsleiter und stellvertretender Gesamtleiter des Jugendhilfezentrums Helenenberg. Gemeinsam mit zwei weiteren Don Bosco Einrichtungen in Bamberg und Würzburg wird das salesianische Verbundprojekt von der Kurt und Maria Dohle Stiftung unterstützt. „Die Dohle Stiftung übernimmt für vier Jahre die Finanzierung von drei Vollzeitstellen in Trier, Bamberg und Würzburg“, so Marx. Auch, wenn die Herangehensweisen an die Gegebenheiten in den jeweiligen Einrichtungen angepasst seien, so hätten alle die sogenannten „Careleaver“ beziehungsweise Ehemaligen im Fokus. Auf dem Helenenberg ist es der „Don Bosco Lotse“, in Bamberg das „Projekt Coraggio“ und in Würzburg die „Anlaufstelle für Ehemalige“. „Dahinter steht der Gedanke, dass das, was wir über Jahre in der Jugendhilfe mit dem einzelnen Jugendlichen aufgebaut haben, nicht wieder verloren geht. Ich bin lange dabei, und die Frage, die mir immer wieder gestellt wird, lautet: Hat eure Arbeit etwas bewirkt? Es geht also bei dem Careleaver-Projekt darum, dass sich die Investitionen langfristig tragen“, erläutert Marx. Ein weiterer Schritt sei die Idee des Netzwerkaufbaus durch den Careleaver selbst. Dieses aufzubauen, sei für diese Jugendlichen extrem schwierig. „Daher versuchen wir, verschiedene Angebote zu kreieren, damit sich die jungen Leute treffen und sich kennenlernen. In Zeiten von WhatsApp und sozialen Medien ist zwar manches theoretisch leichter, aber der Handy-Kontakt alleine führt noch nicht dazu, dass man nicht einsam ist.“

Förderung durch die DOHLE Stiftung

Der Netzwerkgedanke und der Gemeinschaftsgedanke seien auch für die Kurt und Maria Dohle Stiftung von großer Bedeutung, sagt Felix Dresewski, Geschäftsführer der DOHLE Stiftung. „Unser Förderschwerpunkt sind benachteiligte junge Menschen. Wir unterstützen Angebote, die Abstürze und Abbrüche zu verhindern helfen, die besonders in Übergangszeiten passieren können.“ Bei den salesianischen Einrichtungen merke man, dass sie den starken Auftrag verspüren, die jungen Menschen auch nach ihrer Ausbildung zu fördern. So werde vielen Menschen geholfen, die sonst drohten, durch das System zu rutschen.

Abwärtsspiralen zu beenden, sei ein wichtiger Teil der Ehemaligenarbeit, sagt auch Christiane Kellner. Wenn beispielsweise jemand keine Wohnung habe und im Auto übernachte, könne dies dazu führen, dass infolge von Unkonzentriertheit durch die problematische Wohnsituation auch die Arbeit schnell weg sei. Dann ist schnelle und flexible Hilfe gefragt – vor allem auch finanzieller Art. „Bis zum Beispiel für eine Wohnungskaution das Geld von der Arbeitsagentur fließt, kann es ganz schnell passieren, dass jemand obdachlos wird“, weiß Wolfgang Marx, der dankbar auf das Engagement der Dohle Stiftung schaut. Von 2018 bis 2019 konnte Christiane Kellner im Rahmen des Projektes 23 junge Menschen betreuen.

Von der Flexibilität des Projekts konnte auch Niklas Schmitz profitieren. Bei dem 19-Jährigen wurde in der Schulzeit eine Autismus-Spektrum-Störung festgestellt. Er kam auf den Helenenberg, beendete hier die Schule und absolvierte eine Ausbildung zum Gärtner. Durch die Autismus-Störung hat Niklas manchmal Schwierigkeiten. „Ich nehme Gefühle und Gegebenheiten anders wahr als andere“, erklärt er. Aber auch Sprichwörter seien für ihn schwer erkennbar. „Bei der Obsternte hat der Zuruf ‚Hau rein‘ zu Apfelmus geführt. Ich habe es wirklich wörtlich genommen, das passiert mir öfter mal.“ Im November hat er bei der gbt-Dienstleistungs-GmbH in Trier angefangen. „Wir machen Geländepflege für die örtlichen gbt-Gebäude und für private Eigentümer“, berichtet Niklas. Niklas ist froh, Christiane Kellner als Lotsin an seiner Seite zu haben. „Sie hilft mir bei Ämtergängen, der Beantragung von Arbeitslosen- und Überbrückungsgeld oder, wenn etwas für die Familienkasse zu tun ist, wie beim Kindergeldantrag“, sagt Niklas. Finanziell sei ihm auch schon spontan geholfen worden, zum Beispiel zum Monatsanfang, als das Geld vom Jobcenter noch nicht da war. „Es gibt mir Sicherheit, dass ich Frau Kellner fragen kann“, sagt der junge Gärtner. Denn schwierige Situationen kämen immer dann, wenn man sie am wenigsten erwarte. „Wir hoffen, dass wir über das Projekt auch ein bisschen mehr über unsere Ehemaligen erfahren“, wünscht sich Ausbildungsleiter Marx. Erfolgserlebnisse wie die von Niklas, Sultan, Karsten und Florian spornen ihn und seine Kolleginnen und Kollegen auf dem Helenenberg an. Jugendhilfe verändere sich. Darauf gelte es, flexibel zu reagieren. Der „Don Bosco Lotse“ biete diese Flexibilität, die junge Menschen beim Übergang in die Selbstständigkeit benötigen, um sich die Basis für eine gute Zukunft aufzubauen. Ganz im Sinne Don Boscos.

Die Sorgen der "Careleaver"

Careleaver sind junge Menschen, für die die Jugendhilfe nach dem Gesetz nicht mehr zuständig ist, da sie älter als 18 Jahre sind. Sie sind meistens in Pflegefamilien oder anderen Formen des betreuten Wohnens aufgewachsen und haben häufig keine oder eine problematische Beziehung zu ihrer Herkunftsfamilie. Der Weg in die Selbständigkeit, zu dem ein Umzug und finanzielle Unabhängigkeit gehören, stellt insbesondere für Careleaver, die in den meisten Fällen keine Unterstützung durch ein soziales Umfeld haben, eine große Herausforderung dar. Weitere Informationen über das Programm beim Jugendhilfezentrum Don Bosco Helenenberg, dem Don Bosco Jugendwerk Bamberg und der Caritas-Don Bosco gGmbH in Würzburg