Penzberg

Miteinander unterwegs: Heilpädagogische Wohngruppen fördern Selbstvertrauen

Gemeinsam lachen und weinen, eigene Stärken entdecken, verlässliche Beziehungen erleben: Im Jugendhaus Don Bosco in Penzberg finden Kinder und Jugendliche einen sicheren Ort, um sich zu entfalten.

veröffentlicht am 24.08.2022

Kartoffelsalat mit Schnitzel steht heute auf dem Speiseplan. Zur großen Freude von Hassan. „Ich möchte ein großes Schnitzel“, sagt er bestimmt. Und das bekommt er auch. Nadine Knoll füllt geduldig alle Teller ihrer hungrigen Schützlinge. Acht Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren leben in der Wohngruppe 2 des Jugendhauses Don Bosco in Penzberg. Das gemeinsame Mittagessen ist ein wichtiges Ritual in ihrem Tagesablauf. Es schafft Struktur und vermittelt Geborgenheit. Jeder kommt zu Wort, jeder wird gehört. Darauf legt die 21-jährige Erzieherin großen Wert. „Die Kinder sollen hier ein friedliches Miteinander erfahren“, erklärt sie. „Bei uns sollen sie genau das erleben, was sie daheim in ihren Familien nicht hatten.“
 
Seit zwei Jahren arbeitet Nadine Knoll im Jugendhaus Don Bosco, doch die Einrichtung an sich kennt sie schon wesentlich länger. Denn auch in ihrem Elternhaus gab es schwerwiegende Probleme, sodass sie aus der Familie herausgenommen werden musste. Mit zwölf Jahren zieht sie ins Jugendhaus ein: „Es war natürlich ungewohnt, weil hier viel mehr Kinder leben und es auf einmal Regeln gab, die ich so nicht kannte“, erinnert sie sich. „Aber ich habe das schätzen gelernt.“ So sehr, dass sie selbst Erzieherin werden wollte, um andere Kinder in einer ähnlichen Lage zu unterstützen. „Ich glaube, dass ich mich besser in die Kinder hineinversetzen kann. Ich kann vieles sehr gut aus der Kindersicht verstehen.“ Wieder dort tätig zu sein, wo sie quasi aufgewachsen ist, hat sich für Nadine Knoll nie merkwürdig angefühlt: „Ich war da ganz rein mit der Sache. Komisch war eher, in eine andere Rolle zu schlüpfen – vom Kind zur Erzieherin.“

Schritt für Schritt ins eigene Leben

Doch dieser Rollentausch ist ihr gut gelungen. Mit ihrer ruhigen, den Kindern stark zugewandten Art versucht sie, Vertrauen aufzubauen und Halt zu geben. Nach dem Mittagessen dürfen die Kinder kurz verschnaufen, bevor es an die Hausaufgaben geht. Hassan zieht sich in sein Zimmer zurück. Der Erstklässler schaut sich gerne Fotoalben und Bücher an. Heute bekommt er von Nadine Knoll vorgelesen. Zusammen machen sie es sich auf seinem Bett bequem. Hassan lehnt sich an seinen blauen Kuscheldrachen und folgt aufmerksam der Geschichte. Nebenan im Zimmer sitzt seine Schwester Manal und schminkt sich. Die 14-Jährige kommt bald in die Innenwohngruppe. Diese Form der Unterbringung ist für Jugendliche vorgesehen, die lernen sollen, auf eigenen Beinen zu stehen. Manal sieht diesem Wechsel mit gemischten Gefühlen entgegen: „Ich habe schon ein bisschen Angst, aber ich freue mich eigentlich drauf, weil man da mehr machen darf. Wir gehen selbst einkaufen, kochen und putzen allein. Wahrscheinlich habe ich da auch ein Einzelzimmer, und dann darf meine Freundin mal bei mir übernachten.“

Im Jugendhaus Don Bosco teilen sich meistens zwei Kinder ein Zimmer. Jedes darf seine Seite so gestalten, wie es möchte. Manal hat ihre Wand hellblau gestrichen, ihre Zimmernachbarin Jeannine hat sich für braun entschieden. Ein typisches Zimmer von zwei Teenagern mit vielen Fotos, einem bunten Einhorn, Lampions und einem Traumfänger über dem Bett. Manche Kinder kommen schon mit drei Jahren in die Einrichtung, ein großer Teil bleibt bis zur Volljährigkeit. „Das ist immer dann der Fall, wenn die Eltern zum Beispiel eine dauerhafte Suchterkrankung haben oder eine psychische Erkrankung, die ihre Erziehungsmöglichkeiten stark einschränkt“, führt Einrichtungsleiterin Carolin Kirchner aus. Die Kinder, die vom Jugendamt zu Don Bosco geschickt werden, sind oft vernachlässigt worden, haben sexuelle Gewalt und Misshandlungen erfahren, sind durch das Erlebte oft verhaltensauffällig und benötigen spezielle Förderung. „Wo es möglich ist, herrscht ein enger Kontakt zu den Familien“, erklärt Carolin Kirchner weiter. „Unsere systemische Familientherapeutin arbeitet mit den Eltern zusammen, damit sie ihre Kinder bald wieder allein erziehen können.“ Dafür gibt es in der Einrichtung sogar ein eigenes Elternapartment, wo die Eltern ihre Kinder begleitet sehen können.

Carolin Kirchner ist seit 14 Jahren für die Einrichtung tätig, seit zwei Jahren als Leiterin. Ihr Büro liegt zentral in einem Mittelgang des Hauses und die Kinder schauen regelmäßig bei ihr vorbei. Sie ist bei ihnen einfach „die Caro“. Die Diplom-Sozialpädagogin kennt jedes Kind und nimmt sich immer wieder Zeit, im großen Garten mit ihnen zu spielen. So schallt es ihr auch jetzt entgegen: „Caro, kannst du mal herkommen?“ Ein Mädchen mit langen blonden Haaren baumelt kopfüber an einer Kletterstange und benötigt etwas Hilfe, um wieder sicher auf dem Boden zu landen. Kurz darauf muss die Caro einem anderen Mädchen Knieschoner fürs Inlineskaten anziehen. Nicht verwunderlich also, dass die Einrichtungsleiterin trotz dunkelblauen Blazers eher sportlich-pragmatisch mit Jeans und Turnschuhen unterwegs ist. „Wir haben hier ein sehr familiäres Klima und sehr flache Hierarchien. Das zeichnet uns aus – dieses große Wir-Gefühl“, sagt sie.

Enttäuschungen auffangen

Manche Kinder können an den Wochenenden nicht nach Hause fahren und sind somit 365 Tage im Jahr in der Einrichtung. Um die Zeit im Jugendhaus so positiv wie möglich zu gestalten, werden daher regelmäßig Ausflüge geplant. Darüber hinaus gibt es Ferienfreizeiten, Feste und Projekte wie das gemeinsame Gärtnern im Außengelände. Nadine Knoll und ihre Kollegin Kerstin Auer haben zusammen mit den Kindern ein Hochbeet gestaltet, in dem nun Kohlrabi, Radieschen, Zucchini und Gurken wachsen. Und auch ein kleiner Acker wurde bepflanzt. Besonders das Gießen der unterschiedlichen Pflanzen macht den kleinen Hobbygärtnern viel Spaß. All diese Aktionen sollen die Kinder stärken und ein Gegengewicht zu mitunter traurigen Momenten sein.

Schwer zu verkraften sei es für die Kinder, wenn Erwartungen enttäuscht werden, nennt Carolin Kirchner ein Beispiel, „wenn sie große Hoffnungen haben und ihnen von den Eltern eingeredet wird, dass alles gut wird, aber die Eltern halten sich nicht an ihre Versprechen“. Das Team aus Erzieherinnen und Erziehern, Diplom-Psychologen, Heilpädagoginnen, Erlebnispädagogen und weiteren pädagogischen Fachkräften ist dann besonders gefragt. Ihr Ziel ist es, dass die Kinder und Jugendlichen ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. „Für mich ist ganz wichtig, dass die Kinder es schaffen, sich selbstwirksam zu erleben und keine Ohnmacht mehr zu erfahren“, erläutert Carolin Kirchner. „Sie sollen merken, dass sie selbst Dinge verändern können. Sie sollen ihre Gefühle und ihre Bedürfnisse wahrnehmen dürfen und bei uns lernen, diese angemessen zu äußern.“

Um das zu erreichen, sind auch die Therapiestunden am Nachmittag von großer Bedeutung. Jusra darf heute mit der Heilpädagogin Anja Keipinger in unterschiedliche Welten eintauchen. Zuerst wird das Puppenhaus intensiv begutachtet, anschließend stellt sich das fröhliche Mädchen hinter den Tresen des Kaufmannsladens und preist seine Waren an. Seine dunklen Augen strahlen dabei. „Solche Rollenspiele trainieren die sozialen Fertigkeiten“, so Anja Keipinger. „Das Kind kann verschiedene Gefühle spielerisch ausprobieren und sich neue Handlungskompetenzen aneignen.“ Außerdem steht es in den Einzelstunden ganz allein im Mittelpunkt. Ein Aspekt, der in einem Haus mit vielen Kindern immens wichtig ist.

Wie in jeder Familie kommt es auch im Jugendhaus Don Bosco auf die richtige Balance an – aus Wir und Ich, aus Gemeinschaft und Individualität. Um 18 Uhr ist in den Wohngruppen Zeit für das gemeinsame Abendessen, und so versammeln sich Nadine Knoll und ihre acht Schützlinge wieder um den großen Esstisch. „Jeder Tag ist anders und einzigartig“, fasst die Erzieherin zusammen. „Manche Tage sind anstrengend, manchmal wird viel gestritten, aber manche Tage sind auch einfach harmonisch und schön.“

Familiäre Atmosphäre im Jugendhaus Don Bosco Penzberg

Seit dem 1. Januar 2022 befindet sich das Jugendhaus Don Bosco in Penzberg in Trägerschaft der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos. In vier heilpädagogischen Wohngruppen werden Jungen und Mädchen von drei bis 14 Jahren betreut. Darüber hinaus gibt es zwei heilpädagogische Jugendwohngruppen für Jugendliche ab 14 Jahren – eine Innenwohngruppe für acht junge Frauen und eine Außenwohngruppe für sieben junge Männer.


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