Pilotprojekt

Hilfe für Jugendliche in Notsituationen

Kein Job, keine Wohnung – stattdessen Schulden und vielleicht schon eine Bewährungsstrafe. Wenn junge Menschen sozial abrutschen, kommen sie alleine oft nicht wieder auf die Beine. Das Projekt WORK4YOU im Don Bosco Club Köln hilft.
  • Simone Utler

veröffentlicht am 01.01.2017

Sie hatten sich schon auf eine kalte Nacht in der Kölner Innenstadt eingestellt. Der Freund, der sie aufgenommen hatte, wollte seine Wohnung plötzlich wieder für sich haben – Sarah* und Julian* standen auf der Straße. Es regnete. Um 3 Uhr erfuhren die beiden dann über Facebook von der Notschlafstelle des Projekts WORK4YOU im Don Bosco Club und machten sich mit ihren beiden kleinen Rollkoffern zu Fuß auf den Weg. Um 6.30 Uhr standen sie völlig durchnässt an der grün gerahmten Glastür im Stadtteil Mülheim und klingelten. Der Nachtwächter öffnete, sie konnten sich erst einmal abtrocknen, umziehen und hinlegen, später warm duschen, frühstücken und richtig ankommen.

Sarah ist 21, Julian ist 23, beide sind gute Freunde mit einer gemeinsamen Geschichte. Sie kommen aus einem 500-Seelen-Dorf im Westerwald, fanden dort keine Jobs, brachen mit den Eltern, kamen auf die schiefe Bahn. Inzwischen haben sich Schulden, Bewährungsstrafen und abzuleistende Sozialstunden angehäuft. Gemeinsam wollten sie in Köln neu starten. Und scheiterten auch hier zunächst.  

„Es gibt so viele junge Menschen, die durch die konventionellen Raster der schulischen, beruflichen und therapeutischen Hilfsangebote fallen und nicht ins normale Leben passen. Denen wollen wir helfen“, sagt Matthias Marienfeld, Leiter des Don Bosco Clubs in Köln-Mülheim und WORK4YOU-Projektleiter.

Hilfe für Jugendliche, deren Leben in Trümmern liegt

Der Kölner Don Bosco Club existiert seit 1967 und bietet Mittagessen, Hausaufgabenhilfe und weitere Betreuung für Kinder und Jugendliche. Vor einigen Jahren entstand die Idee, jungen Menschen, deren Leben in Trümmern liegt, bei der Integration in die Gesellschaft zu helfen. Seit Januar 2016 ist WORK4YOU Teil des bundesweiten Pilotprojekts RESPEKT, das in 18 verschiedenen Einrichtungen läuft, sich an junge Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren richtet und vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit 1,6 Millionen Euro unterstützt wird.

WORK4YOU ist in der ersten Etage des Don Bosco Clubs beheimatet. Hier stehen eine Küche, eine Werkstatt, Unterrichtsräume und ein Aufenthaltsbereich zur Verfügung – alles hell und großzügig geschnitten. 17 Pädagogen und Anleiter kümmern sich um die Jugendlichen und helfen ganz individuell bei den Problemen. Unter ihrer Anleitung können sich die jungen Leute außerdem auf dem Gelände in den Bereichen Hauswirtschaft, Haustechnik, Garten- und Landschaftsbau oder im Kreativen ausprobieren. „In diesen Modulen können sie feststellen, wo ihre Stärken, Talente und Neigungen liegen, und sich an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen“, sagt Marienfeld. Um 8, 12.30 und 18 Uhr wird zusammen gegessen, von 9 bis 12.30 Uhr und von 14 bis 17 Uhr wird gearbeitet. „Für einige ist das sehr schwer. Sie müssen den Sinn einer gewissen Routine erst erkennen.“
   
Julian harkt an diesem Vormittag auf dem Gelände Laub und wird sich später um eine defekte Steckdose kümmern. Der 23-Jährige arbeitet im Modul Haustechnik und bewirbt sich parallel um einen Job. „Ich bin irgendwie abgerutscht“, sagt der ausgebildete Industrietechniker, der erst seine Arbeit und dann seine Wohnung verlor. „Ich habe im Park im Gebüsch geschlafen und in einem verlassenen Hotel, wurde dort aber von der Polizei aufgegriffen.“ Es folgten weitere Delikte und Bewährungsstrafen. Heute hat Julian nach eigenen Angaben 7.000 bis 8.000 Euro Schulden – vor allem Gerichtskosten und Geldstrafen.

Fast die Hälfte der WORK4YOU-Teilnehmer hat Schulden. Strafen fürs Schwarzfahren, nicht bezahlte Handyrechnungen oder Onlineeinkäufe führen zu Schuldenbergen, die kein Jugendlicher beherrschen kann. „Viele kommen mit Taschen voller ungeöffneter Rechnungen und Mahnungen zu uns“, erzählt Guido Endrikat, Schuldnerberater im Projekt. „Wir helfen beim Umgang mit Schuldnern und Inkassounternehmen.“

Sarah wird nichts anderes übrigbleiben, als Privatinsolvenz anzumelden. Sie hat 15.000 Euro Schulden. „Ich habe mir Geld bei Freunden geliehen und sechs Handyverträge abgeschlossen, um die Handys zu verkaufen und an Geld zu kommen“, sagt die junge Frau, die gerade ihr Bett in der Notschlafstelle macht.

Kein Bett für die nächste Nacht

Drei Zimmer mit jeweils zwei Betten und einem Metallschrank mit abschließbaren Spinden stehen im Souterrain des Hauses zur Verfügung. „Wohnungsnot ist das größte Problem. Jeder Zweite, der zu uns kommt, weiß nicht, wo er die nächste Nacht verbringen soll“, sagt Marienfeld. Eigentlich ist ein Notschlafplatz nur für eine Nacht gedacht, aber einige Teilnehmer können länger bleiben. „Bezahlbarer Wohnraum ist rar in Köln und für unsere Zielgruppe ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu finden.“

Aziz* lebt inzwischen seit zwei Monaten in der Notschlafstelle. Der schmale 22-Jährige stammt aus Marokko und kam über Spanien, Frankreich und Belgien nach Deutschland. In Frankreich hat er backen gelernt, hier würde er gerne eine Ausbildung zum Konditor machen. Aber so lange sein Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist, hat er keine Arbeitserlaubnis. Also verwöhnt er die Mitarbeiter und Teilnehmer von WORK4YOU mit seinen Köstlichkeiten – an diesem Tag mit einer französischen Spezialität aus Blätterteig und Zuckerglasur. „Hier im Projekt zu sein, hält mich davon ab, kriminell zu werden. Weil ich was zu tun habe“, sagt der junge Mann, der sehr gut Deutsch spricht.

Kontakte über den Don Bosco Club, Zuweisungen von Jobcenter, Jugendamt oder anderen Einrichtungen und Besuche der Mitarbeiter an einschlägigen Plätzen von Wohnungslosen lassen die Zahl der Betreuten in Köln-Mülheim kontinuierlich wachsen. Anfang November 2016 waren es 56 dauerbegleitete Jugendliche. „Viele sind schon mit Drogen in Berührung gekommen. Fast die Hälfte hat gesundheitliche Probleme, weil gesunde Ernährung für sie kein Begriff ist“, sagt Marienfeld. Im Rahmen des Moduls Hauswirtschaft lernen die Teilnehmer, sich – mit möglichst wenig Aufwand – jeden Tag eine nahrhafte Mahlzeit zu kochen.    

Die 19-jährige Viola* hat seit einigen Wochen eine eigene Wohnung. Die alleinerziehende Mutter lebte die ersten zwei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Lara bei ihren Eltern, hatte psychische Probleme, konnte nicht arbeiten und geriet immer öfter mit ihrer Mutter aneinander. „Es hat einfach nicht funktioniert“, sagt die junge Frau, die seit dem Start an WORK4YOU teilnimmt. „Inzwischen geht es mir richtig gut. Die Projektmitarbeiter haben mir bei Behördengängen und bei der Renovierung meiner Wohnung geholfen und jetzt bei der Bewerbung um einen Job als Verkäuferin“, erzählt Viola, für die das Miteinander mit den anderen Teilnehmern sehr wichtig ist: „Hier entwickeln sich Freundschaften.“
Viola verbringt viel Zeit mit Sarah und Julian, die sich gerne um die kleine Lara kümmern. In ihrer Freizeit hängen sie in den roten Sitzsäcken im Aufenthaltsbereich oder auf dem Hof ab. Violas Geschichte motiviert die anderen. „Das macht Mut“, sagt Sarah. „Ich hoffe, dass ich auch mal eine schöne Wohnung habe.“ Am liebsten würden sie und Julian zusammen etwas finden.

Hilfe für schwer zu erreichende Jugendliche

Das Pilotprojekt RESPEKT im Don Bosco Club Köln ist zunächst bis Ende 2017 befristet. Es ist vom Gesetzgeber geplant, dass die Angebote von RESPEKT als Förderung für schwer zu erreichende junge Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren im Sozialgesetzbuch als Leistung der Agentur für Arbeit verankert werden. Derzeit deckt die Förderung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales rund 90 Prozent der Kosten bei WORK4YOU – die restlichen zehn Prozent in Höhe von 178.000 € sind vom Projekt selbst über Spenden aufzubringen.