Fest der Gemeinschaft

Jugendtreffen "Come to Bosco" in Italien

Rund 500 junge Menschen trafen sich im August auf dem Colle Don Bosco bei Turin. Hier erlebten sie Freude und Gemeinschaft – in Erinnerung an Don Bosco und sein Wirken.
  • Christine Wendel

veröffentlicht am 01.09.2019

Ein kleines Mädchen rutscht die rote Tunnelrutsche hinunter. Daneben spielen einige ­Kinder auf dem großen Fußballfeld. Und viele toben einfach so über das große Gelände des ­Oratoriums in ­Turin-Valdocco. 1846 hat Don Bosco es gegründet und noch heute werden hier bis zu 300 Kinder betreut. In ­einem kleinen Rondell mitten im Geschehen sitzt eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener. Sie bekommen eine Führung und lassen die Eindrücke auf sich wirken. „Die Augen der Kinder haben geleuchtet“, sagt später die 18-jährige Sindy Laabs aus Chemnitz. Für die junge Frau ist der Besuch des ersten ­Oratoriums in Valdocco ein Höhepunkt von „Come to Bosco“. Mit insgesamt 24 Kindern, Jugendlichen und jungen ­Erwachsenen sowie sieben Betreuern aus dem Don Bosco Haus in Chemnitz, die überwiegend aus der Offenen Kinder- und Jugendarbeit kommen, ist sie bei dem Jugendtreffen der besonderen Art dabei.

Zwischen 14. Juli und 18. August erleben die Teilnehmenden bei „Come to Bosco“ in unterschiedlichen Zeiräumen nicht nur Freizeitangebote wie Schwimmbadbesuch oder Singen am Lagerfeuer. Individuell orientiert an den Bedürfnissen der Gruppen, lernen sie auch das Leben und Wirken sowie die Heimat des Ordensgründers Johannes Bosco kennen – und dabei darf auch ein Besuch im ersten Oratorium Don Boscos nicht fehlen. Insgesamt werden im gesamten Zeitraum von „Come to Bosco“ bis zu 500 junge Menschen aus den unterschiedlichen Einrichtungen der Salesianer Don Boscos und darüber hinaus erwartet. Das ­Treffen findet in diesem Jahr bereits zum vierten Mal statt – nach 2009, 2012 und 2015.

Eine Woche lang ist die Gruppe aus Chemnitz in ­Italien. In Turin-Valdocco sehen sie über das Oratorium hinaus unter anderem auch die Maria-Hilf-Basilika, in der Don Bosco bestattet ist. Und bei einer Stadtrallye durch Turin erfahren sie noch mehr über den Ort, an dem Don Bosco bis zu seinem Tod 1888 gewirkt hat. „Wie viele Pfosten umranden die Pferdestatue? Sucht sie!“, lautet etwa ein Hinweis der Stadtrallye auf den Spuren Don Boscos. Aufgewachsen ist der Heilige aber in dem kleinem Dorf Becchi, rund 30 Kilometer östlich von ­Turin. Heute ist die Anhöhe, die einen weiten Blick in die Berglandschaft der Region Piemont bietet, allgemein als ­Colle Don Bosco bekannt. Und hier ist es auch, wo die Teilnehmenden von „Come to Bosco“ untergebracht sind. Sie schlafen entweder auf dem zentralen Zeltplatz oder in einem der vielen jugendherbergsartigen Gästezimmer. Und auch hier am Colle Don Bosco gibt es viel zu erleben und zu entdecken.

„Das ist mein Haus“, ist auf Italienisch auf einem Schild an einem bescheidenen Backsteinbau unweit des Zeltplatzes zu lesen. Es ist das Haus, in dem Don Bosco als Kind gewohnt hat und das heute ein Museum ist. ­

Der Traum, der sein Leben prägte

Innen erfährt man anhand von Schautafeln und Bildern mehr über den Heiligen, seine Brüder und Eltern. Zwei einfache Betten, überzogen mit weißen Laken, nehmen die komplette Fläche eines der kleinen Zimmer ein. Hier hatte Don Bosco mit neun Jahren den Traum, der ihn zu seiner Berufung führte. Ein Straßenjunge erschien ihm darin. „Nicht mit Schlägen, sondern mit Milde, Güte und Liebe“ müsse Johannes Bosco die Jugend als Freunde gewinnen, war die Botschaft. Don Bosco widmete sein Leben der Jugend, setzte sich vor allem für benachteiligte junge Menschen ein. Und er fundierte seine Pädagogik auf den Pfeilern: Heimat, Pfarrgemeinde, Bildung und Freizeit. Heute wirken rund 14.600 Salesianer Don Boscos in 133 Ländern und in 1.915 Einrichtungen – und führen sein Werk weiter.

„Es ist spannend, was Don Bosco gemacht hat. Und, dass es Menschen gibt, die das weitermachen“, sagt die 16-jährige Annemarie Nguyen, die in einer Wohngruppe der Salesianer in Burgstädt lebt. Sie hört interessiert zu, als Pater Johannes Kaufmann, Beauftragter für Jugendpastoral der Salesianer Don Boscos, einige junge Menschen durch das Wohnhaus Don Boscos führt. Dann geht es weiter zur Basilika. In dem großen Bau, der von 1961 bis 1966 an dem Ort errichtet wurde, wo einst Don Boscos Geburtshaus stand, beeindruckt ­Annemarie vor allem die Reliquie Don Boscos, die in der Unterkirche aufbewahrt wird.

Bei „Come to Bosco“ gibt es viele Berührungspunkte mit dem Heiligen. Vom Ort seiner Kindheit am ländlichen Colle Don Bosco über die kleine Stadt Chieri, den Ort, in dem er die Schule und das Priesterseminar ­besuchen durfte, bis zu Turin, seinem späteren Wirkungsort. Aber bei „Come to Bosco“ kommt auch die Freizeitgestaltung nicht zu kurz. Wenn nicht gerade ein Ausflug – zum Beispiel zum Wandern oder ins nahe Spaßbad – auf dem Programm steht, kann man sich am Colle Don Bosco gut beschäftigen. Auf dem Zeltplatz spielen die jungen Menschen Volleyball. Manch einer traut sich, über die Slackline zu balancieren. Die Tischtennisplatten sind sehr beliebt – egal, ob für ein Duell oder ­einen Rundlauf. Und in der Mitte des Zeltplatzes steht ein großes Zirkuszelt – ausgestattet mit einem Planschbecken, einer Musikanlage und vielen Sitzmöglichkeiten. Es ist eigens aus Bamberg hergebracht und aufgebaut worden.

Eine Kooperation machte dies möglich: Der Zeltwart vom Don Bosco Jugendwerk Bamberg, Wolfram Drescher, tat sich zusammen mit den Projekten „­Zahltag“ aus Bamberg und „Startklar“ aus Chemnitz. Deren Ziel ist es jeweils, junge Menschen beim Weg in den Alltag aus unterschiedlichsten Hintergründen heraus zu unterstützen. Neben dem Zeltwart und zwei weiteren ­Anleitern sind vier junge Menschen aus den Projekten kurz vor Beginn des Jugendtreffens zum Colle Don Bosco gekommen, um das Zelt aufzubauen. Rund zwei Tage dauerte es, bis alles sicher stand. Die „Startklar“-Projektteilnehmerin ­Sylvia Roscher aus Chemnitz (22) war von „Come to Bosco“ schließlich so begeistert, dass sie darum bat, noch eine Woche länger bleiben zu ­dürfen und als Helferin mitzuwirken. So bringt sie sich etwa ein, als es bei der Turiner Stadtrallye darum geht, eine Station zu begleiten. Sie hilft in der Küche mit, was bei vielen auf Wohlgefallen stößt, da sie zwei Jahre lang eine Ausbildung als Köchin gemacht hat, bevor sie diese abbrechen musste. Und sie packt auch sonst überall mit an, wo das Helferteam gerade ­Unterstützung braucht. „Die Gemeinschaft hier ist wie eine kleine Familie“, sagt Sylvia freudig. „Es ist so, als würde jeder jeden schon ein paar Jahre kennen.“

Ein bisschen was von Heimat

Als familiär empfindet auch Familie Klose die Stimmung am Colle Don Bosco. Sie verbringen zu fünft sogar ihren eigenen Familienurlaub dort, um zu helfen. Das Ehepaar Barbara und Bernhard aus Chemnitz und die drei Töchter ­Katharina (20), Ursula (18) und Johanna (17) sind rund drei Wochen bei dem Jugendtreffen dabei. Barbara Klose ist Übersetzerin und führt unter anderem Gruppen in Valdocco. Bernhard Klose, der hauptberuflich Richter ist, macht Fahrdienste, kocht, kauft ein und ist auch sonst da, wo er gebraucht wird. Die Töchter setzen sich auch überall ein – haben etwa Spiele ­entwickelt, damit Gruppen den Colle Don Bosco und Chieri besser kennenlernen können. „Weil es hier schön ist“, begründet Barbara Klose den Grund ihres Hierseins. „Es hat ein bisschen etwas von Heimat.“ Und auch für Bernhard Klose ist es selbstverständlich. „Wir haben gar nicht lange darüber geredet.“ Die beiden sind ­Salesianische Mitarbeiter Don Boscos (SMDB). Und die Töchter sind alle mit dem Kinder- und Jugendzirkus Birikino des Don Bosco Hauses aufgewachsen. „Das macht alles Spaß, was wir hier machen“, erklärt ­Johanna. „Wie sollten wir sonst Urlaub machen?“, fragt Ursula. Und Katharina sagt: „Das Schönste ist, wenn man etwas mit Kindern macht.“ Ob Kartenspielen oder Programmplanen, alle Helferinnen und Helfer bei „Come to Bosco“ – egal, ob Salesianer oder ­Ehrenamtliche – sind ebenso mit Freude bei der Sache wie die Teilnehmenden. „Für uns ist es eine besondere Erfahrung, so viele unterschiedliche Menschen kennenzulernen“, sagt ­Pater Kaufmann. „Das Angebot durchzuführen, abends zusammenzusitzen, zu beten, das ist wunderschön.“

Die Sterne leuchten am Himmel über dem abendlichen Colle Don Bosco. Am Fuße der Basilika versammeln sich die derzeitigen Teilnehmenden von „Come to Bosco“ zum Abendimpuls. Kerzen erhellen den Sitzkreis. Gemeinsam wird gesungen. „Halleluja“ kommt es auch in gedämpfter Lautstärke aus den vorbereiteten Boxen. „Es ist einfach schön, um herunterzukommen“, sagt Sindy. Auch für Nathalie Seidel sind dies wundervolle Momente. Der Platz vor der Basilika ist ihr Lieblingsplatz. Und auch sonst schätzt die 20-Jährige aus Chemnitz die Orte, die mit Don Bosco in Verbindung stehen. „Hier spüre ich besonders, dass eine Präsenz da ist.“ Sie kann „Come to Bosco“ nur empfehlen: „Du lernst Don Bosco besser kennen. Und es ist toll, in Italien zu sein.“ Man könne „hier Neues lernen und die Welt sehen“, sagt Rocco Hahn (27). Tobias Kreische (26) aus Chemnitz ist bereits zum vierten Mal dabei. Es sei schließlich wie eine Familie hier. Jeder sei für jeden da. „Und warum sollte man nicht mit der zweiten Familie in den Urlaub?“

Neues lernen und die Welt sehen

Die Statue des heiligen Don Bosco, die vor der Eingangstür der Basilika steht, blickt auf die singenden Jugendlichen auf dem Vorplatz. „Don Bosco würde sagen: ‚Schön, dass ihr mich besuchen kommt. Hier bin ich aufgewachsen, hier lebt mein Geist‘“, ist Pater Albert ­Krottenthaler, Leiter des Chemnitzer Don Bosco Hauses, der die Gruppe mit begleitet, überzeugt.

Tim Berger (Name geändert) wusste vor der Fahrt nicht viel von Don Bosco. Er ist Teil einer Gruppe aus Köln, die zu siebt mit zwei Begleitern vom Projekt ­Work4Youth zu „Come to Bosco“ anreiste. Eine Woche ist die Gruppe bei dem Jugendtreffen dabei. „Ich wollte einfach wissen, was dahintersteckt“, sagt der 23-Jährige, der ­lange ­obdachlos war und den das Thema Sucht begleitet. Mit Work4Youth will er wieder in den Alltag finden. Bei „Come to Bosco“ erlebt er eine Auszeit. „Die Freiheit hier ist wunderschön, und der weite Blick.“ Zu Hause ­werde er vor allem von der Landschaft schwärmen. Aber auch davon, was er über Don Bosco erfahren hat. „Es ist nicht selbstverständlich, dass fremde Menschen einem helfen, dass man nicht aufgegeben wird, egal, was man macht.“

Erlebnis, Kultur, Impulse und Freizeit. Ein wenig in die Welt schnuppern. Und das auf den Spuren Don Boscos. „Ich halte alles in guter ­Erinnerung“, sagt Sylvia. „Und ich habe einen neuen Zugang zu Don Bosco.“


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