Katholische Gemeinde

Little Italy mitten in Mainz

Die Italienische Katholische Mission in Mainz ist wie eine große Familie. Priester, Laien und Ehrenamtliche arbeiten eng zusammen und prägen so das Gemeindeleben.

veröffentlicht am 01.05.2019

In ihr wird gebetet und getanzt, der Gottesdienst gefeiert und gemütlich zusammen Kaffee getrunken: Die Mainzer Kirche Sankt Emmeran ist alles in einem – Gottes- und Gemeindehaus und vor allem Heimat für etwa 8.000 Gläubige der Italienischen Katholischen Mission. Wer die Kirche betritt, fühlt sich erst einmal wie auf einem italienischen Marktplatz. Rund um eine Straßenlaterne mit fünf Lampen spielt sich hier das Leben ab – Kinder toben durch die Halle und ein paar ältere Herrschaften sitzen auf einer Bank und sind ins Gespräch vertieft. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen und immer wieder sind laute „Ciao“-Rufe zu hören, gefolgt von Umarmungen und Begrüßungsküssen.

1945 wurde die Kirche fast komplett zerstört, nur die Außenmauern sind stehen geblieben. Bei der Restaurierung viele Jahrzehnte später wurde eine Zwischendecke eingezogen – und die Kapellen der Seitenschiffe dienen jetzt als Funktionsräume für die Gemeinde. Der eigentliche Kirchenraum für die Liturgiefeier ist durch eine Zwischenwand abgetrennt, die je nach Bedarf weggeschoben werden kann. Alle Aktivitäten der italienischen Gemeinde bündeln sich also unter einem gotischen Dach. Das schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das auch für Außenstehende schnell spürbar ist.

Gemeindeleben mit Emotion

Pater Marek Chmielewski, von allen nur Don Marek genannt, kann das bestätigen. Seit 1987 wird die Italienische Katholische Mission in Mainz von Salesianern Don Boscos betreut. Bislang waren es allerdings immer italienische Ordensmänner. Don Marek und sein Mitbruder Pater Zbigniew Adamiak sind seit drei Jahren die ersten polnischen Priester vor Ort. „Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ein Pole eine italienische Gemeinde leiten kann“, erklärt Don Marek. „Für mich ist entscheidend, dass ich hier meine Berufung leben kann.“ Und das wird dadurch erleichtert, dass er dank seines Studiums in Rom perfekt Italienisch spricht. „Ich kenne Land und Kultur sehr gut. Ein wesentlicher Unterschied zu einer deutschen oder polnischen Gemeinde ist die Lebendigkeit. Hier ist viel Emotion drin“, sagt der 57-Jährige und lacht. Seine buschigen Augenbrauen machen dabei einen schwungvollen Bogen nach oben.

Überhaupt lacht Don Marek gern und oft. Er meistert seinen vollen Arbeitsalltag mit einer ordentlichen Portion Humor und Gelassenheit. Nicht bei jedem Programmpunkt der Gemeinde kann er mit dabei sein, aber er versucht, regelmäßig bei den einzelnen Gruppen vorbeizuschauen. Wie zum Beispiel bei der Tanzformation. Dort wird gerade eine Aufführung für das Muttertagsfest einstudiert. Elena und Valeria machen das ehrenamtlich. Die beiden 21-Jährigen wollen die Jugendlichen möglichst stark einbinden und entwickeln gemeinsam mit ihnen eine Choreografie. Valeria tanzt schon, seit sie fünf Jahre alt war, hier in der Gemeinde. Jetzt will sie ihr Wissen weitergeben: „Aber es geht nicht nur ums Tanzen“, ergänzt sie. „Für uns zählt auch das Miteinander.“

Hilfe und Orientierung

Währenddessen wird ein Stockwerk höher konzentriert gelernt. Einmal pro Woche gibt es in den Räumen der Gemeinde einen Deutschkurs für Erwachsene – in Kooperation mit der Stadt und einer Sprachschule. Heute dreht sich alles ums Kochen. „Wie magst du deine Spaghetti?“, fragt der Kursleiter. Es entbrennt eine rege Diskussion. Italienisches Temperament, das schwer einzubremsen ist: „Wir versuchen, mal wieder mehr Deutsch zu sprechen“, erinnert der Lehrer die Gruppe geduldig.

Der Deutschkurs ist für Sankt Emmeran ein wichtiges Angebot. Die älteren Gemeindemitglieder kamen vorwiegend Mitte der 50er-Jahre nach Mainz, als Deutschland und Italien das erste „Gastarbeiter“-Anwerbeabkommen unterzeichnet hatten. Besonders in der Landwirtschaft, im Berg-, Straßen- und Brückenbau wurden damals Arbeiter gesucht. „Da war alles geregelt. Jetzt haben wir viele Familien, die aufgrund der Wirtschaftskrise in Italien auf eigene Faust hierherkommen“, erklärt die Pfarrsekretärin Laura Rossi Paatzsch, die für viele die erste Ansprechpartnerin ist und die neu Eingewanderten unterstützt. „Die meisten können kein Deutsch und landen dann bei uns, um nach Hilfe zu fragen.“ Diese finden sie u. a. auch bei Laura Mosconi. Die 87-Jährige war früher ebenfalls Pfarrsekretärin in Sankt Emmeran und berät die Italiener bei der Beantragung der Ausweise und Pässe.

Laura Mosconi hat außerdem viele Jahre lang die Treffen der Seniorengruppe organisiert. Erst vor Kurzem hat der Gemeindereferent Antonio Carponegro diese Aufgabe übernommen. Einmal pro Monat kommen die Senioren zusammen. Kuchen und Getränke sind auf den Tischen verteilt und es wird zwanglos geplaudert – allerdings nicht nur über persönliche Erlebnisse oder religiöse Themen. Die Gruppe lege großen Wert darauf, „up to date“ zu sein, berichtet Antonio Carponegro. Deswegen zeige er heute einen Film über die Europäische Union und die bevorstehende Europawahl. Regelmäßig treffen sich die Senioren auch mit der Jugendgruppe. Davon profitieren beide Seiten: Die Jugendlichen erklären den Älteren den Umgang mit WhatsApp, und die Senioren erzählen aus ihrer Jugend. Jung und Alt verstehen sich sehr gut und gehen respektvoll miteinander um.

Austausch zwischen den Generationen

So überrascht es nicht, dass am Samstagabend zur Jugendgruppenstunde kurzerhand zwei Senioren dableiben. Die Jugendlichen stört das nicht. Heute Abend wollen sie gemeinsam kochen – und da ist jeder willkommen. Auch der 18-jährige Kevin ist mit dabei. Er lebt seit drei Jahren in Deutschland und macht eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik. „Vorher kannte ich niemanden. Ich komme gerne hierher. Das ist wie eine Art Familie für mich.“ Diese Atmosphäre der Familiarität ist nicht mit Händen zu greifen, prägt aber alle Aktivitäten der italienischen Gemeinde.
Ein Platz in der Gemeinschaft

Auch am Sonntagvormittag. Eineinhalb Stunden vor dem Gottesdienst versammeln sich Eltern und Kinder im Kirchenvorraum rund um die Straßenlaterne zu einem kurzen Morgenkreis. Begrüßt werden sie von Don Marek und Olivia Genova, die die Kinderkatechese seit 30 Jahren ehrenamtlich betreut: „Ich bin hier in der Gemeinde groß geworden. Die Salesianer Don Boscos haben uns Jugendliche immer motiviert, uns einzubringen. Und das mache ich jetzt, seit ich 17 bin.“ Olivia Genova sprüht vor Energie und hat alles genau im Blick. Nach einigen Informationen und einem gemeinsamen Gebet geht es in die fünf verschiedenen Gruppen, aufgeteilt nach Altersstufen von etwa fünf bis 16 Jahren. In der Gruppe „Incontro“ (Begegnung) sind zum Beispiel alle, die sich auf die Kommunion vorbereiten. Auf einem Laptop ist das Messgewand eines Priesters zu sehen. „Was ist denn das für ein Fasnachtskostüm?“, prustet Olivia Genova. Sie will die Kinder ein wenig provozieren – mit Erfolg. Der Arm von Floriana schnellt in die Höhe: „So ziehen sich doch die Pfarrer an.“

Durch den Religionsunterricht sollen die Kinder und Jugendlichen mehr über den Glauben erfahren und ein Gespür dafür bekommen, was es bedeutet, Christ zu sein. Von Anfang an sollen sie sich in die Gemeinschaft aufgenommen fühlen. Ein äußeres Zeichen dafür sind die extra reservierten Kirchenbänke für die Kinder im Sonntagsgottesdienst. „Hier hast du deinen Platz“ – so die Botschaft dahinter.

Ihren Platz haben viele Italiener in Sankt Emmeran gefunden. Es ist ein Stück Heimat mitten in Mainz. „Die muttersprachlichen Missionen sind sehr wichtig“, findet Don Marek und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Wenn ich sauer werde, schimpfe ich auf Polnisch. Wenn ich den Rosenkranz bete, mache ich das auch auf Polnisch. Der Glaube hängt eng mit der eigenen Kultur zusammen.“    

Ein Gotteshaus für viele Nationen

Die Italienische Katholische Mission in Mainz ist eine lebendige Gemeinde mit einem Altersdurchschnitt von etwa 45 bis 50 Jahren. Viele Familien besuchen die Kirche; allein in diesem Jahr bereiten sich 22 Paare auf die Ehe vor. Die meisten Aktivitäten finden von Freitag bis Sonntag statt. Darüber hinaus gibt es jeden Tag eine italienische Messe. Das Kirchengebäude Sankt Emmeran gehört der italienischen Gemeinde, allerdings feiern hier auch die kroatische, polnische und ungarische Gemeinde in Mainz ihre Gottesdienste.