Armut auf den Salomonen

Die Kinder von der Müllkippe

Familien durchsuchen die Mülldeponie von Honiara nach Verwertbarem. Die Kinder müssen helfen und gehen nicht zur Schule. Don Bosco will das ändern.

veröffentlicht am 01.09.2019

Bis tief in die Nacht durchwühlen die Familien den Müll. In der Hoffnung, etwas zu finden, das sich zu Geld machen lässt. Sie leben von dem, was andere wegschmeißen: Plastik, Metall, Flaschen, verfaulte Lebensmittel, Papier und Pappe. Jeden Tag suchen die Familien nach recycelbarem Material, das sie für ein paar Cent verkaufen können. Die Abfallberge sind zu ihrer Heimat geworden. 50 Familien, insgesamt 250 Menschen, leben am Rande der Müllkippe von Honiara, der Hauptstadt der Salomonen.

Viele Menschen von den benachbarten Inseln zieht es in die Hauptstadt. Sie erhoffen sich dort Arbeit und ein besseres Leben. Doch auch unter den 84.000 Bewohnern der Hauptstadt ist die Arbeitslosigkeit hoch. Die Salomonen sind einer der ärmsten Staaten Ozeaniens. Tausende Menschen leben in informellen Siedlungen, immer mehr schießen davon aus dem Boden. Der Vorort Ranadi liegt im Osten der Hauptstadt. Hier befindet sich auch die Müllkippe der Stadt mit zwei informellen Siedlungen. „Die meisten Familien auf den Salomonen können dem Teufelskreis der Armut nicht entfliehen. Sie können nicht mal die elementaren Grundbedürfnisse des täglichen Lebens stillen oder ihre Kinder zur Schule schicken“, betont Pater Srimal Priyanga Silva, Direktor des Don Bosco Technical Institute Henderson in Honiara. Auch die Kinder würden später wieder unter Armut leiden und keine Zukunftschancen haben. „Nur durch Bildung und eine gute Ausbildung kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden“, ist sich der Pater sicher.

Mit dem Don Bosco Bus direkt in die Schule

Die Kinder und Jugendlichen müssten den Eltern bei der Arbeit helfen. Die meisten hätten noch nie eine Schule besucht. Auf den Solomon Islands gibt es keine Schulpflicht. 30 Prozent der Kinder, die die Grundschule verlassen, könnten weder lesen noch schreiben. Auch Jungen und Mädchen von weiterführenden Schulen hätten dieses Problem. „Die staatlichen Schulen können sich die Familien hier nicht leisten. Von den Kindern in Ranadi besuchen nur fünf eine Schule“, sagt Pater Srimal. Seit Anfang 2019 bietet Don Bosco deshalb für Kinder im Grundschulalter Alphabetisierungskurse an. Auch Rechnen und Schreiben wird gelehrt. Etwa 70 Kinder zwischen fünf und 15 Jahren nehmen daran teil. Sie werden mit dem Don Bosco Schulbus auf der Müllkippe abgeholt und nach drei Stunden wieder zurückgebracht. In der Schule erhalten die Jungen und Mädchen auch einen kleinen Snack. Fast alle Kinder sind mangelernährt und haben zudem oft offene Wunden oder Verletzungen, die medizinisch versorgt werden müssen. Im Institut gibt es auch eine Krankenschwester, die die Kinder verarztet. Viele Kinder werden von ihren Eltern auf die verseuchten Halden geschickt, damit sie zum Beispiel Metallteile sammeln, die sich weiterverkaufen lassen.

Das Leben auf der Müllkippe hat auch Folgen für die Gesundheit: Atemwegserkrankungen, Ausschläge und Durchfallerkrankungen sind weit verbreitet. Ein weiteres Problem ist, dass die Bewohner von Ranadi keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. „Die hygienischen Verhältnisse sind mangelhaft. Es gibt auch keine sanitären Einrichtungen. Hinzu kommt, dass die Kinder in Bächen schwimmen und baden gehen, die völlig verseucht sind“, beklagt Pater Srimal. Anfang dieses Jahres hat Don Bosco den Bewohnern von Ranadi zwei Wassertanks zur Verfügung gestellt.
„Das Leben hier ist sehr schwierig, wir leben in einer extrem ungesunden Umgebung“, sagt Philip Samani. Der 18-Jährige hat nach der vierten Klasse die Schule verlassen. Er konnte weder lesen noch schreiben. Als Kind musste er seinen Eltern helfen. Jeden Tag hat er den Müll nach etwas Verwertbarem durchsucht und für ein paar Cent verkauft. Auch nach Essensresten, die dann an die Hausschweine der Familie verfüttert wurden, suchte er. „Als die Patres in unsere Siedlung kamen und uns anboten, das Institut zu besuchen, hat mir das Mut gemacht. Bildung ist sehr wichtig! Ich habe jetzt die Chance auf eine bessere Zukunft.“

Auch die 19-jährige Rose Betty hat die Schule früh abgebrochen. Nachdem ihre Mutter sie verlassen hatte, musste sie sich um die sechs Geschwister kümmern. Alle Kinder mussten mitarbeiten, um das Überleben der Familie zu sichern. Die Mülldeponie war ihr zweites Zuhause. Jeden Tag durchforsteten sie die Müllberge. „Meine Hoffnung ist, dass ich durch eine Ausbildung am Don Bosco Technical Institute eine gute Arbeit finden kann. So kann ich auch meine Familie besser unterstützen“, betont Rose. Die junge Frau näht und schneidert mit Begeisterung.  

Für die Mädchen ist die Situation auf den Müllkippen besonders schwer. Sie werden früh verheiratet und bekommen auch früh Kinder. Viele von ihnen haben Erfahrungen von sexueller Gewalt.

Ausbildung zu qualifizierten Fachkräften

Mehr als 300 Studenten lassen sich mittlerweile im Don Bosco Technical Institute Henderson ausbilden – in Kraftfahrzeugtechnik, Computertechnologie oder in der Wartung und Montage von Maschinen. Auch das Handwerk des Zimmerers wird gelehrt. Darüber hinaus können sich die Jugendlichen auch Fertigkeiten für die Tourismusbranche aneignen. Ein Lehrgang dauert insgesamt drei Jahre, im dritten Jahr werden die Schüler am Arbeitsplatz ausgebildet. Drei Don Bosco Schwestern geben zudem Kurse im Nähen und Schneidern. „Fast alle unsere Jugendlichen finden danach eine Arbeit. Mit dem Zertifikat unserer Schule werden sie gerne genommen, weil sie qualifizierte Fachkräfte sind“, freut sich Pater Srimal.

Elizabeth Wakena hat sechs Kinder, die sie versorgen muss. Nur eines davon besucht die Schule. Ihr Wunsch ist es aber, dass alle ihre Kinder zur Schule gehen. „Auch, wenn ich selbst nicht zur Schule gehen konnte, so möchte ich doch, dass meine Kinder diese Möglichkeit erhalten“, so die engagierte Frau, die auch in der Dorfgemeinschaft sehr aktiv ist. „Ich möchte für meine Kinder eine bessere Zukunft – fern vom Müll, und das gelingt nur mit Bildung.“

Mehr Informationen über die Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern auf den Salomonen bei Don Bosco Mission Bonn, Don Bosco Mission Austria und der Missionsprokur der Don Bosco Schwestern.

Don Bosco auf den Salomonen

Seit dem Jahr 2000 bietet das Don Bosco Technical Institute Henderson jungen Menschen im Alter zwischen 18 und 23 Jahren Berufsausbildungen an. Neu hinzugekommen sind seit Anfang dieses Jahres Alphabetisierungskurse, in denen die Jungen und Mädchen auf die regulären Schulen vorbereitet werden sollen. Seit Januar 2007 sind die Don Bosco Schwestern auf den Salomonen tätig. 2010 haben sie ein Mädchenhostel in Henderson eröffnet. Das Wohnheim befindet sich gegenüber vom Don Bosco Technical Institute und bietet Platz für insgesamt 36 Mädchen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren.