Krisensituation

Mit Trennung und Scheidung umgehen

Immer wieder erlebt Erzieher Christian Huber, dass Eltern der von ihm betreuten Kinder und Jugendlichen sich trennen. Er kennt die Gefühle und Sorgen der Kinder und weiß: Jede Situation ist unterschiedlich. Dennoch hat er ein paar Tipps parat.

veröffentlicht am 01.03.2021

Es ist Montag, in der Kita-Gruppe findet ein Stuhlkreis statt, indem die Kinder von ihrem Wochenende erzählen dürfen. Mustafa erzählt, dass er mit seinen Eltern im Park war und am Abend zuhause noch Pizza bestellt wurde. Ein super Wochenende. Anschließend fängt Sabrina den kleinen Igelball und die Kinder sind gespannt, was sie wohl erzählt. „Mein Wochenende war doof!“ sagt sie, „meine Eltern haben die ganze Zeit nur gestritten, Mama hat geweint und Papa ist gegangen.“ Es herrscht Stille. Sabrina wirft den Ball dem nächsten Kind zu.

Fragen über Fragen

Was in Film und Fernsehen absolut alltäglich ist, eine Trennung, stellt Menschen in der Realität häufig vor einen scheinbar unüberwindbaren Scherbenhaufen. Der Mensch, mit dem man alt werden und den Rest des Lebens verbringen wollte, möchte das nicht mehr. Oder man stellt gemeinsam fest, dass die Differenzen im Vergleich mit den verbindenden Elementen einfach überwiegen. Im schlimmsten Fall gibt es Gewalt in der Beziehung und eine Trennung erscheint unausweichlich.

Nun kann viel zusammenkommen. Möglicherweise das eigene Gefühlschaos wegen der Trennung. Fragen über Fragen schießen vielen durch den Kopf: Wie geht es nun weiter? Werde ich für immer alleine sein? Wie soll ich das finanziell alleine stemmen? Dazu kommt das schlechte Gewissen oder die Sorgen gegenüber Kindern dazu. Wie es ihnen am besten sagen? Werden sich die Kinder Vorwürfe machen oder sich gar die Schuld an der Trennung geben? Werden sie das verarbeiten können?

Meine Empfehlung: Versuchen Sie nicht, alles irgendwie alleine hinzubekommen. Es wird vielleicht nicht klappen und ist einfach zu viel. Scheuen Sie sich nicht davor, professionelle Hilfe oder Rat in Anspruch zu nehmen. Manchmal mag eine Trennung für beide wie eine Befreiung sein. Für das Kind oder die Kinder ist sie aber zunächst meist eine Katastrophe. Sowohl während meiner Zeit in der Jugendhilfe als auch jetzt in der Kita ist das Thema Trennung und Scheidung immer wieder aktuell. Ältere Kinder oder Jugendliche können dabei oft leichter verstehen, was vor sich geht. Das heißt jedoch nicht, dass sie damit leichter umgehen könnten, oft sogar im Gegenteil.

Nicht vor Jugendlichen die Starke spielen

Ich kann mich an manches Gespräch mit jungen Leuten erinnern, in dem sie mir ihre Sorgen und Ängste in Bezug auf die Trennung der Eltern anvertraut haben. Nicht selten hatte ich das Gefühl, tatsächlich von Existenzängsten erzählt zu bekommen. Für Heranwachsende ist es besonders hart, beispielsweise die verzweifelte Mutter vor Sorgen und Zukunftsängsten weinen zu sehen. Dabei sind ihre Antennen äußerst sensibel. Versuchen Sie daher nicht, vor dem jungen Menschen die Starke oder den Starken zu spielen, denn das löst in der Regel noch mehr Angst aus, da Jugendliche durch das Verschweigen zusätzlich verunsichert werden. Auch hier gilt: Suchen Sie sich Rat, um das Gleichgewicht von zu wenig und zu viel Information für Ihr Kind auszuloten.

Bei jüngeren Kindern gestaltet sich alles oft noch etwas komplizierter. Sie können noch schwer verstehen, was passiert ist. „Die Mama hat den Papa nicht mehr lieb“, sagt Sabrina später im Garten. Sie spielt heute wenig mit den anderen Kindern, wirkt müde. Auf die Frage, wieso sie das glaubt, antwortet sie ganz klar, dass sie das gehört hat. „Mama und Papa dachten, ich schlafe, aber ich war noch wach und habe alles gehört.“ Es war klar, dass das alles beim Abholen thematisiert werden muss. Meine Überlegungen, wie das Gespräch am besten einzuleiten ist, erwiesen sich als unnötig. Sabrinas Mutter kam von sich aus auf uns zu und erklärte, was Sabrina längst erzählt hatte. Natürlich ist das kein Thema für ein Tür-und-Angel-Gespräch. Deshalb wurde für den nächsten Morgen ein Elterngespräch in geschütztem Raum vereinbart. Tatsächlich kamen beide Eltern und waren erschüttert, als sie erfuhren, wie viel Sabrina bereits mitbekommen hatte und was ihre Gedanken zum Erlebten waren.  

Immer wieder fragen sich ehemalige Partner auch, ob es besser gewesen wäre, trotz aller Differenzen zusammenzubleiben. Tatsächlich ist es so, dass die Kinder nach einer Trennung häufig am meisten leiden. Manche von ihnen zeigen plötzlich Auffälligkeiten im Verhalten oder machen Rückschritte. Das ist jedoch nicht immer so. Und: Kinder leiden auch unter einem Familienleben, das längst keines mehr ist, sondern nur noch eine Fassade.

Eine Trennung zu verarbeiten, braucht Zeit

In einer solchen Situation gute Ratschläge zu geben, ist sehr schwer. Jede und jeder, die oder der eine schwere Trennung hinter sich hat, weiß das. Gut gemeinte Tipps bewirken nicht selten genau das Gegenteil in uns. Doch es gibt durchaus ein paar Dinge, die man beachten kann:

  • Sprechen Sie mit den Kindern erst dann über die Trennung, wenn Sie sich wirklich einig sind, dass Sie wirklich beide eine solche beabsichtigen und vermeiden Sie ein Hin-und-Her.
  • Kinder brauchen in dieser Situation besonders viel Aufmerksamkeit und Zuwendung, um Sicherheit zu gewinnen.
  • Zeigen Sie klare Perspektiven auf, sodass die Kinder wissen, was als nächstes passiert.
  • Erklären Sie Ihrem Kind, dass es keine Schuld an der Trennung trägt und von beiden Eltern immer noch und weiterhin geliebt wird.
  • Nehmen Sie keine Schuldzuweisungen vor, auch wenn Sie Ihnen noch sehr auf dem Herzen liegen. Für Kinder sind die Eltern lange Zeit Helden, egal was passiert.
  • Bevormunden Sie Ihr Kind in diesem Prozess nicht. Lehnt es das Kind beispielsweise vorübergehend ab, einen Elternteil zu besuchen, sollte das nicht erzwungen werden.

Kinder sind verschieden und gehen unterschiedlich mit Situationen wie einer Trennung um. Deshalb lässt sich auch nicht pauschal beantworten, wie lange es dauern wird, bis ein Kind eine Trennung verarbeitet haben. Fragen Sie sich selbst, wie lange Sie brauchen, um mit der Trennung klarzukommen. Manche Trennung verarbeitet man nie ganz. Auch bei Kindern kann dieser Prozess Jahre in Anspruch nehmen. Zudem verläuft er nicht gleichförmig. Es gibt Zeiten, wo es so wirkt, als wäre das Kind darüber hinweg, dann kann eine Phase kommen, wo es wieder schwieriger ist. Geben Sie sich und Ihren Kindern die Zeit, die jede und jeder braucht!


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