Freizeit gestalten
Sport, Musik, Jugendarbeit: Warum Hobbys mehr sind als ein nettes Extra
Schule bestimmt heute einen Großteil des kindlichen Alltags. Daneben wirken Hobbys manchmal wie eine verzichtbare Ergänzung. Warum sie viel mehr und besonders wichtig für die Entwicklung und Selbstfindung sind, erklärt Psychologin Elke Schicke.
veröffentlicht am 31.07.2026
Svea* spielt Handball, Leon Posaune, Roland liebt „Pokémon Go“ und Lara leitet eine Jugendgruppe. Rund 80 Prozent der Kinder und zwei Drittel aller Jugendlichen gehen einer regelmäßigen Freizeitbeschäftigung nach. Und das ist gut so, sagt Psychologin Elke Schicke. „Hobbys sind ein wichtiges Standbein im Leben. Wenn Kinder auf allen Vieren stehen – mit Schule, Familie, Freunden und Hobbys – dann wirft sie so schnell nichts um. Auch wenn es mal in einem Bereich nicht so gut läuft und ein Bein wackelt.“
So wie bei Svea. Sie hat gerade Probleme in der Schule. Der Mathelehrer ist ätzend und ihre liebste Klassenkameradin versteht sich neuerdings total gut mit einer anderen. Als Keeperin in ihrem Handballteam aber läuft sie zur Höchstform auf. Beim letzten Spiel hat sie zwei harte Pässe gehalten. „Erfolg im Hobby stärkt bei Kindern das Selbstbewusstsein“, sagt Elke Schicke. Das Besondere: Hier entscheiden sie selbst, wofür sie ihre Zeit, Kraft und Motivation einsetzen und wo sie sich verbessern wollen.
Hobbys sollen Spaß machen und guttun
Dabei ist es gut, sich umzuschauen und auszuprobieren. Hobbys fördern das Selbsterleben. Kinder entdecken, wie vielfältig sie sind, was ihnen gefällt, ob sie ein Talent besitzen. Elke Schicke hat das in ihrer Kindheit selbst erlebt. „Ich war damals im Polizeisportverein und habe dort jedes einzelne Angebot mitgemacht. Zusammen mit einer Freundin bin ich sogar Kegeln gegangen, mit lauter alten Leuten. Heute kann ich jede Sportart immerhin so gut, dass ich überall mitmachen kann“, sagt sie lachend.
Ein besonderes Talent hat sich dabei nicht herauskristallisiert und das ist auch nicht schlimm. „Ich bin der Meinung, dass ein Hobby in erster Linie Spaß machen soll. Ich mag Don Boscos Ausspruch ‚Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.‘ Einfach mal reintröten, in die Posaune! Egal, ob es sich gut anhört oder nicht, Hauptsache es fühlt sich super an.“ Ein gutes Hobby erkennt man daran, dass man hinterher denkt: Das hat mir gutgetan, mich vielleicht gefordert, auf jeden Fall aber erfüllt.
Viele Eltern neigen dazu, Interessen zu schnell zu professionalisieren
Vielen Eltern fällt es heute schwer, die Dinge laufen zu lassen. Sie neigen dazu, Interessen oder Gelegenheiten schnell zu professionalisieren. Leon spielt gut Posaune? Schon geht der Gedanke in Richtung Musikstudium. Lisa hat Spaß am Malen, dann statten wir die junge Expressionistin gleich mal mit einer Palette und hochwertigen Farben aus. „Man muss aber auch aushalten, dass ein Kind drei Wochen lang etwas richtig toll findet und dann keinen Bock mehr hat“, so Schicke. Wer nur ziel- und zweckorientiert auf Hobbys schaut, verpasst manchmal die Schönheit des Augenblicks.
Natürlich gibt es auch Kinder, die ein Hobby sehr aktiv und mit viel Leistungsbereitschaft betreiben. Vor allem bei guten Nachwuchsfußballern ist das ein Thema. So wie bei Ben. Der dreizehnjährige Torwart hat gerade zu einem besseren Verein gewechselt und trainiert mehrmals pro Woche. „Ich finde das total legitim, wenn er Fußballprofi werden will. Dann wird der Sport zum Lebensinhalt, dem man vieles unterordnet. Das ist dann kein Hobby mehr im klassischen Sinn, sondern eher der frühe Beginn einer möglichen Berufskarriere.“
Durch Hobbys lernen Kinder, sich verbindlich auf etwas einzulassen
Die Übergänge sind oft fließend. „Meine Tochter hat früher viel getanzt und da gab es Mädchen, die nur mal gucken wollten und andere, die im Tanzen ihren Lebenssinn gefunden haben." Doch manchmal stellt man auch fest: Das hier ist so gar nichts (mehr) für mich. „Wenn man merkt, man arbeitet ein Hobby nur ab, dann darf man damit auch wieder aufhören.“ Das bedeutet nicht, beim ersten Motivationstief gleich aufzugeben. „Haben Kinder keine Lust mehr, kann man vereinbaren, dass sie noch dreimal hingehen.“ Damit gibt man der Sache noch eine Chance. Manchmal steigt die Moral wieder und wenn nicht, können sie guten Gewissens aufhören.
Üben Kinder regelmäßig ein Hobby aus, lernen sie dabei auch, sich verbindlich auf etwas einzulassen. „Eltern können es ihren Kindern vorleben, indem sie zum Beispiel selbst jede Woche in den Chor gehen oder in einen Verein. Ich erlebe Verbindlichkeit als verschwindende Tugend. Viele Ehrenamtliche schmeißen das Handtuch, weil ihr Engagement nicht wertgeschätzt wird, andere nur zum Konsumieren kommen oder ohne Absage fernbleiben.“ Dabei kann gerade die Verbindung zwischen Kindern und jungen Teamern sehr gewinnbringend für beide Seiten sein.
Babysitting? Gruppenleitung? Jugendliche wachsen mit ihren Aufgaben
„Man sagt doch immer, es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Und diese Anleiterinnen und Trainerinnen tragen etwas bei, was Eltern gegebenenfalls nicht im Angebot haben“, sagt Schicke. Sie hat es bei ihrem Sohn erlebt. Er saß beim Basketball meist auf der Ersatzbank. Als sie ihn fragte, warum er trotzdem weitermache, sagte er, wegen seiner Trainerin. „Er fand sie so toll, weil sie ihnen so viel über Mannschafts- und Sportsgeist beigebrachte.“
Für Jugendliche kann es ein wichtiger Entwicklungsschritt sein, wenn sie sich engagieren und Verantwortung übernehmen. „Gerade den etwas Planlosen, empfehle ich gerne Babysitten oder eine Gruppenleitung. Wenn sie merken, dass man es ihnen wirklich zutraut, können auch Jugendliche, die sonst eher verzettelt sind, plötzlich zuverlässig und pünktlich sein, organisieren und kommunizieren.“ Auf diese Weise wachsen sie mit ihren Aufgaben.
Kirchliche Jugendgruppen fördern das soziale Miteinander
Wenn es um soziales Miteinander geht, empfiehlt Elke Schicke gerne kirchliche Jugendgruppen. Oft wissen Kinder und Jugendliche nicht, wie sie aufeinander zugehen und Kontakte knüpfen sollen. Schnell hat man sich hinter dem Handy versteckt. „Bei den Firmlingen oder Konfirmanden ist es egal, wie man aussieht, wo man herkommt oder welche Noten man schreibt. Die Botschaft ist: Der liebe Gott hat dich gern, du musst nichts mitbringen, du musst nichts beweisen. Hauptsache du bist da! Eine Wahnsinnserfahrung, die Kinder sonst kaum irgendwo machen.“
Und wenn ein Kind aus jeder Schnupperstunde flieht und einfach nur zu Hause chillen will? Solange es ihm dabei gut geht, ist das auch okay. „Die Fähigkeit zu entspannen und achtsam zu sein, ist etwas, was wir in diesen verrückten Zeiten dringend brauchen“, nimmt Elke Schicke den Druck. Und sie meint damit bewusst nicht Zuballern mit Bildschirmzeit. „Rumliegen und den Wolken nachschauen ist eine wertvolle Beschäftigung. Freizeit sollte ein Raum sein, in dem man eins mit sich selbst ist und erkennt: Ich bin gut so, wie ich bin.“
*Die Namen der Kinder wurden aus Gründen der Anschaulichkeit beispielhaft gewählt.
Tipps für Eltern von Elke Schicke
Lassen Sie Ihr Kind ausprobieren
Nicht jedes Interesse muss sofort zum festen Hobby werden. Gerade jüngere Kinder dürfen schnuppern, wechseln und entdecken, was ihnen wirklich Freude macht. Manchmal reicht es auch, am Bach zu spielen oder zu basteln.
Nicht jedes Hobby muss später nützlich sein
Viele Eltern fragen sehr schnell: Was bringt das meinem Kind? Viel wichtiger ist jedoch, ob das Kind Freude daran hat. Ein Hobby darf Spaß machen und zweckfrei sein – und es darf sich auch wieder verändern.
Helfen Sie über kleine Durststrecken hinweg
Nicht jedes Motivationstief bedeutet, dass ein Hobby das falsche ist. Elke Schicke empfiehlt eine einfache Regel: Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind, noch drei Mal mitzumachen. Ist es danach immer noch unglücklich, darf es aufhören.
Fragen Sie nach, statt vorschnell zu bewerten
Wenn Ihr Kind plötzlich nicht mehr mag, helfen offene Fragen mehr als gute Ratschläge: Was gefällt dir und was nicht? Was wünschst du dir? Woran merkst du, dass du aufhören möchtest? So lernen Kinder, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse besser wahrzunehmen.
Trauen Sie Ihrem Kind Verantwortung zu
Ein Hobby darf auch ein Übungsfeld für Selbstständigkeit sein. Turnschuhe vergessen? Zu spät losgegangen? Dann erlebt das Kind die Folgen seines Handelns – und wächst daran. Eltern müssen nicht jede Kleinigkeit organisieren.
Seien Sie Fan statt Trainer
Am Spielfeldrand oder beim Vorspiel brauchen Kinder vor allem eines: Eltern, die sich mit ihnen freuen – darüber, dass es sich traut und mitmacht. Nicht der Pokal zählt, sondern der Mut, sich auszuprobieren und dranzubleiben.






