Traumberuf

Die Astronautin – Eine Frau auf dem Weg ins All

Schon als Kind wollte Insa Thiele-Eich Astronautin werden. Seit 2017 absolviert die Meteorologin und Mutter von drei Kindern eine Raumfahrausbildung. Sie hofft, dass immer mehr Frauen in typischen Männerberufen Fuß fassen.

veröffentlicht am 04.05.2021

„Astronautin“, sagte Insa schon als Mädchen, wenn sie gefragt wurde, was sie denn mal werden wolle. In einem Heidelberger Kinderzimmer hätte sie dafür wohl ein nachsichtiges Schmunzeln geerntet – und vielleicht auch eine hochgezogene Augenbraue. Nicht nur wegen des naiven Kinderwunsches, sondern vor allem, weil er von einem Mädchen kam. Deutschland war in den 90er-Jahren von einer Raumfahrerin so weit entfernt wie der Mars von der Venus. In Insas Welt jedoch sah das ganz anders aus.

Als Tochter eines Astronauten lebte sie jahrelang mit ihrer Familie im NASA-Hauptquartier in Houston, Texas. Ihr Vater absolvierte eine Ausbildung zum Missionsspezialisten, die ihn im Jahr 2000 tatsächlich ins All bringen sollte. Für Insa gehörten die Raketenstarts ihrer Nachbarn zum Alltag. Während die angehenden Raumfahrern und Raumfahrerinnen trainierten, hütete sie deren Kinder. Astronautin schien ihr also ein völlig naheliegender Beruf zu sein, erlebte sie doch täglich, wie Frauen gleichberechtigt mit Männern in dieser Branche zusammenarbeiteten.

Als sie ausgewählt wurde, war das ein Schock für sie

Während die russische Kosmonautin Valentina Tereschkowa bereits 1963 den Weltraum erkundete und 20 Jahre später auch die erste US-Amerikanerin ins All durfte, spricht man im deutschsprachigen Raum im Jahr 2021 immer noch von „bemannter Raumfahrt“. Jeder sechste Passagier einer Weltraumrakete ist mittlerweile weiblich, und doch hat noch nie eine deutsche Frau die Erdatmosphäre verlassen. Immer wieder gibt es Stimmen, die Frauen generell eine Eignung für die Raumfahrt absprechen.

Insa Thiele-Eich findet das einfach absurd. Die promovierte Meteorologin, die an der Universität Bonn unterrichtet, möchte Mädchen Mut machen, in diese und andere Männerdomänen einzudringen. Als die Privatinitiative „Die Astronautin“ 2017 in einem Auswahlverfahren zwei Frauen suchte, um sie zu Raumfahrerinnen ausbilden zu lassen, war Insa inkognito mit dabei. Niemand wusste, dass sie die Tochter des Astronauten Gerhard Thiele war. Trotzdem setzte sich die Naturwissenschaftlerin aus Königswinter am Ende durch.

„Die Entscheidung war zuerst ein Schock für mich“, gesteht Insa. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die dreifache Mutter richtig freuen konnte. Erst bei der Verkündung sei ihr wirklich bewusst geworden, was das alles für sie und ihre Familie bedeutete. An die Heimfahrt könne sie sich nicht mehr erinnern. „Aber ich weiß, dass ich an jenem Abend so neben mir stand, dass ich mir mit der Rasiercreme meines Mannes die Zähne geputzt habe“, schreibt sie in ihrem Buch „Astronauten“, das sie gemeinsam mit ihrem Vater verfasst hat.

Ihr Blick auf die Welt hat auch eine spirituelle Dimension

„Ich war acht Jahre alt, als mich die Sehnsucht nach dem All packte“, erinnert sich die 37-Jährige. „Wir machten Urlaub in den Bergen. Eines Abends schauten wir in den Nachthimmel, der weit weg von der Großstadt so viel klarer war.“ Ihr Vater zeigte ihnen die zwei Millionen Lichtjahre entfernte Andromeda-Galaxie. „Dass es da draußen noch mehr Galaxien geben sollte, stellte mein kindliches Denken auf den Kopf.“ Und weckte die Hoffnung, Antworten zu finden auf Fragen wie: „Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Welchen Platz haben wir im Universum?“

Es sind solche existenziellen Fragen, die alle Menschen umtreiben. Sogar Papst Franziskus richtete sie vor vier Jahren an die Besatzung der Raumstation ISS. „Ich denke nicht, dass man Glaube und Wissenschaft trennen muss“, sagt Insa Thiele-Eich, die gerade wegen vieler naturwissenschaftlicher Phänomene an eine höhere Macht glaubt. Den christlichen Glauben empfindet sie als Kraftquelle. Ihr Forscherinnenblick auf die Welt wird wohl auch immer ein spirituelles Moment haben.

Astronautinnen und Astronauten haben allen anderen Menschen etwas voraus: Sie sind die Einzigen, die unseren Planeten als Ganzes gesehen, ihn aus der Entfernung betrachtet haben. Das scheint demütig zu machen – und weise. Bei seinem letzten Besuch auf der ISS entschuldigte sich der deutsche Astronaut Alexander Gerst in einer bewegenden Videobotschaft bei seinen ungeborenen Enkeln für den Raubbau unserer Generation am „Raumschiff Erde“. In seiner Ansprache sagte er einen wichtigen Satz: „Jungen und Mädchen können die Dinge genauso gut.“

Zwei Vollzeitjobs, drei Kinder und ein Haus

Frauen können Schiffe, Busse und Lkws lenken, Software entwickeln, am Herzen operieren und Autos konstruieren. Theoretisch. Praktisch liest sich die Liste der Berufe, in denen Frauen arbeiten, immer noch sehr einseitig. Während ihr Anteil in sozialen Branchen über 80 Prozent liegt, ist der Hoch- und Tiefbau mit 1,5 Prozent nahezu frauenfrei. Trotzdem begegnet man auf Kränen oder in Kanälen immer noch mehr Damen als in der Erdumlaufbahn.

„Ob sich ein Mädchen für sogenannte Männerberufe interessiert, hängt sehr davon ab, was es zu Hause erlebt“, sagt Insa Thiele-Eich. Ihr selbst wäre nie in den Sinn gekommen, dass ein naturwissenschaftliches Fach nichts für sie sein könnte. „Meine Eltern haben uns vorgelebt, dass wir alles machen können.“ Diese Offenheit möchte Insa an ihre Kinder weitergeben. Deshalb hat die Familie den Satz „Ich kann das nicht“ ersetzt durch „Ich kann das noch nicht“. Und so schmiert ihr Mann Butterbrote für die Schule, während die zehnjährige Tochter den Kamin anheizt.

Familienalltag im Hause Thiele-Eich gleicht häufig einem Leben auf der Überholspur. Kein Wunder, wenn zwei Vollzeitjobs, drei Kinder und ein Haus unter einen Hut gebracht werden wollen. Vater Daniel ist in der Finanzbranche tätig, Insa zu 70 Prozent an der Uni Bonn und zu 50 Prozent Astronautin. Und ja, sie weiß sehr gut, dass das mehr als 100 Prozent ergibt. Schließlich lebt sie es seit vielen Jahren. Zu ihrer Raumfahrausbildung gehören Dienstreisen rund um die Welt und ein umfangreiches Training. Bei Tauch- und Flugprüfungen, Raketensimulationen, Parabelflügen und schwindelerregenden Einheiten in der Zentrifuge erlebt sie echte Extremsituationen.

An die eigenen Grenzen gehen

In Marseille lernte sie, mit ihrer Kollegin Suzanna Randall bei Tauchgängen in völliger Orientierungslosigkeit zu arbeiten. In Houston simulierte sie ein Andockmanöver an eine Raumstation. Alles, was sie an ihre Grenzen bringt, ist gut, denn genau da will Insa hin. „Man steigt nicht mal eben in ein Raumschiff wie in einen Bus“, lacht das Energiebündel und freut sich schon darauf, im Frühjahr ein Höhlentraining zu absolvieren. Eine ganze Woche lang wird sie unter Tage leben und forschen und nebenbei ihre körperliche und seelische Belastbarkeit testen. „Auf der ISS kann ich auch nicht sagen, ich brauch ’ne Pause und gehe mal eben fünf Minuten an die frische Luft.“

Wenn Insa unterwegs ist, hat sie immer das Stoffkätzchen ihrer Kinder dabei. Beim ersten Parabelflug schwebte es davon und tauchte erst nach der Landung wieder auf. Wie schafft Insa es, die Raumfahrausbildung, ihre Dozententätigkeit und ihr Familienleben zu vereinbaren? Indem sie flexibel und nicht nur im Lockdown so viel wie möglich von zu Hause arbeitet. Manchmal auch nachts und am Wochenende. Gemeinsam mit ihrem Mann bildet sie ein starkes Team, alle sind so gut eingespielt, dass nun sogar noch ein Hund die fünfköpfige Familie bereichert.


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