Urlaub mit Kindern

34 Länder: Eine Familie entdeckt Europa

Wer mit Kindern reist, kann nicht einfach von einer Sehenswürdigkeit zur anderen hetzen. Für Lena Marie Hahn und ihre Familie beginnt Urlaub dort, wo sie das Tempo drosseln, gemeinsam staunen und die Welt aus Kinderperspektive entdecken.

veröffentlicht am 18.05.2026

Es ist ein Löwenzahn! Goldgelb schimmert er auf der Almwiese und zieht Janis Aufmerksamkeit auf sich, weil er anders aussieht. Kurz darauf versammelt sich die ganze Familie um den 10-Jährigen. Ein Pflanzenbestimmungsbuch wird aus dem Rucksack gezogen, die richtige Seite gesucht. Und siehe da, Janis hat recht: Der Alpenlöwenzahn ist viel zarter, krautiger und kauert sich mehr an den Boden als seine größeren Kollegen zu Hause im niedersächsischen Obernkirchen. 

Für Reisebloggerin Lena Marie Hahn ist gerade dieses Urlaubserlebnis über zehn Jahren besonders in Erinnerung geblieben. Und wir sprechen hier von einer Familie, die 34 Länder erkundet, einen elfmonatigen Roadtrip durch Südeuropa gemacht und in manchen Jahren kaum ein Wochenende zu Hause verbringt. Für Lena ist es nicht der Eiffelturm, nicht die Spanische Treppe, es sind nicht die Ruinen von Troja oder die Harry Potter Studios in London. Es ist ein Löwenzahn in den österreichischen Alpen. 

Ein Sinnbild für das, was Urlaub der Familie bis heute bedeutet. „Uns geht es nicht um das Abarbeiten spektakulärer Sehenswürdigkeiten, sondern um gemeinsame Zeit, darum die Welt zu entdecken“, sagt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und einer sechsjährigen Tochter. Mit dem Reisen ging es langsam los, als ihr Ältester zur Welt kam. „Wir waren Anfang zwanzig, noch im Studium und hatten nicht viel Geld“, erklärt Lena.

Mit vollbepacktem Auto auf Tour

Um das Fernweh zu stillen, finden sie und ihr Mann Martin zunächst einen anderen Weg, der nicht weiter führt als ins eigene Wohnzimmer. Es sind die frühen 2000er-Jahre und das Paar wird Gastgeber im Couchsurfing-Netzwerk - eine weltweite Community, deren Mitglieder sich gegenseitig ein Gästezimmer oder eben ihre Couch kostenlos zum Übernachten anbieten. Auf diese Weise finden viele Reisende samt ihrer Abenteuergeschichten den Weg in Lenas Wohnzimmer. 

Sie sind es, die Lena und Martin zu ihren Familienreisen unter dem Motto „low budget, high culture, more nature“ inspirieren. Mit Baby Janis und vollbepacktem Auto gehen sie auf Tour, sehr gerne auch durch Deutschland. Fliegen kommt für Familie Hahn nicht in Frage: aus Umweltgründen, aber auch, weil der Weg für sie mindestens genauso wichtig ist wie das Ziel. „Wir haben ein echtes Bedürfnis, neue Gegenden und Orte zu erkunden und zu erforschen. Und das lässt sich bei einem Roadtrip am besten umsetzen.“

Die junge Familie übernachtet bei Couchsurfing-Gastgebern und in günstigen Ferienwohnungen. Als 2006 Silas zur Welt kommt, geht es zu viert weiter. Beide Jungs sind die geborenen Reisekinder. „Sie haben eigentlich überall gut geschlafen, alles mitgemacht. Stadttouren waren für uns sogar einfacher, als die Kinder noch im Buggy saßen.“ Klar muss man dann auch viel Zeit auf Pariser Spielplätzen verbringen, obwohl man lieber über den Montmartre schlendern würde. 

Durch die Kinder Staunen lernen

Doch was einerseits ausbremst, ist für Lena und Martin zugleich ein Gewinn. „Wir haben von den Kindern das Staunen gelernt und uns auf ihr Tempo und ihre Augenhöhe eingestellt. Es ging uns nie darum, ihnen als allwissende Eltern die Welt zu zeigen.“ Von Janis und Silas lernen sie, genau hinzusehen, die Dinge zu betrachten, als wäre es das erste Mal. „Man findet überall spannende Sachen, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.“ Das Löwenzahnprinzip eben.

Die Familie genießt das gemeinsame Reisen so sehr, dass immer wieder der Gedanke an eine längere Auszeit aufkommt. „Als Couchsurfing-Gastgeber lernten wir Familien kennen, die schon monatelang unterwegs waren. Das habe ich mir auch für meine Jungs gewünscht“, erzählt Lena. Viele raten ihr, noch während der Kindergartenzeit zu fahren. „Aber Janis und Silas sollten sich später an die Reise erinnern können, deswegen haben wir gewartet.“

Es ist ein langer Weg, die Jungs aus der Schule zu nehmen. Doch schließlich findet sich eine Lösung. „Wir haben sie an einer Fernschule angemeldet und unterwegs selbst unterrichtet. Das lief so gut, dass wir nur eine Stunde am Tag lernen mussten und das Schuljahr bereits an Ostern beenden konnten.“ Lena selbst pausiert für die Reise ihre Selbstständigkeit, Martin kündigt seine Festanstellung, nachdem ein Sabbatical nicht zustande kommt. Der Maschinenbauingenieur findet schnell eine neue Anstellung und steigt nach der Rückkehr wieder ein.

Von Island bis Sizilien

Elf Monate reist die Familie kreuz und quer durch Europa. Von Island bis in die Türkei, von Norwegen bis Sizilien, von Portugal bis Serbien. Meist bleiben sie nur wenige Tage, bevor alles wieder im Auto verstaut wird. In Süditalien besuchen sie eine Selbstversorger-Kommune, in einem griechischen Dorf helfen sie in der Backstube aus. Spannend wird es auch in Rumänien. „Wir hatten im Wald gepicknickt und irgendwann festgestellt, dass wir gleich neben einer Bärenhöhle saßen. Davor lag sogar ein abgenagtes Schaf.“ 

Wie viel Pech man an einem Tag haben kann, erlebte die Familie in Italien. „In Rom wurde unsere Seitenscheibe eingeschlagen. Wir haben das notdürftig mit einem Müllsack abgedichtet und sind ans Meer gefahren. Am Strand ist das Auto dann im Sand stecken geblieben und wir mussten es zwei Stunden lang mit Badelatschen ausbuddeln.“ Abends knickt Martin beim Ausladen um und zieht sich einen Bänderriss zu. Damit nicht genug, geht schließlich noch das Smartphone zu Bruch – ein Hauptutensil für die Routenplanung.

Lena verarbeitet diese Abenteuer in ihrem Buch „Die Entdeckung Europas“. Zurzeit liest sie beim Essen wieder daraus vor. „Die Jungs sind jetzt 19 und 21. Sie können sich an vieles noch gut erinnern und wir kommen darüber ins Gespräch. Dann spüren wir, wie sehr uns diese Zeit als Familie geprägt hat.“ Mit großem Interesse hört auch Nesthäkchen Franka zu, die erst seit sechs Jahren mitreist, aber genauso gerne wie ihre großen Brüder. 

Noch immer verbringen Lena und Martin ihre Abende mit Laptop auf dem Schoß und tüfteln an neuen Routen. Natürlich kennen auch sie diese Reisemomente zum Abgewöhnen. Zum Beispiel wenn der Wechsel vom Alltagstrott in den Urlaubsmodus nicht reibungslos läuft. „Früher war ich mit den Jungs zu Hause und Martin hat viel gearbeitet. Im Urlaub haben wir zwei Wochen gebraucht, um wieder zusammenzufinden. Erst die dritte Woche wurde dann richtig schön.“

Null Bock und gelungene Kompromisse

Ein Gefühl, das viele Familien kennen. Ein Urlaub ohne Reibereien ist für die meisten eher Wunschvorstellung. Deshalb rät Lena, die Erwartungen herunterzuschrauben. „Ich glaube, es ist wichtig, sich erstmal Raum und Zeit zu geben.“ Dazu gehört, nicht zu viel auf einmal zu wollen. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, vorher über unsere Wünsche und Erwartungen zu sprechen.“ Manchmal wurde aus unterschiedlichen Bedürfnissen ein gelungener Kompromiss.

Manchmal trennten sich die Wege auch für einen Tag. „Als Franka noch klein war, waren die Jungs gerade in der Null-Bock-Phase und hingen am liebsten nur mit dem Handy in der Ferienwohnung rum. Dann haben wir einfach einen Tag Kinderprogramm nur mit Franka gemacht. Das war entspannt, der Eintritt war günstiger, die Jungs hatten ihre Ruhe und wir mussten uns mal einen Tag kein Gemecker anhören“, sagt Lena. Am nächsten Tag ging es dann wieder gemeinsam los.

Egal, ob Kurzurlaub oder lange Reise: Das Heimkommen fällt der Familie aus Niedersachsen leicht. Selbst nach elf Monaten Europatour. „Wir sind ja aus reiner Abenteuerlust unterwegs gewesen, nicht weil uns etwas in unserem Leben gefehlt hätte.“ Stattdessen spüren nach der Rückkehr alle deutlich, was ihnen unterwegs gefehlt hat. „Vor allem die Sprache, die bekannten Abläufe und diese selbstverständliche Zugehörigkeit, die wir in unserem vertrauten Umfeld empfinden. Ja, wir lieben es zu reisen, aber leben wollen wir hier.“

Porträt einer Frau mit roter Sonnenbrille und langen brünetten Haaren

Lena Marie Hahn hat früh ihre Liebe zu Roadtrip-Reisen entdeckt. Mit ihrem Mann und den beiden älteren Söhnen hat sie ganz Europa erkundet und diese Erfahrung in ihrem Buch „Die Entdeckung Europas“ verarbeitet. Bis heute berichtet sie auf ihrem Blog family4travel.de über ihre Reisen, auf denen sie nun auch die sechsjährige Tochter begleitet. 


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