Lernen über den Wolken

Ricarda Schneegass bringt Jugendliche auf die Alm

Ricarda Schneegass liebt die Berge und die Herausforderung. Mit dem „Klassenzimmer auf der Alm“ schafft sie Raum für Erfahrungen, die prägen – und Jugendlichen einen Sommer schenken, der weit über die Berge hinaus wirkt.

veröffentlicht am 01.07.2026

Am glücklichsten ist Ricarda Schneegass mit ihren Kindern in den Bergen. Die Unternehmerin und leidenschaftliche Bergsportlerin ist es gewohnt, sich besonderen Herausforderungen zu stellen. Schon früh nimmt sie ihre Kinder mit zu Hüttenwanderungen – bis sie sich an den „Selvaggio blu“ wagen. Eine der anspruchsvollsten Trekkingrouten Italiens, direkt an der sardinischen Steilküste: Schotterfelder und Karstlandschaft, zahlreiche Kletter- und Abseilpassagen, nur mit Erfahrung und ortskundiger Begleitung zu bewältigen. 

„Ein Erlebnis, das ich wohl noch auf meinem Sterbebett in Erinnerung haben werde“, sagt Ricarda heute, sieben Jahre später. „Die Tour war schwer, unsere jüngste Tochter gerade mal sechs. Das gemeinsam zu meistern, hat uns zusammengeschweißt.“ Als sie nach einer schweren Etappe eine wunderschöne Meeresbucht erreichen, um dort zu biwakieren, fühlt es sich „einfach perfekt“ an. Eine Erfahrung, die den ersten Grundstein für ihr späteres gemeinnütziges Bildungsprojekt in den Alpen legt.

2024 ruft Ricarda Schneegass das „Klassenzimmer auf der Alm“ ins Leben, einen außergewöhnlichen Lernort für Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren. Seither verbringen jedes Jahr 30 von ihnen die Sommermonate auf einer abgelegenen Berghütte am Rande des österreichischen Nationalparks Kalkalpen. Sie kommen aus ganz Deutschland, teilen Haus und Alltag, arbeiten und lernen gemeinsam und genießen ihre Freiheit auf rund 1.000 Metern Höhe. 

Sie selbst bezeichnet sich als Freigeist, der manchmal auch aneckt

Für die 51-Jährige, deren Leben seit ihrer Kindheit mit den Bergen verwoben ist, ist das „Klassenzimmer auf der Alm“ ein echtes Herzensprojekt und eine passende Weiterführung ihrer bunten und abwechslungsreichen Biografie. Schon früh erkundet die Bayerin, die südlich von München aufwächst, mit ihren Großeltern, Cousins und Cousinen die Südtiroler Alpen. Ihre Mutter und ihre Tante fahren mit ihr Ski – eine sehr bergsportliche Familie. 

Als Mädchen geht sie gerne zur Schule, erlebt ihre Lehrerinnen und Lehrer als zugewandt und motiviert. Sie selbst bezeichnet sich als Freigeist, der manchmal auch aneckt. Um den heißen Brei herumzureden, ist genauso wenig ihre Sache, wie Herausforderungen zu scheuen. „Ich würde mich als vielfältig, abenteuerlustig, organisiert, analytisch und kreativ beschreiben. Wenn ich eine Idee habe, verfolge ich sie mit so viel Leidenschaft, dass ich andere davon überzeuge.“ 

Was die Sportlerin am Berg antreibt und durchhalten lässt, bringt sie auch beruflich voran, denn unter Druck läuft sie zur Höchstform auf. Davon zeugt ein Werdegang, der vom Sprung ins kalte Wasser geprägt ist. Nach dem Abitur entscheidet sich Ricarda für ein Jurastudium, das sie mit Diplom abschließt. Weil sie sich jedoch nicht als Anwältin oder gar Richterin in Robe sehen kann, kehrt sie den Rechtswissenschaften den Rücken.

Als Angestellte durchstarten und ein Kind - das lässt sich nicht gut vereinbaren

Als erste Frau ergattert sie ein Volontariat in einer echten Männerdomäne, dem Deutschen Sportfernsehen. Beim DSF findet sie ihre Bestimmung – jedoch nicht in der Redaktion, sondern in der Marketing-Abteilung. Als der Sender sich nach einigen Jahren verkleinert, sieht sie sich nach einer neuen Aufgabe um. Es sind die frühen 2000er, die Ära der Musiksender, und Ricarda landet bei MTV in München, wo sie eine kleine Abteilung übernimmt. 

Die riesige Marketing-Maschinerie ist absolutes Neuland, und sie sammelt viele Erfahrungen. „Die Leute dort waren wahnsinnig authentisch und cool“, erinnert sie sich begeistert an diese Zeit. „Das hat menschlich sehr gut gepasst.“ Als MTV nach Berlin umzieht, wechselt Ricarda zu „Red Bull“ und übernimmt das Sportevent-Marketing. „Das Unternehmen war in einer rasanten Entwicklungsphase und ich in meinem Element. Ich hatte ein tolles Team und habe viel gelernt.“

Was die junge Frau bei ihrem Einstieg nicht weiß: Sie ist schwanger mit ihrem ältesten Sohn. Schwer vereinbar mit einem Beruf, der so viel Engagement und Reisetätigkeit erfordert. „Mein Mann ist freiberuflicher Sportwissenschaftler. Er blieb zu Hause und hat mir den Rücken freigehalten.“ Ricarda bleibt bei Red Bull, bis sechs Jahre später ihre Tochter zur Welt kommt. Als zweifache Mutter merkt sie zunehmend, dass sich Familie und ihre Aufgabe bei Red Bull nicht mehr gut vereinbaren lassen, und entscheidet sich für die Selbstständigkeit. 

In Ricarda reift eine Vision heran: ein Klassenzimmer auf der Alm

In den darauffolgenden Jahren arbeitet sie als Marketingberaterin großer Sportfirmen und promotet den Beruf des Bergführers. Sie übernimmt das Reiseunternehmen Powderchase, das Skibegeisterte dorthin bringt, wo Schneegarantie ist. „Bekannt ist nur der Reisezeitpunkt, der Ort entscheidet sich spontan nach Wetterlage. Extrem stressig zu organisieren, aber toll, wenn es klappt.“ Heute betreibt Ricarda die Firma nur noch auf Hobbyniveau. Ihr Fokus liegt beim „Klassenzimmer auf der Alm“.

„Entstanden ist dieser Lernort aus einem Gedankenfetzen“, erzählt sie. „Es war zwei Jahre nach unserer Trekkingtour und ich hatte noch gut im Kopf, wie dieses Erlebnis uns verbunden hat.“ Ihr Sohn Manuel ist gerade 16 und überlegt, eine Zeit lang ins Ausland zu gehen. „Ich fragte mich, ob eine amerikanische Highschool wirklich neue Erfahrungsräume eröffnen kann, wenn das gesellschaftliche Umfeld doch sehr ähnlich bleibt.“ Als sie von einem Schulprojekt auf einem Segelschiff hört, ist das wie ein Aha-Erlebnis.

Nach und nach reift in Ricarda eine Vision heran: von einem Ort in den Bergen, der Jugendlichen bewusst neue Horizonte eröffnet. Ihre Idee konkretisiert sich, als sie Rüdiger Häusler begegnet. Er leitet das Landheim Schondorf am Ammersee, ein Internatsgymnasium mit erlebnispädagogischem Profil. In vielen gemeinsamen Gesprächen entwickeln sie das „Klassenzimmer auf der Alm“. Ein Lernort, an dem junge Leute zusammenkommen, um Verantwortung zu übernehmen, mitzugestalten und ein Teil der Gemeinschaft zu sein.

Ein Rahmen, den die Jugendlichen ausgestalten 

Schon die erste Saison übertrifft alle Erwartungen. Häusler übernimmt ehrenamtlich die pädagogische Leitung, Ricarda die Geschäftsführung. Ein wechselndes Team aus fünf Lehrkräften sowie einer Schulleiterin verbringt den Sommer mit den Jugendlichen. Ein herausfordernder Job, der weit über Wissensvermittlung hinausgeht. „Ich sage immer, unser Schulleiter ist Pädagoge, Mitbewohner, Abenteurer, Coach, Mentor, Tröster, Chauffeur und vieles mehr“, zählt sie lachend auf. Und für sein Kollegium gilt das auch. 

Zu Beginn des Sommers nehmen die Lehrkräfte die Teilnehmenden in Empfang und wandern mit ihnen auf die Almhütte. In einer Einführungswoche lernen sich alle in Ruhe kennen und erarbeiten gemeinsame Regeln des Zusammenlebens. „Wir setzen einen Rahmen, den die Schülerinnen und Schüler für sich ausgestalten.“ Da geht es zum Beispiel darum, wie die drei Stunden Handyzeit pro Woche aufgeteilt werden und wann genau der Unterricht stattfinden soll. „Diese Art der Demokratiebildung wird mir immer wichtiger“, sagt Ricarda.  

Statt klassischem Unterricht stehen spannende Lernprojekte und echte Problem-lösungen im Mittelpunkt. Je zwei Wochen lang werden die Bereiche Globalisierung, Nachhaltigkeit, Verantwortung und Bewegung erkundet. Die Jugendlichen wählen ihre Themen selbst aus. „Eine Gruppe hat sich mit der Konservierung von Lebensmitteln befasst und Sauerkraut gestampft.“ Eine zweite entwarf einen literarischen Wanderweg. Andere versuchten mit den auf der Alm vorhandenen Mitteln das heliozentrische Weltbild zu beweisen, in dessen Mittelpunkt die Sonne steht. „Da gab es eine Präsentation unterm Sternenhimmel.“ 

Vielfältige Aufgaben müssen erledigt werden 

Neben der Schule, die sich am Lehrplan der elften Klasse orientiert, gibt es viele praktische Aufgaben zu erledigen. Mithilfe eines „Jobrades“ teilen sich wechselnde Kleingruppen für Küche, Haushalt, Hausmeistertätigkeiten, Tierpflege und den Alm-Blog ein. An Samstagen werden auf der Terrasse Wanderer bewirtet. In ihrer Freizeit entscheiden die Kids selbst, was sie machen. Die einen gehen schwimmen, die anderen spielen oder backen, wieder andere radeln ins Dorf. „Das Schöne: Es ist immer jemand da, mit dem man Zeit verbringen kann. Nach einer Weile schöpfen die meisten ihre Handyzeit kaum noch aus.“

Das „Klassenzimmer auf der Alm“ ist keine romantische Utopie. „Das merkt man spätestens bei Dauerregen, wenn 30 Leute ihre nasse Wäsche in der Hütte aufhängen müssen“, schmunzelt Ricarda. Nachts teilen sich Jungen und Mädchen in zwei Schlafräume auf. „Da haben die meisten ganz schön Respekt vor. Es ist eng und man schläft mit zehn anderen im Zimmer.“ Eine Gemeinschaftserfahrung, die heute nur noch selten möglich ist und die Jugendlichen prägt. 

Ganz bewusst ist das Lernprojekt eng mit der Gegend vernetzt. „Wir wollen kein abgeschotteter Rückzugsort sein, sondern bleiben immer im Austausch mit den Menschen, die dort leben.“ Die Jugendlichen können Praktika machen – in der Gastronomie, der Landwirtschaft, beim Tierarzt oder im Outdoor-Center. Verschiedene Fachleute kommen auf die Alm und vermitteln ihr Wissen. Eine Impulsgeberin erzählt von der NS-Vergangenheit der Gegend. Förster beraten bei Themen rund um den Wald.

Ricarda denkt schon über ein neues Projekt nach 

Das „Klassenzimmer auf der Alm“ ermöglicht jungen Menschen völlig neue Erfahrungen. Genauso, wie es sich Ricarda ausgemalt hat. Und schon denkt sie weiter: an Fortbildungszentren für Lehrkräfte, Angebote für Auszubildende und ein weiteres Klassenzimmer in Norditalien. „Im Piemont gibt es strukturschwache Alpentäler. Ich bin sicher, dass ein Projekt in dieser Region viel Gutes bringen würde.“ Derzeit sucht sie nach Mitstreitern, um ihre Idee zu verwirklichen. Und wer ihre Tatkraft kennt, ahnt, dass sie es schaffen wird.


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