Alltag mit Corona

So kommen Familien gut durch die Krise

Diplom-Psychologin und Erziehungsberaterin Elisabeth Raffauf zeigt, wie Familien gut durch die Corona-Pandemie kommen und wie Eltern und Kinder ihre Ängste besiegen können.

veröffentlicht am 01.06.2020

Frau Raffauf, wie wirkt sich Corona auf Ihre Arbeit aus?
Elisabeth Raffauf: Im Moment mache ich viele meiner Beratungen über Skype oder FaceTime. Das geht auch bei Senioren technisch sehr gut. Viel schwieriger ist es für viele, einen Ort zu Hause zu finden, an dem der- oder diejenige ungestört reden kann. Deshalb kommen einzelne, bei denen es wirklich notwendig ist, in die Praxis, und bei anderen ruht im Moment die Beratung. Viele Paare haben mir erzählt, dass sie zu Hause nicht in Ruhe sprechen können, wenn die Kinder immer da sind. Oder einige junge Menschen sind so verängstigt, dass sie zum Telefonieren nicht rausgehen wollen, auch wenn sie zu Hause keine Ruhe zum Reden haben.

Welche Auswirkungen der Krise auf die Menschen können Sie beobachten?
Die Angst macht einen wahnsinnig unsicher. Im gewohnten Alltag hatte man Halt und Orientierung, wusste, wann was passiert, und musste nicht darüber nachdenken. Das ist für viele Menschen weggebrochen. Hamsterkäufe beispielsweise kann man auch verstehen als eine Suche nach Halt: So tue ich wenigstens etwas. Es gibt Menschen, die depressiv oder traurig werden, und welche, die sich zurückziehen. Es gibt aber auch Kontrollfreaks, die gucken, was macht der Nachbar. Und welche, die sagen, ich nehme diese Situation als Herausforderung an. Das ist natürlich schön, wenn man sich das so drehen kann. Es gibt auch Menschen, die alles konsequent ignorieren, die sagen, das ist doch alles total übertrieben oder es betrifft mich gar nicht.

Gibt es Möglichkeiten, die eigene Angst und Sorge in den Griff zu bekommen?
Ja. Gut ist, darüber mit anderen zu sprechen und zu spüren, ich kann die Angst zwar nicht komplett in den Griff kriegen, aber ich kann sie zumindest auf mehrere Schultern verteilen, und das entlastet. Das funktioniert in verschiedenen Formen: Telefonieren, Skypen oder Fensterwinken. Sich immer wieder versichern, dass die anderen noch da sind. Sich darauf besinnen, was man gerne macht, und das in die Tagesstruktur einbauen. Es geht ja nicht nur darum, die Zeit zu füllen, sondern auch darum, dem Ganzen einen Sinn zu geben. Vielleicht kann ich auch andere kontaktieren und helfen. Denn wenn man anderen hilft, ist das gleichzeitig eine Selbstbehandlung, und das ist auch gut.

Was können Familien, die plötzlich auf engem Raum zusammenleben, machen, um nicht zu streiten?
Ich habe vor einiger Zeit mit einem italienischen Freund in Rom telefoniert. Er hat zwei Töchter, die etwa 18 und 22 Jahre alt sind. Ich habe ihn gefragt, wie sie es machen, weil sie zu viert in der Wohnung sind und seit Wochen nicht rausdürfen. Er sagte, dass sie alles geregelt haben. Dazu gehöre auch, dass jeden Tag einer von ihnen ausflippen dürfe. So sei man alle vier Tage dran. Einzige Bedingung: nicht respektlos miteinander sein und sich nicht unter der Gürtellinie verletzen. Damit will ich sagen: Absprachen treffen. Wie können wir das Leben jetzt gestalten und wie können wir uns zugestehen, dass es manchmal richtig nervig ist? Vor allem, wenn man eine kleine Wohnung hat und sich nur hinter Kopfhörer zurückziehen kann, damit der andere nicht beleidigt ist. Gerade mit denjenigen, mit denen man zusammenlebt, muss man sich manchmal gegenseitig eine Auszeit erlauben und gönnen. Alleine spazieren gehen oder mal in unterschiedlichen Zimmern schlafen, Dinge alleine machen, um dann wieder zusammenzukommen. Das ist nichts gegen den anderen, sondern die Situation ist das Schwierige, und da müssen wir jetzt gucken, wie wir damit gut umgehen.

Psychologin Elisabeth Raffauf

Die Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf arbeitet als Familienberaterin und ist Autorin mehrerer Bücher zu Erziehungsthemen.


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