Medienkonsum

Wenn YouTube und Insta Eltern zur Verzweiflung bringen

Der Sohn unseres Autors nutzt jede Gelegenheit, um Papas Handy abzustauben und sich im Internet zu vergnügen. Die Eltern sehen das mit Skepsis und Verunsicherung. Bis der Zwölfjährige eines Abends ein sehr spezielles Kunstwerk präsentiert.

veröffentlicht am 24.10.2020

Als Eltern müssen wir oft runterschlucken, wenn unser Großer von seinen Idolen schwärmt: Von den YouTubern, die im Halbtagesrhythmus wortgewandt und emotionsreich die Updates der gerade angesagten Handyspiele besprechen. Von den Sängern und DJs mit Millionen Abonnenten in Sozialen Netzwerken, oder von Videobloggern, die demselben Hobby frönen wie er selbst, nämlich die Modellierung der Charaktere aus Pokemon, Brawl Stars & Co. mit Knetmasse. Natürlich hat jeder sein Steckenpferd und es ist auch sonnenklar, dass die Welt eines Zwölfjährigen anders aussieht als die seiner Eltern. Nur: Was bleibt von all der Energie und Zeit, die unsere Kinder in die kleinen Bildschirme investieren? Wie prägt es ihre Sprache, Werte und Ziele? Was bleibt auf der Strecke?

Noch immer kein eigenes Handy 

Zugegeben, meine Frau und ich sind bei der Mediennutzung extrem vorsichtig. Noch immer sehen wir den Moment noch nicht gekommen, in dem unser Sohn sein eigenes Mobiltelefon erhält. Damit der Leidensdruck nicht übergroß wird, gibt es ein Familientablet mit Spielen und klar definierten Zeiten, zudem nutzt er mein Gerät für Whatsapp und Internetrecherchen. Seit ich im Homeoffice arbeite und mein Handy daher in ständiger Rufnähe ist, nimmt dieses Ausborgen aber exponentiell zu: Jegliche Anfragen – ob nach der Hausübung, der Außentemperatur, einer Wortübersetzung, den Musikcharts, Modelliervorlagen oder einfach Langweile-Vertreibern – gehen scheinbar nur noch digital, ja sogar das Anklopfen beim Nachbarsbuben. Corona leistete da noch weiter Vorschub.

Und während wir noch darüber sinnieren, erreicht uns die Nachricht von einem italienischen Informatikfreak, der gerade von Papst Franziskus seliggesprochen wurde. Der mit 15 Jahren jäh verstorbene Carlo Acutis nutzte sein Computertalent, um allen von seiner faszinierenden Entdeckung zu erzählen, nämlich der Gegenwart Jesu in der Eucharistie. Der künftige Internet-Patron war kein Nerd oder Eigenbrötler, sondern ein aufgeweckter Junge, der mit Photoshop, InDesign und 3D-Programmen hantierte, Fußball und Saxophon spielte, eine unglaubliche soziale Ader hatte und sympathisch vorlebte, wie das mit dem Glauben heute funktionieren kann. Salesianisch gesprochen: Ein Dominikus Savio zum Angreifen, dessen Foto- und Videopostings man weiter im Netz findet; seine ihm nacheifernden Geschwister sind im Alter unserer Kinder.

Sofort Likes für #Idol

Neulich sah ich mit meiner Frau abends einen Film – was uns viel zu selten gelingt, da unsere Mädels meist viel zu spät im Land der Träume ankommen. Unser Ältester war allerdings noch munter und zog sich mit meinem Smartphone zurück. Kurz vor Mitternacht stand er vor uns und präsentierte stolz seine jüngste Schöpfung: Eine Miniaturausgabe des Sargs von Carlo Acutis, dessen Fenster den Blick auf den in Nike-Schuhen und Trainingsanzug aufgebahrten Seligen freigibt, alles aus Plastilin und Karton gefertigt. Die 20-Zentimeter-Kopie des in Assisi befindlichen Originals steht seither auf seinem Schreibtisch, aber auch auf seinem gerade erstellten Instagram-Account, wo er das hochgeladene Foto seines Kunstwerks mit dem Hashtag #Idol versah. Likes dafür erhielt er sofort – aus Indien, Italien und auch von uns. Carlo, begleite unsere Kids, und gib doch auch uns Eltern einen hoffnungsvollen Blick auf sie und die Technik!


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