Medientipps

Die besten Bücher, Podcasts und Filme für Eltern – ausgewählt von Müttern und Vätern, von Menschen aus der Medienbranche und von Personen, die mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten.

Roman

Auf dem Weg zu sich selbst

Olive Kitteridge begleitet mich jetzt schon ein paar Jahre. Immer wieder taucht sie in den Büchern der amerikanischen Autorin Elizabeth Strout auf. Eigentlich sind es „ganz normale“ Familiengeschichten, die Elizabeth Strout erzählt: Männer und Frauen, die in einer Kleinstadt im Bundesstaat Maine leben oder dorthin zurückkehren und an den alltäglichen Familienkonflikten wachsen. Und immer wieder treffen wir auf Olive Kitteridge, der großen, kräftigen Frau, die mit ihrer schroffen Art ihre Familie und Nachbarn vor den Kopf stößt und trotzdem irgendwie das „Herz auf dem rechten Fleck“ hat. Oft erscheint sie nur am Rande einer Geschichte, in zwei Büchern ist sie selbst der Mittelpunkt der Erzählung.

Jetzt ist Olive Kitteridge alt geworden. Und sie zieht ein Resümee ihres Lebens: ihre beiden Ehen, das Verhältnis zu ihrem Sohn, und was es heißt, alt zu werden. So abweisend und grob Olive Kitteridge manchmal erscheint, sie hört doch nie auf, ehrlich zu sich selbst zu sein – immer auf der Suche, einen Standpunkt zu finden, sich selbst und ihren Mitmenschen letztlich gerecht zu werden. Mir gefällt Olive Kitteridge: direkt, selbstironisch und nie feige. Sie weiß, was gut an ihr ist und was sie versäumt hat, und hört nicht auf, sich mit allem auseinanderzusetzen. Um am Ende mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Esther Hebert, Lektorin im Bereich Buchverlag und Blog der Don Bosco Medien GmbH, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Freising.

Cover Die langen Abende

"Die langen Abende" von Elizabeth Strout (Luchterhand Literaturverlag, € 20,00)


Film

Die Sehnsucht nach einem Kind droht ein Paar zu zerbrechen

Die Lücke ist ständig da. In jedem Blick, jeder Umarmung, jeder Begegnung, jedem Gespräch. Der gesamte Alltag, jede Minute ist geprägt von dem, was nicht da ist und wonach sich die beiden so sehr sehnen.

Nach einer wiederholten erfolglosen Kinderwunschbehandlung, nehmen sich Alice (Lavinia Wilson) und Niklas (Elyas M'Barek) eine Auszeit und verreisen. Doch der gewünschte Abstand zu dem belastenden Thema stellt sich nicht ein. Im Gegenteil. Im Nachbarhaus zieht eine Familie mit zwei Kindern ein. Die beiden Partner können ihren Gefühlen, können einander und sich selbst nicht entkommen.

Mit ungeheurer Wucht entfalten sich in der Netflix-Produktion „Was wir wollten“ der Österreicherin Ulrike Kofler nach einer Kurzgeschichte von Peter Stamm Dialoge und Bilder, die die Gefühlslage des ungewollt kinderlosen Paares spüren lassen. Auch wie die auf den ersten Blick glänzende Familienfassade der Tiroler Nachbarn langsam, aber stetig ins Bröckeln gerät, ist großartig gemacht. Elyas M’Barek füllt seine Rolle als zugleich stark wirkender und hilfloser Ehemann glänzend aus. Lavinia Wilson spielt die ehrgeizige Alice in ihrem ständigen Kampf zwischen unbedingtem Durchhaltewillen und tiefer Traurigkeit absolut überzeugend. Ein unglaublich guter, ein wichtiger Film!

Christina Tangerding ist freie Journalistin und Mutter einer Tochter und eines Sohnes. Die Frage "Wollt ihr Kinder?" hat sie sich längst und aus gutem Grund abgewöhnt.

Still aus Was wir wollten

"Was wir wollten" (Foto: Netflix), Film von Ulrike Kofler (seit 11. November bei Netflix)


Sachbuch

Kluge Impulse für mehr Dialog in der Familie

Haben Sie ihr Familienleben voll im Griff? Stets Harmonie und Sonnenschein? Dann brauchen Sie hier nicht weiter zu lesen. Bei aller Liebe: In meinem Dasein als Mutter gibt es jedenfalls auch Momente voller, ähm – Ratlosigkeit. Corona hat mit Homeoffice und Hausaufgaben auch nicht gerade zu meinen pädagogischen Glanzleistungen beigetragen. Struktur reinbringen und so. Sie wissen schon.

Meine persönliche Empfehlung in diesem Fall lautet: Lesen Sie Jesper Juul! Es hilft.

Einfache, schnelle Lösungen werden Sie in seinen Büchern nicht finden. Aber die klugen Impulse für mehr Gleichwürdigkeit und Dialog in der Familie eröffnen immer neue Blickwinkel. Sie bringen etwas in Bewegung. Zuerst im eigenen Kopf und dann auch im familiären Miteinander - hin zu mehr Respekt, Vertrauen und Entspannung. „Genießen Sie Ihre Kinder. Das ist das Beste, was Sie tun können.“ Danke, Jesper Juul!

Melanie Buschkühl ist Medienpädagogin und arbeitet bei Don Bosco Medien im Bereich Marketing und PR. Sie lebt mit ihrer Familie in München.

Juul Respekt Vertrauen Liebe

"Respekt, Vertrauen & Liebe. Was Kinder von uns brauchen" von Jesper Juul (Beltz Verlag, € 18,95)


Bilderbuch

Nonsens-Reime vom Kapitän

Seit diesem Buch gibt es in unserer Familie ein neues Schimpfwort: Du alte Fleischtomate! Meine Kinder lieben es, Seite für Seite mitzusprechen, wie das Sandwich des hungrigen Käpt'n Piet wächst. Der belegt sich seine Brotscheibe mit allem, was er in der Kombüse findet.

Das reimt sich und ist auch manchmal herrlicher Nonsens. Pastinaken und Tiefseekraken, Zuckermais und Erdbeereis…

Das Buch geht immer, dauert nicht lange und eignet sich deswegen auch als „Nur-noch-ein-Buch-Mama“-Kompromiss. Empfehlung ab drei Jahre, und Sechsjährigen macht es auch noch Spaß.

Ulla Fricke hat zwei Töchter und lebt in Köln. Die 40-Jährige liest leidenschaftlich gerne und wäre fast Buchhändlerin geworden. In der Leitung von Don Bosco Mission Bonn ist sie für Kommunikation, Bildung und Freiwilligendienst zuständig.

"Hunger! Käpt’n Piet hat Appetit" von Andreas Német und Hans-Christian Schmidt (Beltz und Gelberg, € 13,95) 


Sachbuch

Wie wir uns von ständigem Druck befreien können

Wir leben in einer sehr intensiven Zeit, jeder spricht von „Stress“ und „keine Zeit“. Der Druck auf Familien und die einzelnen Mitglieder ist enorm hoch.

In ihrem Buch bespricht Tanja Draxler für die Bereiche Eltern, Kindheit und Familie die Herausforderungen der Zeit, warum wir derart unter Druck stehen und wie wir uns daraus befreien beziehungsweise unseren Kindern dabei helfen können. Neben dem theoretischen Input gibt sie Tipps und zeigt Umsetzungsmöglichkeiten auf, wie es eine Familie schaffen kann, den Alltag gelassen zu leben.

Im Podcast „IMpuls – Lebe deine Version“ und auf ihrem Blog, beide verfügbar auf der Homepage von Tanja Draxler, bereichert sie uns zusätzlich mit Achtsamkeitsübungen, interessanten Interviews und vielen weiteren Gedanken.

Ingrid Jagenbrein, verheiratet und Mutter von zwei Söhnen, lebt in Niederösterreich. Die Gesundheitspädagogin hat sich zum Ziel gesetzt, Familien zu unterstützen, ihren individuellen Weg zu finden und zu gehen.

Cover Gelassenheit steckt an

"Gelassenheit steckt an – Entspannt durch den Familienalltag" von Tanja Draxler-Zenz (Ennsthaler Verlag, € 18,90)


Hörbuch/2 MP3-CD

Autofahrt mit totem Onkel

Während eine Wanderwoche im Villnößtal in Südtirol mit den erwachsenen „Kindern“ haben wir auf der Reise den Roman „Rückwärtswalzer: Oder die Manen der Familie Prischinger“ von Vea Kaiser als Hörbuch gehört. Wie Cornelius Obonya jedem Protagonisten Stimme und Dialekt verleiht, ist toll! Worum geht’s?

Lorenz ist arbeitsloser Schauspieler, Enkel der Prischinger Schwestern Hedi, Wetti und Mirl sowie Erzähler dieses Familienepos‘. In den 1940er Jahren im Waldviertel aufgewachsen, lebt man nun in Wien – praktisch gemeinsam und dauerkochend in Tante Hedis und Onkel Willis Genossenschaftswohnung. Als der Onkel unerwartet stirbt, nimmt mit der Überführung in sein Geburtsland Montenegro auch die Geschichte rasant an Fahrt auf.

Weil das Geld aus der Bestattungsversicherung vorübergehend im veganen Online-Shop seiner Tochter geparkt ist, hieven die Tanten den gekühlten Willi beherzt auf den Beifahrersitz des Fiat Panda, Lorenz ans Steuer, sich selbst in den Fond und genug Proviant in den Kofferraum. Wie zuvor in der Wohnung, entfaltet sich in der Enge des Autos das opulente Familienepos weiter.

Der walzerartige Erzählstil mit Wendungen in alle Lebensrichtungen macht schwindlig und ist im Ton so tragisch wie komisch. Und wie in jeder „richtigen“ Familie haben auch hier die Manen, die Geister der Ahnen, ein gutes Stück mitzureden. Ein Hörvergnügen!

Simone Klussmann hat drei erwachsene Kinder und arbeitet bei Don Bosco Medien in München. Dort ist sie für die Lizenzierung von Verlagsprodukten ins In-und Ausland verantwortlich.

Kaiser Rückwärtswalzer

"Rückwärtswalzer: Oder die Manen der Familie Prischinger" von Vea Kaiser (Argon Verlag, ca. € 15)


DVD

Junges Paar erlebt den Krieg in Aleppo

Was habe ich eigentlich im Herbst 2016 gemacht? Als Assad mit seinem Bombenkrieg die eigene Bevölkerung in Aleppo auslöschte? Diese Fragen gingen mir bei dem tollen und berührenden Dokumentarfilm immer wieder durch den Kopf.

Die Filmemacherin Waad al-Kateab nimmt uns mit in die erstmals freie Stadt Aleppo. Wo sie sich als junge Studentin begeistert in die Revolution stürzt. Wie ihre Freunde und sie ein Krankenhaus aufbauen, im Ostteil der Stadt. Waad verliebt sich in den humorvollen Arzt Hamza. Der Krieg wird immer bedrohlicher, die Lage immer ernster. Aber Waad und Hamza sind verliebt und freuen sich auf ihr erstes Kind, Sama, der sie diesen Film widmet.

Aus dem Kino kam ich wie benommen, entsetzt. Und verwundert darüber wie ich ein normales Leben führen darf, während anderswo Krieg herrscht. Ein harter, wunderbarer und wichtiger Film.

Ulla Fricke (Infos zur Person siehe oben)

"Für Sama" von Waad Al-Kateab (Filmperlen, ca. € 16)