Medientipps zum Erben und Vererben

Erinnerungsbuch
Gedanken an die eigenen Kinder weitergeben
Eigentlich gehe ich davon aus, dass ich als Mama meine Kinder durchs Leben begleiten werde bis sie erwachsen sind – und gerne auch noch ein Stück darüber hinaus. Dass ich ihnen immer dann einen Rat geben kann, wenn sie ihn gerade brauchen. Dass ich noch alle Zeit der Welt habe, im richtigen Augenblick meine Gedanken mit ihnen zu teilen. Aber was ist, wenn ich die Zeit doch nicht habe? Wenn ich sterbe, bevor die passenden Augenblicke und richtigen Zeitpunkte da waren?
Gedanken, Werte und Erinnerungen in Buchform festzuhalten und damit weitergeben zu können, finde ich eine tröstliche Idee. Auf der Suche nach einem passenden Buch dafür bin ich auf „Für den Fall, dass ich nicht mehr da bin“ gestoßen. Das Schöne daran ist, dass es kein reiner Fragenkatalog ist, den man abarbeitet, sondern Platz lässt für persönliche Worte und eigene Gefühle und Erinnerungen.
In 16 Kapiteln führt das Buch durch verschiedene Lebensabschnitte – manchmal mit klaren Fragen und manchmal mit liebevoll formulierten Inspirationen, die nichts Genaues vorgeben, sondern nur Denkanstöße liefern. Außerdem ist immer wieder Platz dafür, dass das Kind später beim Lesen und Erinnern selbst etwas dazuschreiben kann.
Ein Buch, aus dem ein wirklich persönliches und emotionales Erinnerungsstück werden kann.
Claudia Klinger arbeitet als Redakteurin bei Don Bosco Medien und schreibt gerne über Themen rund um Familie und soziale Gerechtigkeit. Sie ist Mama von drei Jungs.
„Für den Fall, dass ich nicht mehr da bin“. Erinnerungsbuch zum Ausfüllen von LBC (independently published, € 27,99)
Essay
Eine Geschichte über das Leben
25 Jahre nach dem Tod des Vaters wagt sich der Sohn endlich daran, den Nachlass des Verstorbenen zu sichten. Der Nachlass: eine Bananenschachtel voller Papiere. Schuldscheine, getürkte Lebensläufe, unangenehme Briefe. Die Kiste führt den Sohn zurück in eine schwierige Kindheit mit einem abwesenden, kriminellen Vater.
Der Sohn hatte die Kiste nicht öffnen wollen und mit Widerwillen daran gedacht. Doch: „Mit dem Erbe ging es mir wie allen: Eines Tages musste sich jeder darum kümmern.“ Als er das schließlich tut, geht es ihm um viel mehr als um den Inhalt der staubigen, muffigen Kiste, sondern um die großen Fragen, die dieses Erbe bei ihm aufwirft. Was ist Familie? Was bedeutet Herkunft? Was ist ein Mensch?
Der Schweizer Dramaturg und Publizist Lukas Bärfuß konfrontiert sich selbst mit diesen Fragen, sucht nach Erklärungen, formt eigene Ideen. All das tut er mit einer Tiefe, die berührt und aufwühlt und beim Lesen unweigerlich eigene Gedankenspiele in Gang setzt.
Ein ganz und gar unpraktisches Buch. Kein Ratgeber. Ein Buch, das nicht Antworten gibt, sondern Fragen stellt – und gerade deshalb sehr zu empfehlen ist.
Christina Tangerding ist freie Journalistin und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden großen Kindern in München.
„Vaters Kiste. Eine Geschichte über das Erben“ von Lukas Bärfuss (Rowohlt Verlag, € 18,00)
Roman
Fünf Tage, die das Leben einer Familie für immer verändern
Der Besitzer eines Anwesens in der englischen Grafschaft Sussex ist gestorben und die Familie kommt zur Beerdigung zusammen. Fünf Tage verbringen die drei Kinder in ihrem Elternhaus und werden dort mit einem großen Erbe und mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.
Für mich ist dieses Buch eines der schönsten und bewegendsten der vergangenen Monate. Allein die Naturbeobachtungen, die meisterliche Beschreibung von Vögeln, Käfern, Pilzen, Hirschen, Bäumen auf den weitläufigen Ländereien der Familie haben mich tief berührt. Ebenso intensiv schildert die Autorin, was der Tod des Patriarchen und seine Folgen für die einzelnen Familienmitglieder bedeuten.
Es geht dabei um Erbe und Verantwortung, um Verletzungen aus der Kindheit und Herausforderungen in der Gegenwart. Der Familienroman schildert das Leben, die Liebe und den Tod in vielen Facetten. Ein Buch, das den Blick auf die Welt und unseren eigenen Stellenwert in ihr verändern kann.
Christina Tangerding ist freie Journalistin und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden großen Kindern in München.
„Wo wir uns treffen“ von Anna Hope, Übersetzung: Ulrike Kretschmer (Hanser Verlag, € 25,00)
