Pädagogik der Vorsorge

Missbrauch: Verantwortung übernehmen und Grenzen setzen

Prävention und Partizipation, die Grundanliegen Don Boscos, sind für die Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern heute wichtiger denn je.

veröffentlicht am 01.09.2019

Don Bosco selbst hat sich während seiner Ausbildungszeit Disziplin und Vorsicht im Umgang mit anderen Personen angeeignet. Zugleich vermittelt er als junger Priester jugendlichen Gefangenen und gefährdeten Jugendlichen, die er vor dem Gefängnis bewahren möchte, das Bild des liebevollen, zuvorkommenden, barmherzigen Gottes, das zum Leitstern seiner präventiven Vision wird. Bis zu seinem Tod wird er nicht müde, seinen Mitarbeitern und Mitbrüdern Vernunft, Religion und ­amorevolezza, Liebenswürdigkeit, im Umgang mit den Jungen ans Herz zu legen.

Dabei ist Don Bosco Idealist und Realist zugleich. Er weiß um die Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken einzelner Personen und ganzer Institutionen, die sich der Bildung und Erziehung junger Menschen widmen. Die Vernunft sagt ihm, dass die hohen Ideale, die er sich selbst und anderen vor Augen stellt, anfällig sind für missbräuchliche Umsetzung durch Erzieher, die auch schwach werden können. Dem versucht er, durch praktische, eindringliche Ratschläge vorzubeugen.

Zwischen 1863 und 1886 feilt er an den Ricordi confidenziali, den vertraulichen Empfehlungen für die Salesianer-Direktoren. Er rät ihnen, sich selbst „eher geliebt als gefürchtet zu machen“, daher sollen „Liebe und Geduld sie ständig begleiten“. Die Lehrer „mögen besondere Freundschaften“ mit einzelnen Jungen meiden, niemals sollen sie Schüler oder andere Personen in ihr Zimmer führen. Sie sollen nie und aus keinem Grund die Nachlässigen oder Übeltäter schlagen. Wenn schwerwiegende Dinge geschehen, mögen sie das sofort dem Studiendirektor oder dem Hausoberen melden. Sie sollen Sorge dafür tragen, die Schüler zu kennen und ihnen liebevolle Worte ins Ohr zu sagen.

Liebe, Freundlichkeit und Geduld

„Liebe und Freundlichkeit seien die Charakteristika eines Direktors.“ Anordnungen erteile er immer mit „Worten der Liebe und der Sanftheit. Drohungen, Zorn, geschweige denn Gewalt, seien deinen Worten und Handlungen immer fern.“

Im August 1885 sieht sich Don Bosco veranlasst, drei Briefe an Salesianer in Südamerika zu schreiben. Von dort waren alarmierende Nachrichten zu ihm gelangt: Strenge Disziplin, inklusive Schlagen der Schüler, drohte, die familiäre Atmosphäre zu ersticken, die für ihn unverzichtbar war. Don Giacomo Costamagna prägte er ein: „Das Präventivsystem sei uns eigen; nie körperliche Strafen, nie demütigende Worte, nie ernste Vorwürfe in Gegenwart anderer. Sondern in den Klassen sollen das Wort Sanftheit, Liebe und Geduld erklingen. Nie scharfe Worte, nie eine schwere oder leichte Ohrfeige. Es möge konsequent gehandelt werden, aber immer so, dass jene, die zurechtgewiesen werden, mehr als vorher unsere Freunde werden und niemals entwürdigt von uns weggehen. Die Sanftheit im Reden, Handeln, Erklären gewinnt alles und alle.“  

Verantwortung, Vertrauen und Selbstbestimmung

Don Bosco hatte mit seiner „Pädagogik der Vorsorge“ das ganzheitliche Wohl der ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen als höchstes Ziel all seines Wirkens im Blick. Partizipation und Prävention, wie er sie lebte, befähigen junge Menschen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, stärken das Vertrauen in ihre Fähigkeiten sowie die Entwicklung von Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung über ihren Körper.

Don Bosco würde auch heute Mädchen und Jungen dazu ermutigen, in bedrängenden Lebenssituationen „Nein“ zu sagen, die eigenen Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und zu wahren und die der anderen zu respektieren. Beide Prinzipien bilden einen aktiven Schutz vor (Macht-)Missbrauch und Misshandlung, Fehlverhalten und Übergriffen.

Orientierung an der Liebe Gottes, Stärkung der Persönlichkeit, würdevolle Nähe und Distanz und absolute Gewaltlosigkeit charakterisieren die stets aktuelle spirituelle Pädagogik des zuvorkommenden Giovanni Bosco.


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