Prävention in der Familie

Kinder gegen sexuellen Missbrauch schützen

Offen miteinander reden, Informationen einholen, aufmerksam sein für Signale: Eltern können viel tun, um ihre Kinder vor Gewalt und sexuellem Missbrauch zu schützen.

veröffentlicht am 02.09.2019

Konkrete Sorgen mache ich mir nicht, dass etwas passiert“, sagt Yvonne Hanser. „Aber natürlich schwingt es immer im Hintergrund mit.“ Hanser ist Mutter von drei Töchtern, zehn, sieben und zwei Jahre alt. Dass Gewalt und sexueller Missbrauch passieren können, ist Fakt, sagt sie. Und auch, dass „man es unter gewissen Umständen nicht verhindern kann“.

Die Weltgesundheitsorganisation geht von rund 18 Millionen Minderjährigen aus, die in Europa von sexueller Gewalt betroffen sind. Auf Deutschland übertragen sind das rund eine Million Mädchen und Jungen. Das bedeutet, dass etwa ein bis zwei Kinder in jeder Klasse Opfer von sexueller Gewalt sind.

Yvonne Hanser und ihr Mann setzen, um ihre Kinder zu schützen, in erster Linie auf eine gute und vertrauensvolle Beziehung zu den Mädchen. Die Kinder sollen wissen, dass sie mit allen Fragen und Problemen zu den Eltern kommen können. „Ich hoffe, dass sie von sich ausspüren, was sich gut anfühlt und was nicht, und dass sie nach Hause kommen würden und sagen, das war nicht in  Ordnung“, erklärt die schlanke, dunkelblonde Frau.

Kindgerecht auf Gefahren hinweisen

Die beiden älteren Kinder betreiben Kampfsport – auch, weil den Eltern wichtig ist, dass die Mädchen sich im Notfall wehren können. Die Zehnjährige hat mit ihrer Klasse an einem Selbstbehauptungskurs teilgenommen, in dem es vor allem um den Schutz vor sexuellem Missbrauch ging. „Es ist ein sensibles Thema“, meint Hanser nachdenklich. Sie wolle ihren Kindern nicht unnötig Angst machen, ihnen aber dennoch aufzeigen, was passieren kann. „Wie kann man das machen, ohne die Kinder zu verschrecken?“

Einer, der sich professionell mit Fragen wie dieser beschäftigt, ist Kriminalrat Arno Helfrich. Im Münchener Polizeipräsidium leitet er den Bereich Prävention und Opferschutz. Eltern sollten ihren Kindern „reinen Wein einschenken“, rät er, „natürlich immer kindgerecht“. Die Eltern könnten ihrem Kind zum Beispiel erklären, dass es von jemandem angesprochen werden könnte, und fragen, was es dann machen würde. So kämen sie mit Tochter oder Sohn ins Gespräch und könnten Situationen und Handlungsmöglichkeiten durchspielen, ganz konkret, bis hin zu Fragen wie: Wo könntest du klingeln? Wen könntest du um Hilfe bitten?

Unbedingt hinweisen sollten Eltern auf die Gefahren, die speziell in sozialen Medien lauern. Die Kinder und Jugendlichen müssen wissen: Das, was sie im Internet sehen, muss nicht dem entsprechen, was sich tatsächlich dahinter verbirgt. Über Whatsapp, Instagram und Co. können Täter gut, schnell und unbemerkt von anderen Kontakte aufbauen und pflegen und diese gezielt für ihre Zwecke ausnutzen. Für die reale Welt gilt noch ein praktischer Rat: Den Namen des Kindes nicht auf den Ranzen schreiben, ihm keine T-Shirts oder Halsketten anziehen, auf denen der Name steht. So kann verhindert werden, dass mögliche Täter das Kind namentlich ansprechen und sich auf diese Weise sein Vertrauen erschleichen.

Nicht ständig begleiten  

Ausdrücklich warnt Arno Helfrich davor, die Kinder vor lauter Angst auf Schritt und Tritt zu begleiten. Die Aufgabe der Eltern sei es, die Kinder zu stärken und ihnen Selbstvertrauen zu vermitteln. „Wir müssen unseren Kindern Wurzeln geben und trotzdem dafür sorgen, dass sie fliegen können“, so Helfrich. „Das ist etwas sehr Anspruchsvolles. Man muss in gewisser Weise loslassen können.“

Was aber tun, wenn Eltern den Verdacht haben, dass sich eine Straftat anbahnt oder dass ihr Kind bereits Opfer von Gewalt oder Missbrauch geworden ist? „Nehmen Sie das grundsätzlich immer ernst!“, rät Helfrich. Die Eltern sollten keinen unmittelbaren Kontakt zu dem Verdächtigen aufnehmen, sondern mit dem Kind sprechen. Ihm sagen, dass es keine Schuld trägt. Ihm keine Vorwürfe machen. Verständnis zeigen. Zusichern, dass man gemeinsam aus der Situation herauskommt. Und Hilfe holen, zum Beispiel beim Jugendamt oder bei Beratungsstellen. Das gilt auch und gerade dann, wenn es sich bei dem möglichen Täter um einen Bekannten oder sogar Verwandten handelt. Laut der polizeilichen Kriminalstatistik kennt mehr als die Hälfte der Opfer von sexueller Gewalt den Täter oder die Täterin und hat eine soziale Beziehung zu ihm oder ihr.

Yvonne Hanser möchte künftig noch klarer und offener mit ihren Mädchen über mögliche Gefahren sprechen. Und weiterhin aufmerksam sein für alles, was sie bewegt. Weil sie weiß: Eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist der beste Schutz.

Hilfe und Beratung

  • Prävention in der Katholischen Kirche in Deutschland: Website der Deutschen Bischofskonferenz und deren Kooperationspartnern, www.praevention-kirche.de
  • Hilfeportal Sexueller Missbrauch mit bundesweiter Datenbank für Hilfsangebote in der Region, Tel.: 0800-22 55 530 (kostenfrei und anonym)
  • Zartbitter e.V.: Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen
  • Dunkelziffer e.V.: Therapie, Beratung, Prävention, Fortbildung
  • Literaturtipps: Hilfreiche Informationen, Adressen und Literaturempfehlungen bietet die Broschüre „Missbrauch verhindern!“, Polizeiliche Kriminalprävention (Hrsg.). Das Heft steht zum Download zur Verfügung unter www.polizei-beratung.de

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