Duales System

Mit Don Bosco zum Traumberuf

Don Bosco in Aschau ist eine Rehabilitationseinrichtung für Menschen mit besonderem Hilfe- und Förderbedarf. Zwei junge Männer erzählen über ihre Zeit in der Einrichtung.

veröffentlicht am 01.11.2018

Tobias Kutschker zieht ein Magazin und eine Getränkeflasche über das Band. „Das macht 2,35 Euro“, sagt der 27-Jährige und lächelt seinen Kunden an. Geld wird ausgetauscht, die nächste Kundin wartet schon in der Schlange. In seinem Kopf geht der junge Mann schon weitere Aufgaben durch: Waren einräumen, das Regal mit den Gemüsedosen sortieren. Kutschker ist seit 2015 stellvertretender Marktleiter im Don Bosco Supermarkt in Aschau am Inn. Einzelhandelskaufmann, das war „schon immer“ sein Traumberuf. „Man erlebt viel. Jeder Tag ist anders.“ Nicht immer sah es so aus, als ob er ihn ergreifen könnte. Doch durch die Förderung des Berufsbildungswerks Don Bosco Aschau am Inn hat er sein Ziel erreicht – eine Einrichtung der Salesianer Don Boscos, die es sich zum Ziel gemacht hat, vor allem Menschen mit Einschränkungen auf ihrem beruflichen Weg zu stärken und zu begleiten.

Von der Ausbildung in die erste Stelle

Allergien, Epilepsie und eine späte Entwicklung führten dazu, dass der heute aufgeweckte junge Mann aus Rott am Inn als Kind das Förderzentrum Wasserburg am Inn besuchte. Wenn man nicht von seinen Einschränkungen weiß, fallen sie heute kaum auf. Kutschker ist groß gewachsen. Er trägt Jeans und Turnschuhe sowie ein schelmisches, aber gutmütiges Lächeln. Er hat viel getan, um dorthin zu kommen, wo er heute ist. Nach dem Förderschulabschluss mit 14 Jahren besuchte Kutschker die Berufsschule Traunreut, machte ein Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) und den Hauptschulabschluss. Ein Bildungsbegleiter riet ihm aber davon ab, in den Verkauf zu gehen. „Ich will das machen, habe ich ihm gesagt. Und er meinte, er sei nicht überzeugt.“

Kutschker ließ sich davon nicht beirren. 2008 begann er eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BVB) in der Einrichtung Don Bosco Aschau am Inn. Dabei konnte er unter Anleitung von Fachleuten seinen Traumberuf praktisch gründlich erproben und die theoretischen Voraussetzungen erwerben. Dem folgte 2009 bis 2012 die Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel im Don Bosco Supermarkt. Er wohnte im Internat der Einrichtung, fand schnell Freunde und baute sich ein Leben auf. Ein halbes Jahr vor der Abschlussprüfung musste er sich um seine erste Stelle bewerben. Sein Rehabegleiter von Aschau am Inn unterstützte ihn. Doch erwies sich dies als nicht nötig. „Ich bin runter in die Arbeit gekommen, da hat mich eine Kollegin gefragt, ob ich schon Bewerbungen abgeschickt habe.“ Er solle doch auch eine an den Don Bosco Supermarkt schicken. „Du siehst dann schon“, habe sie gesagt. Und dann sagte der Betriebsleiter zu ihm: „Wenn du willst, kannst du gleich nach der Ausbildung bei uns anfangen.“ Zuerst habe Kutschker es nicht glauben wollen. „Es war ein so schönes Gefühl.“ Und er könnte sich heute kaum etwas Schöneres vorstellen. Ob Putzen, Etiketten kontrollieren, Kasse abrechnen oder Tiefkühlprodukte bestellen. Jede Aufgabe an sich macht Kutschker gerne. „Am meisten Spaß macht es mir aber, mit Kunden und Jugendlichen zu arbeiten.“

Er verdanke Don Bosco Aschau am Inn viel, sagt Kutschker. „Die Salesianer Don Boscos haben mir geholfen, dass ich eine Arbeit finde.“ Und nun habe er die Möglichkeit, zurückzugeben. In seinem Job setzt er sich für die derzeitigen Auszubildenden im Supermarkt ein. „Was kann ich tun?“, fragt ein Jugendlicher ihn. „Du könntest den Automaten mit den Pfandflaschen leeren“, schlägt Kutschker vor, der immer ein offenes Ohr für die jungen Leute hat, Kumpel und Respektsperson zugleich ist. „Ich kann ihnen in ihrem Leben helfen, das tut gut.“ Derzeit bereitet er sich auf seine neue Rolle als Ausbilder im Supermarkt vor. Zudem ist Kutschker in der Schwerbehindertenvertretung der Einrichtung. Für alle Mitarbeiter, die einen Behindertenausweis haben, steht er für Fragen und Anliegen zur Verfügung und bringt sich beim Dienstgeber für deren Anliegen ein.

Für die Zukunft hat er keine großen Wünsche. „Ich genieße einfach mein Leben und bringe mich ein, wo ich kann.“ Wenn er nicht gerade arbeitet, fährt der junge Mann Fahrrad, hält Kaffeekränzchen mit Nachbarn und Freunden oder ist zu Besuch in Rott am Inn in seiner alten Heimat bei seinen Eltern. Es sei viel Arbeit gewesen, dorthin zu kommen, wo er heute ist, fasst Kutschker zusammen. „Aber ich bin stolz, dass ich es geschafft habe.“

Löten, prüfen, reparieren

Fabian Eschenbrücher (19) dreht die Knöpfe an der Maschine, die so groß ist wie ein Brotkasten. Eine Linie zieht sich über den kleinen Monitor des Oszilloskops, eines elektronischen Messgeräts, das die Verläufe von Spannungen sichtbar macht. Plötzlich bewegen sich die Linien, wandeln sich erst zu Wellen, dann zu Kreisen. Eschenbrücher lächelt zufrieden. Übungsaufgabe erfolgreich erfüllt.

Der junge Mann macht seit einem halben Jahr eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme im Berufsbildungswerk Don Bosco Aschau am Inn. Sein Ziel: die Ausbildung in drei Jahren gut zu beenden. Und dann einen guten Arbeitsplatz zu haben – etwa bei einer Firma, die Prüfgeräte für Elektronik herstellt, das kann er sich gut vorstellen. Und vielleicht will er irgendwann einmal eine Familie gründen.

Bis zum Ende der Ausbildung lebt Eschenbrücher in einer heilpädagogischen Wohngruppe in der Einrichtung in Aschau-Waldwinkel. „Haus 10“ heißt seine Gruppe. „Wir konnten uns nicht für einen Gruppennamen entscheiden“, erklärt er sachlich. Der Name ist pragmatisch, so wie Eschenbrücher selbst.

Nicht immer hatte er es im Leben leicht. Der gebürtige Obinger (Nähe Chiemsee) ist Autist, hatte in seiner Kindheit eine sprachliche Entwicklungsstörung und war sozial eher ausgegrenzt. Ab der sechsten Klasse bekam er eine staatliche Schulbegleitung und einen Erziehungsbeistand. „Ich bin dankbar dafür“, sagt Eschenbrücher. Auch, als es darum ging, seinen beruflichen Weg nach der Mittleren Reife zu bestreiten, waren die Unterstützer für ihn da. Die Agentur für Arbeit schlug den Weg über ein Berufsbildungswerk vor. Don Bosco Aschau am Inn schien auch Eschenbrücher eine gute Wahl. „Es ist alles sehr persönlich hier“, sagt der junge Mann. Sowohl die anderen Jugendlichen als auch die Mitarbeiter seien offen. „Hier gibt es eine familiäre Atmosphäre.“

Ganz besonders zeige sich dies in der Wohngruppe. Hier kocht er mit den anderen zusammen. Er putzt. Und er hat gelernt, selbst Wäsche zu waschen. Dinge des Alltags. „Ich lerne fürs Leben.“ Auch über den Haushalt hinaus packt er immer da an, wo er gebraucht wird. Als ehrenamtliche Aushilfen für das Bistro der Einrichtung gesucht wurden, hat er sich gleich gemeldet. „Mach mir bitte einen Latte Macchiato“, bittet eine Mitarbeiterin den jungen Mann. Er nickt und macht sich an der Kaffeemaschine ans Werk. Eschenbrücher nimmt an vielen ergänzenden Angeboten der Einrichtung teil, etwa am Sozialen Kompetenztraining für Autismus. Und einmal in der Woche geht er seinem Lieblingshobby nach: der Arbeit beim Radio. Das Jugendradio in Waldkraiburg spielt zwar nicht seine Lieblingsmusik. Die ist Klassik. Doch immer montags fährt Eschenbrücher mit dem Bus dorthin und übernimmt die technische Begleitung der Sendung. Technik und Elektronik, das liegt Eschenbrücher. „Ich habe auf meinem Zimmer eine halbe Werkstatt“, sagt er. „Und wenn die anderen etwas Technisches brauchen, kann es gut sein, dass ich ihnen helfen kann.“

Unter der Woche beginnt der Tag für Eschenbrücher meist gegen 6 Uhr. Die Berufsschule auf dem Gelände der Einrichtung startet um 7.30 Uhr. Hier lernt er – neben technischem Wissen – auch Fächer wie Religion, Sozialkunde oder Deutsch. An Arbeitstagen ist er schon um 7.15 Uhr im Einsatz. Er lötet, prüft, repariert. „Es macht Spaß, Sachen auseinanderzubauen und zu lernen, wie etwas hinter den Kulissen funktioniert.“ Wenn Eschenbrücher ein technisches Problem oder eine Aufgabe sieht, dann macht er sich daran, es zu lösen. Mit diesem Engagement ist er auch bei seiner Ausbildung voll dabei. Beste Aussichten für einen guten Start ins Berufsleben.

Don Bosco in Aschau

Don Bosco Aschau am Inn ist seit 1950 eine Einrichtung der beruflichen und gesellschaftlichen Rehabilitation junger Menschen mit einem besonderen Hilfe- und Förderbedarf sowie Angeboten der Jugendhilfe an den Standorten in Aschau-Waldwinkel und Mettenheim. In über 30 Ausbildungsberufen bildet die Einrichtung im dualen System aus. Besonders junge Menschen, die es im Leben nicht einfach haben, sollen die Chance auf einen guten Beruf und einen guten „Startup“ ins Leben erhalten.


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