Gesellschaft

"Weniger leistungsfähige Menschen nicht ausgrenzen"

Anders oder normal – warum denken wir überhaupt in diesen Kategorien? Warum spielt Leistung in unserer Gesellschaft eine so große Rolle? Was kann man dagegen tun? Ein Gespräch mit dem Sozialethiker Markus Vogt.

veröffentlicht am 13.08.2020

Was heißt eigentlich „anders sein“?
„Anders sein“ heißt, sich unterscheiden, nicht einer bestimmten gesellschaftlichen Norm entsprechen. Das Interessante daran ist, dass „anders sein“ für uns mit zwei sehr unterschiedlichen Aspekten in Verbindung gebracht wird: Auf der einen Seite will jeder etwas Besonderes sein, etwas Einmaliges. Insofern ist „anders sein“ ganz positiv besetzt. Auf der anderen Seite haben aber alle auch Angst davor, anders zu sein, weil es auch bedeuten kann, nicht dazuzugehören, ausgegrenzt zu werden. Diese Spannung, einmalig sein und zugleich auch dazugehören zu wollen, prägt die Diskussion um das Anderssein.

Wer definiert, was in einer Gesellschaft normal ist und was nicht?
Das ist oft gar nicht so leicht festzulegen. Nur wenige Normen werden durch rechtliche Institutionen oder politische Entscheidungen vorgegeben. Was in verschiedenen Gemeinschaften als normal gilt und was nicht, wird hauptsächlich in einem kollektiven, oft unbewussten Prozess entschieden. Der Einzelne ordnet sich dem unter, was gesellschaftlich anerkannt ist, indem er die Bestätigung sucht, dass das, was er tut, normal ist. Dadurch weben wir alle mit am Netz des gesellschaftlichen Normierungsdrucks. Das kann innerhalb eines Dorfes sein oder auf nationaler Ebene.

Warum denken wir Menschen überhaupt in Kategorien wie normal und anders?
Im Grunde entlasten wir uns selber, indem wir mit Normalitätsvorstellungen festlegen, was wir von uns selbst und von anderen erwarten. Sonst würde das gesellschaftliche Zusammenleben oft nicht funktionieren. Dass man sich beispielsweise zur Begrüßung die Hand reicht, das ist in unserer Kultur als normal festgelegt, und deshalb brauchen wir nicht jedes Mal neu darüber nachdenken, wie wir uns bei einer Begrüßung verhalten sollen. Durch Corona ändert sich das jetzt und es wird sich vielleicht ein neues Normalverhalten zur Begrüßung entwickeln.  

Normen und standardisierte Verhaltensweisen festzulegen, ist für eine Gesellschaft sehr nützlich, weil es bestimmte Verhaltensweisen erwartbar macht. Aber es kann auch etwas Repressives haben, wenn diejenigen, die sich nicht an gesellschaftliche Normen halten oder ihnen nicht entsprechen, ausgegrenzt werden. Insofern ist es eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die ständige Produktion von Normalitäten zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

In unserer Gesellschaft werden oft Menschen ausgegrenzt, die weniger Leistung bringen als andere – etwa wegen einer Behinderung. Warum?
Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Das geht fast so weit, dass die Leistung die Religion unserer Zeit ist. Es gilt das, was ein Mensch leistet.

Aber wir merken auch, wie sehr das gerade junge Menschen unter Druck setzt, ständig unter Stress zu sein, noch mehr aus sich herausholen, das eigene Selbstbild optimieren und ganz unterschiedlichen Leistungsnormen entsprechen zu müssen. Da, glaube ich, kann gerade der Umgang mit Behinderten sehr heilsam sein. Denn die Botschaft, die Behinderte an uns haben, besteht darin, das reine Leistungsdenken zu durchbrechen. Sie machen uns klar, dass eben nicht jeder diesen Leistungsnormen entsprechen kann, und dass die Menschlichkeit einer Gesellschaft sich darin zeigt, dass man die Menschen, die weniger leisten können, nicht ausgrenzt.

Behinderte haben etwas zu sagen, das jeden angeht: Jeder hat Licht- und Schattenseiten. Jeder kann manche Dinge gut und andere weniger gut. Wenn wir anfangen, das zu verstecken, was wir nicht gut können, dann können wir auch viel schlechter lernen. Es ist eine Schwäche unserer Leistungsgesellschaft, dass wir dazu neigen, Schwächen nicht zuzugeben. Das wird besonders deutlich im Umgang mit Behinderten: Sie werden oft nicht hinreichend sichtbar gemacht. Viele Menschen mit Behinderung sagen, dass das Schmerzhafte für sie nicht die funktionale Beeinträchtigung ihres Körpers  ist, sondern das Nicht-anerkannt-Werden, nicht partizipieren zu dürfen an der Gesellschaft. Insofern ist Behinderung nicht nur ein rein körperliches oder geistiges Phänomen, sondern man wird auch behindert in der Gesellschaft, und dafür sind wir verantwortlich. Es ist eine Frage der Menschlichkeit unserer Gesellschaft, solche Muster der Produktion von Behinderung und Ausgrenzung zu hinterfragen und zu minimieren.

Das christliche Menschenbild betont, dass jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit wertvoll ist. Warum?
Für das christliche Menschenbild ist die Ebenbildlichkeit Gottes fundamental, also die Würde, die jeder Mensch hat, und zwar nicht aufgrund von Leistung oder Geschlecht oder Rasse, sondern völlig bedingungslos. Das ist das Prinzip der Liebe, die ungeschuldet einen Menschen anerkennt.

Die Option für die Armen drückt das besonders aus: Es ist nicht nur ein moralischer Imperativ, sondern eine Gotteserfahrung, dass Gott oft auf Seiten der Armen, der Ausgegrenzten, der Erniedrigten steht, weil diese besonders deutlich spüren, dass sie auf Gott angewiesen sind, und deshalb oft auch in anderer Weise fähig sind, sich Gott zu öffnen.

Jeder Mensch braucht Hilfe, jeder Mensch ist auf Gnade und Zuwendung angewiesen. Diese Überzeugung ist ein Markenzeichen des christlichen Menschenbildes, und das kann und muss sich bewähren im Umgang mit Behinderten. Denn es geht dabei nicht darum, ein bisschen Mitleid für eine Randgruppe zu zeigen, sondern darum, ob wir die Unbedingtheit der Liebe und der Würde des Menschen ernst nehmen oder nicht.

Inwiefern bietet das christliche Menschenbild die Chance, Menschen mit Behinderung besser in unsere Gesellschaft zu integrieren?
Diese Aufgabe ist nicht leicht. Das weiß jeder, der Erfahrung mit der Inklusion von Menschen mit Behinderung hat. Das Entscheidende ist, Menschen mit Behinderung Anerkennung zu vermitteln.

Fast alle Wundergeschichten im Neuen Testament sind im Grunde Inklusionsgeschichten. Das eigentliche Wunder, das geschieht, ist nicht die Durchbrechung der Naturgesetze, sondern, dass Jesus sich Menschen in Not, mit Krankheit oder Behinderung vorbehaltlos zuwendet und dadurch ganz neue Perspektiven für die Menschen eröffnet. Darin liegt die Chance des christlichen Glaubens: sich vorbehaltlos Menschen zuzuwenden und dann zu staunen, was vielleicht doch oft möglich ist.
   
Im säkularen Bereich sind Paralympics für mich ein gelungenes Beispiel für Inklusion und für einen humanen und angemessenen Umgang mit dem Thema Behinderung. Ich finde es toll, zu sehen, was dabei möglich ist: Menschen können auch mit Behinderung viel leisten und haben oft einen starken Willen, um das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen.
   
Entscheidend scheint mir, dass wir Menschen mit Behinderung nicht nur als Objekte des Mitleids sehen, sondern sie anerkennen in dem, was sie können, und ihnen mit einer gewissen Lockerheit begegnen. Denn ob Menschen glücklich sind, entscheidet sich nicht so sehr am Niveau dessen, was sie leisten können, sondern daran, dass sie trotz aller Hindernisse – die es für jeden gibt – ihre Fähigkeiten und Potenziale entfalten. Und das kann man im Umgang mit Behinderten lernen.    

Theologe und Sozialethiker Markus Vogt

Markus Vogt, 58, ist Theologe und Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.


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