Chemnitz

Don Bosco gibt jedem eine Chance

Im Projekt „Startklar in die Zukunft“ in Chemnitz finden junge Menschen Hilfe, die aufgrund ihrer Biografie eine ganze Reihe Probleme haben. Viele sind drogenabhändig oder kriminell. Die Pädagogen sagen: Bei uns kann jeder bedingungslos ankommen.

15.10.2020

Zwischen den Bäumen des Parks zeichnen sich die Türme der Markuskirche ab, das Wahrzeichen des Sonnenbergs. Der Chemnitzer Stadtteil war viele Jahre ein typisches Arbeiterviertel. Geblieben sind die Arbeiter, nur ohne Arbeit, so beschreibt Markus Hönig die Gegend. Der Park nebenan gilt als Drogenumschlagplatz. Nicht ohne Grund befindet sich der Arbeitsplatz des Sozialpädagogen genau hier. In einem der mehrgeschossigen Gründerzeitgebäude bietet das Don Bosco Haus Chemnitz in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter Chemnitz eine Aktivierungshilfe unter dem Namen „Startklar in die Zukunft“ an.

Für viele Einrichtungen der Salesianer Don Boscos gilt, dass sie mitten im sozialen Brennpunkt der Stadt liegen. So auch für das 2014 gestartete Projekt „Startklar in die Zukunft“, das sich an junge Menschen zwischen 18 und 27 Jahren richtet, die schrittweise an berufsvorbereitende Maßnahmen oder den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen. Als größte Herausforderung stellt sich laut Teamleiterin Lisa Kernke der Kontakt zu den jungen Menschen dar. Einen großen Teil des Tages verbringt ihr Team nämlich damit, zu versuchen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer telefonisch zu erreichen oder sie aufzusuchen. „Wir sind froh, wenn wir einmal am Tag Kontakt zu ihnen haben, manchmal hören wir eine Woche nicht voneinander.“

Künstlerische und lebensnahe Aktivitäten

Das Projekt sei sehr niederschwellig ausgerichtet, erläutert Lisa Kernke. Es gibt verschiedene Angebote wie Werkstatt, Hauswirtschaft, Schule und Reiten, zwischen denen die Teilnehmer wählen können. Auch aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie laufen die einzelnen Aktivitäten aktuell jedoch erst langsam wieder an. In der Werkstatt ist André Jasper-Steinbach deswegen an diesem Tag noch alleine. Der gelernte Malermeister, der als Anleiter in der Werkstatt tätig ist, bearbeitet gerade mit einem Spatel eine menschengroße Figur aus Holz, Zeitungen und Gips. Währenddessen gibt er einen Einblick in die Aktivitäten seines Arbeitsbereiches, die sowohl künstlerisch als auch sehr praktisch und lebensnah ausgerichtet seien. Gemeinsam mit den Teilnehmern der Aktivierungshilfe habe er zum Beispiel schon Fahrräder repariert und ganze Wohnungen renoviert und eingerichtet.

Einen Wohnsitz zu haben und sich an die Mietregeln zu halten, ist laut Lisa Kernke für viele der jungen Männer und Frauen schon ein Erfolg. „Viele schaffen es nie auf den ersten Arbeitsmarkt.“ Das hängt, wie die Sozialpädagogin ausführt, mit den Biografien der jungen Menschen und den häufig damit verbundenen Konsequenzen zusammen: emotionale Instabilität, kein Wohnsitz, Kriminalität, Substanzmissbrauch. „Viele sind mit einem Bein gefühlt schon im Arrest.“ Doch es gebe auch sehr positive Beispiele. Einige hätten es nach der Maßnahme geschafft, ins Berufsleben einzusteigen, etwa als Friseur oder Verkäufer. Das möchte die Teamleiterin jedoch nicht als Erfolg der Einrichtung verbuchen: „Das haben sie aus eigener Kraft geschafft.“

Um den jungen Erwachsenen auch bei schulischen Aspekten zur Seite zu stehen, unterstützt seit Anfang des Jahres Karin Reuther das Team als Lehrkraft. Ganz bewusst bezeichnet sie das Angebot nicht als Unterricht, weil es die jungen Menschen womöglich abschrecken könnte. „Es ist ähnlich wie Schule, aber eher niederschwellig.“ Für eine junge Frau hat sie für das heutige Treffen einen Duftkalender vorbereitet, für eine andere ein Gedicht – die 67-jährige ausgebildete Sonderpädagogin orientiert sich dabei vor allem an den Interessen der jungen Erwachsenen. „Vom Kopf zur Brust ins Herz“, so beschreibt sie selbst die Methodik, mit der sie versucht, die jungen Menschen zu motivieren. Denn häufig fehlt den Jugendlichen genau das. „Sie sind häufig in sich träge und brauchen einen Schubs.“ Wesentlich ist deswegen, wie sie ausführt, sie aufzubauen, immer wieder zu loben und zu ermutigen. „Sie sind daran gewöhnt, dass man ihnen das Gefühl gibt, sie sind blöd und nichts wert.“

Eine pädagogische Herausforderung

Doch es gibt auch Momente, in denen die Sozialpädagogen selbst Aufmunterung brauchen. Karin Reuther hat auf ihrem Handy gerade eine Nachricht von einem Teilnehmer bekommen – er hat abgesagt. Bei ihren Kollegen macht sie ihrer Enttäuschung kurz Luft, dann konzentriert sie sich aber schon auf den nächsten Termin. „Die tägliche Arbeit vollzieht sich in kleinen Schritten“, sagt sie. Einige fänden jedoch gar nicht den Weg zu ihr, da sie sich gegen alles sperrten, was mit Schule zu tun hat. Dann versucht die Sonderpädagogin, bei den anderen Angeboten in der Einrichtung Präsenz zu zeigen, um ihnen so zu signalisieren: „Ich bin da.“

Für Nadja hat Karin Reuther an diesem Tag ein Buch über Wirtschaftskunde herausgesucht. Sie möchte die junge Mutter auf die Ausbildung zur Verkäuferin vorbereiten. Um die Mittagszeit erscheint Nadja dann mit Kinderwagen und ihrer kleinen Tochter in der Einrichtung. Lange bleiben kann die junge Mutter aber nicht – ihr Freund sei beim Arzt und sie müsse auf die gemeinsame Tochter aufpassen, erzählt sie der Pädagogin. Während die junge Frau dann vom Corona-Alltag in der Kita berichtet, läuft ihre Tochter unter den Tisch und hält sich die Augen zu – ganz so, als wolle sie sich verstecken. Hervorlocken kann Lisa Kernke das Mädchen dann mit einer Apfelschorle doch.

Es ist das Vertrauen in die jungen Menschen, das für die Pädagogik Don Boscos so zentral ist und auch in der Arbeit von „Startklar in die Zukunft“ deutlich wird, wie Teamleiterin Lisa Kernke betont. „Hier wird Don Bosco gelebt.“ Dazu gehört in ihren Augen unter anderem, dass man den Teilnehmern christliche Werte vermittelt und sie so annimmt, wie sie sind. „Wir sind so etwas wie eine Familie und Schutzraum für sie“, legt sie dar. Dennoch sei die Arbeit auch eine große Herausforderung und die Pädagogen müssten Frustrationstoleranz und emotionale Belastbarkeit mitbringen. Gewalt, Aggression, wenig Problemlösungskompetenz – das sind laut Lisa Kernke Dinge, mit denen die Pädagogen tagtäglich umgehen müssen.

Pferden ist egal, wie jemand aussieht oder riecht

Gewöhnungsbedürftig war das auch für Carmen Busse, die eigentlich Heilpraktikerin und Krankenschwester von Beruf ist. Als sich die 50-Jährige aus Dittersdorf selbstständig gemacht hat, arbeitete sie auch als Reitpädagogin und fand so den Weg in das Projekt. Einmal in der Woche nimmt sie die Projektteilnehmer dann mit zu ihren Pferden Ebby, Babajaga und Lissla. Zu ihrem Programm gehören gemeinsame Ausritte, das Putzen und Satteln der Pferde oder die Langzügelarbeit, bei der die Teilnehmer die Pferde durch einen Parcours führen. Pferde eignen sich, wie sie ausführt, sehr gut für die therapeutische Arbeit, da sie dem Menschen zunächst einmal wertfrei begegnen. „Es ist völlig egal, wie du aussiehst oder wie du riechst.“ Die jungen Erwachsenen erlebt Carmen Busse in diesem Kontext viel ruhiger und zugänglicher. „Sie können sorgenfrei sein, fühlen sich angenommen und kommen bei sich an.“

Diese erlebnispädagogischen Elemente sollen die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer unterstützen, wie Lisa Kernke erläutert. Aus diesem Grund führt das Team regelmäßig verschiedene Aktionen durch, bei denen die Teilnehmer zum Beispiel die Aufgabe bekommen, Gegenstände zu tauschen. Angefangen haben sie mit einer Büroklammer, zurück kamen sie mit einer Handyhülle. „Sie sollen dabei lernen, über ihren Schatten zu springen.“ Dabei macht die Teamleiterin in der Regel die Erfahrung, dass die jungen Menschen am Ende der bestandenen Aufgabe sehr glücklich sind – auch wenn sie am Anfang erst einmal darüber meckern.

Insgesamt steht der intensive Kontakt mit den jungen Menschen laut Markus Hönig im Mittelpunkt. Der Sozialpädagoge ist schon seit Beginn an bei „Startklar in die Zukunft“ dabei und noch immer kann der 51-jährige Sozialarbeiter davon ausgehen, dass hier jeder Arbeitstag anders ist. Heute hat sich spontan der Besuch eines Teilnehmers angekündigt, der von seinem Gerichtsprozess erzählen möchte. Der junge Mann heißt Stefan und kommt mit seiner Freundin Melanie und ihrem kleinen Sohn vorbei. Stefan wurde zu einem halben Jahr Freiheitsstrafe verurteilt. Vorgeworfen wird ihm schwerer Landfriedensbruch aufgrund seiner Mitgliedschaft in der rechtsextremen Terrorgruppe „Revolution Chemnitz“, auch von Körperverletzung ist die Rede.

Die Teilnehmer sollen sich selbst hinterfragen

Fällen wie dem von Stefan begegnet Markus Hönig in der sozialpädagogischen Arbeit bei „Startklar in die Zukunft“ häufig. Junge Menschen, die sich mehr aus Naivität denn aus Überzeugung im Milieu rechter Gruppierungen aufhielten. Einmal habe ihm ein junger Mann gesagt: „Meine Eltern waren rechts, ich bin rechts und auch meine Kinder werden rechts sein.“ Solche Sätze ließen sie hier natürlich nicht stehen, auch wenn die politische Gesinnung der jungen Menschen, die herkommen, zunächst einmal „wurscht“ ist, wie der 51-Jährige es formuliert. „Wichtig ist, dass sie hier bedingungslos ankommen können.“ Dennoch werde versucht, die jungen Erwachsenen dazu anzuregen, Dinge zu hinterfragen und zu differenzieren. Laut Markus Hönig gelingt das in den meisten Fällen auch.

Und auch Stefan, der das Urteil zu Beginn des Gesprächs überhaupt nicht nachvollziehen konnte, zeigt sich nach einer Weile deutlich einsichtiger. Gemeinsam mit dem Sozialpädagogen möchte er demnächst ein Plädoyer für den Berufungsprozess erarbeiten.

Das Projekt "Startklar in die Zukunft"

Seit 2014 gibt es die Aktivierungshilfe „Startklar in die Zukunft“. Derzeit kümmern sich sechs Sozialpädagogen, zwei handwerkliche Anleiter, eine Psychologin und eine Lehrkraft um 25 junge Menschen, die über das Jobcenter Chemnitz vermittelt werden. Als besondere Elemente gehören zum Projekt ein gemeinsames Frühstück und Mittagessen sowie eine telefonische 24-Stunden-Erreichbarkeit.


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