Pandemie

„Die jungen Menschen brauchen ihr normales Leben zurück“

Don Bosco Schwester Rosy Lopez aus Bangalore ist seit acht Jahren Direktorin der Centre for Development and Empowerment of Women (CDEW) Society. Für die 70-Jährige ist klar: Die Corona-Pandemie hat bei den Jugendlichen in Indien Spuren hinterlassen.

veröffentlicht am 14.08.2021

Was sorgt Sie am meisten?
Ich sorge mich am meisten um die Kinder, die nicht am Onlineunterricht teilnehmen können. Betroffen sind vor allem Kinder in Slums oder kleineren Dörfern. Diese Jungen und Mädchen können wir nur schwer erreichen. Sie fühlen sich abgehängt, und das hat auch psychische Folgen. Sie werden depressiv und antriebslos. Während des Lockdowns konnten sie ihre Freunde nicht mehr sehen und hatten nur beschränkte Kontakte. Die jungen Menschen haben ein ganzes Jahr verloren. Das belastet sie sehr und sie warten darauf, endlich wieder in die Schule zu gehen und Freunde und Lehrer zu treffen. Die Zahl an Selbstmordversuchen und auch Suizidgedanken hat während der Pandemie deutlich zugenommen.

Was brauchen die Kinder und Familien jetzt vor allem?
Vielen Familien geht es finanziell schlecht. Die Eltern haben ihren Job verloren oder arbeiten nur noch zwei Wochen im Monat. Tagelöhner finden keine Arbeit mehr. Auch kleine Unternehmer stehen vor dem Aus. Am Anfang haben viele NGOs den armen Menschen mit Lebensmittelpaketen geholfen. Auch CDEW hat viele Menschen in der Gegend unterstützt. Ebenso die indische Regierung. Die Hilfe ist aber stark zurückgegangen. Die Auswirkungen in der Bevölkerung sind unterschiedlich: Arme Menschen sind am meisten von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen. Sie hungern und kämpfen ums Überleben. Familien der unteren Mittelschicht kommen mit der Situation etwas besser klar. Was diese Familien jetzt brauchen, ist nicht Bildung, sondern finanzielle Hilfe. Die obere Mittelschicht hält am Onlineunterricht fest, auch wenn sie dafür viele Opfer bringen muss.

Was macht Ihnen Hoffnung?
Während der Pandemie haben Frauen, Jugendliche und Kinder die Bedeutung der Natur und von Bioprodukten erkannt. Sie haben sich zu Hause einen Gemüsegarten und kleine Terrassengärten angelegt. Viele Frauen sind jetzt für den ökologischen Anbau sensibilisiert und bauen ihr eigenes Gemüse an, mit dem sie dann ihre Familie versorgen. Die Kinderparlamente in unserer Nachbarschaft werden jetzt teilweise online organisiert. So haben die Betreuer in ihren Dörfern Kontakt und Zugang zu den Kindern vor Ort und führen auch gemeinsam Arbeits-und Lernprogramme durch. Wir hoffen und beten, dass die Corona-Pandemie endlich vorbei ist und wir wieder ein normales Leben führen können. Zurzeit wird bereits von einer dritten Welle gesprochen. Wir hoffen, dass wir diese Welle gut überstehen und die Menschen endlich wieder arbeiten und die Kinder zur Schule gehen können. Die jungen Menschen brauchen ihr normales Leben wieder zurück!


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