Von der Straße zurück ins Leben

Von der Straße zurück ins Leben: Don Bosco hilft Straßenkindern in Santa Cruz

Das Don Bosco Zentrum „Techo Pinardi“ bietet Kindern ein sicheres Zuhause, die sonst auf der Straße leben müssten. So wie Andres, der Dank Don Bosco seinen Schulabschluss nachholen konnte und heute Psychologie studiert.

veröffentlicht am 26.02.2026

  • Katharina  Schründer

Andres war 13 Jahre alt, als die Straße zu seinem Zuhause wurde. Sein Vater trank zu viel und schlug seine Frau und die Kinder. Die Angst, die Schreie, das Chaos – Andres hielt es nicht mehr aus und flüchtete deshalb auf die Straßen der Stadt Santa Cruz in Bolivien. Dort verbrachte er seine Zeit mit drei anderen obdachlosen Jugendlichen. Ihnen konnte er wenigstens vertrauen. Sein Misstrauen gegenüber anderen Menschen war groß. Er hatte bisher keine guten Erfahrungen gemacht.

Doch mit den neuen „Freunden“ rutschte er immer tiefer ab. Zwei Jahre später ist sein Alltag völlig aus den Fugen geraten. Süchtig nach leichten Drogen und vor allem nach Videospielen, verliert er die Kontrolle. Er schläft kaum, zockt nächtelang. Eigentlich schließen die Internetcafés abends, doch hinter verschlossenen Türen geht es weiter – im Zwielicht mit Drogen und Alkohol. Der Tiefpunkt: Ein missglückter Einbruch in eine Schule. Andres wird geschnappt. Letztendlich ist das sein Glück, denn so kommt er zu Don Bosco und ins Techo Pinardi.

Das Zentrum Techo Pinardi liegt in der Altstadt von Santa Cruz – dort, wo sich viele obdachlose Kinder aufhalten. Die Türen stehen ihnen immer offen. Hier können sie essen, sich ausruhen, duschen – und wenn sie wollen: bleiben. Ein großes, buntes Wandbild empfängt alle, die ankommen. Die Atmosphäre ist familiär. Das ist der Schlüssel, erklärt Sozialarbeiterin Evelia Ruiz: „Wir begegnen den Jugendlichen mit Respekt und schaffen eine familiäre Atmosphäre – das spüren sie."

Neuanfang für obdachlose Jugendliche bei Don Bosco: „Ich fühlte mich sicher und beschützt“

Ruiz ist seit 2020 täglich mit ihrem Kollegen José Flores auf den Straßen von Santa Cruz unterwegs. Bolivien zählt zu den ärmsten und strukturschwächsten Ländern Südamerikas. Viele Kinder müssen betteln oder arbeiten gehen, der Schulbesuch bleibt aus – ein Teufelskreis. Doch Evelia schöpft Hoffnung aus den Lebensgeschichten junger Männer wie der von Andres. Der junge Mann kommt regelmäßig ins Zentrum zurück, spielt mit den Jungen Fußball und macht ihnen Mut. Er erzählt ihnen seine Geschichte, seinen Weg zurück ins Leben.

„Am Anfang war es schwierig, aber die Aussicht auf feste Mahlzeiten und die guten Gesprächspartner, haben mir sehr geholfen“, erinnert sich Andres. Vor allem das Gefühl in der ersten Nacht lässt ihn bis heute nicht los: „In einem richtigen Bett zu liegen, unter einem sicheren Dach, mit vier festen Wänden. Das hat mich beruhigt. Ich fühlte mich sicher und beschützt.“ Dieses Gefühl und die Nähe der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, das Verständnis der anderen Jungen – all das half ihm, von seiner Sucht loszukommen. 

Alle akzeptieren ihn, so wie er ist. Sie verstehen, wie er sich fühlt. Immer wieder versichern sie ihm, dass er es schafft. Sie sind für ihn da. Besonders das Zittern, die Schlaflosigkeit, das ständige Gefühl, etwas zu verpassen – typische Entzugserscheinungen – wurden durch die Fürsorge erträglicher. Andres merkt schnell, dass das Techo Pinardi seine Chance ist, dem Elend auf der Straße zu entfliehen. „Ich war so tief gefallen. Ich wusste selbst nicht mehr, warum ich bestimmte Dinge tat “, erinnert er sich an die Zeit auf der Straße zurück. 

Im Computerraum lernen die Jugendlichen, ihre Spielsucht zu kontrollieren

Der neu eingerichtete Computerraum im Don Bosco Zentrum ist ein wichtiger Ort für die jungen Menschen. Denn die Jugendlichen lernen dort, ihre Spielsucht zu kontrollieren. Spielen dürfen sie nur zu bestimmten Zeiten – und nur, wenn sie sich an Regeln halten. So lernen sie, mit ihrer Abhängigkeit umzugehen.

Andres ist dankbar für die Unterstützung und Ermutigung, die er bei Don Bosco erlebt hat. Dadurch hat er seinen Weg zurück ins Leben gefunden. Er ist erfolgreich von den Drogen losgekommen und hat ein Ziel im Leben gefunden. „Sie haben hier diesen kleinen Samen in mir gesät: Glaub an dich und du wirst deine Ziele erreichen!“ Dieser neue Mut hat ihm geholfen, seinen Schulabschluss nachzuholen. 

In den zwei großen Lernräumen im Zentrum hat sich Andres langsam und im eigenen Tempo wieder ans Lernen gewöhnt. Dann hat er die Schule besucht und seinen Abschluss gemacht. Auch die Lehrküche und die Werkstätten des Zentrums sind wichtige Lernorte. Die Jungen entdecken dort ihre Talente, bauen Möbel, schweißen – und verkaufen ihre Arbeiten sogar auf Volksfesten.

Starke Gemeinschaft: Im Zentrum wird gemeinsam gegessen, gelernt, gelacht – und auch mal gestritten

Im Techo Pinardi leben bis zu 15 Jungen zwischen 12 und 17 Jahren unter einem Dach. Zusammen mit den Pädagoginnen und Pädagogen bilden sie eine familiäre Gemeinschaft. Es wird gemeinsam gegessen, gelernt, gelacht – auch mal gestritten. Alle packen mit an: beim Kochen, Abwaschen, Wäsche aufhängen. Bei der Wäsche hat Edwin, ein 14-jähriger Techo-Bewohner, Probleme. Er hat eine Gehbehinderung. Santos, 13 Jahre, hilft ihm deswegen. „Die Leinen sind weit weg, und Edwin hat Schwierigkeiten beim Gehen – also helfe ich“, sagt Santos. Solidarität ist hier gelebter Alltag.

Besonders beeindruckt ist Andres von der Psychologin des Zentrums: „Sie hat immer die richtigen Worte gefunden und mir wirklich zugehört. Das möchte ich später auch können.“ Deshalb studiert der 21-jährige jetzt Psychologie. Er möchte selbst Kindern aus schlimmen Situationen heraushelfen können. Sein Plan für die Zukunft ist klar: „Weil mich der Fußball so begeistert, möchte ich Sportpsychologe werden. Das ist mein Traum, den ich erreichen werde. Davon bin ich überzeugt!“ 

Drei Fragen an Evelia Ruiz, Don Bosco Sozialarbeiterin im Techo Pinardi

Was motiviert Sie bei Ihrer Arbeit? 
Mich motiviert, dass es immer wieder gelingt, Jugendliche von der Straße zu holen – ihnen eine echte Perspektive zu geben. Wenn ein Kind zurück in die Familie findet oder die Schule abschließt, ist das ein riesiger Erfolg. Dafür stehe ich jeden Tag auf.

Warum ist die Streetwork-Arbeit so wichtig?
Wir sind praktisch täglich auf den Straßen unterwegs. Wir begleiten die Kinder und Jugendlichen vor Ort viele Stunden, oft über Monate und manchmal auch Jahre. Wir sprechen mit ihnen und bauen Vertrauen auf. Das hilft ihnen, die Entscheidung zu treffen, dem Leben auf der Straße den Rücken zu kehren. Ohne uns wären viele obdachlose Jugendliche auf sich allein gestellt. Wir arbeiten mit viel Herz und Respekt. Die Kinder spüren die familiäre Atmosphäre – das stärkt sie. Deshalb kommen viele wieder oder bleiben in Kontakt mit uns. Es ist zudem sehr wichtig, dass das ganze Projekt ganzheitlich angelegt ist. Alle Hilfen für die Kinder auf der Straße und im Techo Pinardi greifen ineinander.

Wie wichtig sind Freiwillige aus Europa?
Die Freiwilligen bringen frischen Wind in das Zentrum mit. Sie bauen oft sehr schnell Vertrauen zu den Jugendlichen auf. Durch gemeinsame Spiele, Sport und Gespräche. Diese Beziehung stärkt das Selbstwertgefühl der Kinder und auch der Freiwilligen. Beide profitieren davon. Es ist toll zu sehen, wie sich junge Menschen für andere junge Menschen einsetzen, ihnen ihre Zeit schenken und alles miteinander teilen.

Sicheres Zuhause auf Zeit

Im Zentrum „Techo Pinardi“ im bolivianischen Santa Cruz de la Sierra finden 15 Jungen zwischen 12 und 17 Jahren, die zuvor auf der Straße gelebt haben, ein sicheres Zuhause auf Zeit. Durch aufsuchende Sozialarbeit unterstützt Don Bosco Kinder und Jugendliche auf der Straße, ihre Probleme zu überwinden. Sie verbringen oft einfach Zeit mit ihnen, spielen mit ihnen Karten, geben ihnen etwas zu essen oder hören einfach nur zu. Wenn sie so Vertrauen gewonnen haben, bieten sie den Kindern und Jugendliche an, mit Don Bosco den ersten Schritt hin zu einem neuen Leben zu wagen.


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