Bildung und Kinderschutz
Hoffnung im Regenwald von Chocó
Kolumbien ist ein Land im Spannungsfeld von Reichtum und Konflikten. Jahrzehntelange bewaffnete Auseinandersetzungen haben tiefe Spuren hinterlassen. Die Salesianer Don Boscos geben Kindern und Jugendlichen eine Perspektive.
veröffentlicht am 26.08.2025
Ich möchte Profifußballer werden“, sagt Juan Jaidar mit leuchtenden Augen. Der 15-jährige, hoch aufgeschossene Bursche lebt seit knapp einem Jahr im Hogar Juvenil Don Bosco, einem Jugendwohnheim der Salesianer Don Boscos in Condoto im Departamento Chocó. Groß geworden in einem 7.000 Einwohner zählenden Ort in einer der ärmsten Gemeinden in der Region, gehört Juan zu einer Generation, die zwischen Hoffnung und Gewalt aufwächst.
Eine Reise nach Condoto beginnt meist in Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens, der „Ciudad de la eterna primavera“ (Hauptstadt des ewigen Frühlings). Sie wird so bezeichnet, weil die Temperaturen selten über 30 Grad Celsius klettern oder unter 16 Grad fallen. Vom regionalen Flughafen inmitten der 2,6-Millionen-Metropole führt der Flug über ein endloses Meer aus dichtem, grünen Regenwald. Die Region Chocó im Nordwesten Kolumbiens ist eine der feuchtesten der Welt. Die tiefgrünen Wälder, die sich über 46.000 Quadratkilometer erstrecken, sind Heimat einer einzigartigen Biodiversität – aber auch Ziel illegaler Abholzung und rücksichtslosen Bergbaus. Chocó ist reich an Gold und Platin, doch wirtschaftlich gehört es zu den ärmsten Regionen Kolumbiens.
Schutz vor Ausbeutung und der Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen
Das Städtchen Condoto mit seinen rund 10.000 Einwohnern liegt am gleichnamigen Fluss. Eine sichere Anreise ist nur mit kleinen Turboprop-Flugzeugen möglich. Die Straße von Medellín nach Condoto ist aufgrund von Guerilla-Aktivitäten riskant.
Die Salesianer Don Boscos betreuen hier seit 1986 die Pfarrei San José und führen das Jugendwohnheim Hogar Juvenil Don Bosco. Rund 60 Burschen und Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren, die meisten stammen aus schwer zugänglichen Flussdörfern, bekommen hier eine Unterkunft, Verpflegung und eine Schulbildung im Colegio Luis Lozano Scipión der Gemeinde Condoto. Das Ziel: Kinder vor Ausbeutung, vor allem in illegalen Minen, und vor der Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen zu schützen.
Ein Land im Spannungsfeld von Reichtum und Konflikten
Denn Kolumbien ist ein Land im Spannungsfeld von Reichtum und Konflikten. Jahrzehntelange bewaffnete Auseinandersetzungen haben tiefe Spuren hinterlassen. Die FARC, einst die größte Guerillabewegung des Landes, rekrutierte Zehntausende Kindersoldaten. Trotz des Friedensvertrags von 2016 zwischen Regierung und FARC, der als historischer Schritt gefeiert wurde, ist die Sicherheitslage heute erneut prekär. Eine Vielzahl bewaffneter Gruppen ringt um die Kontrolle über Ressourcen, Drogenrouten und Territorien. In Teilen Kolumbiens, vor allem in abgelegenen ländlichen Gegenden und in Grenzregionen zu Venezuela und Ecuador, fehlt es an wirksamer staatlicher Kontrolle. In einigen Departamentos wie dem Chocó ist die Präsenz staatlicher Institutionen stark eingeschränkt.
Im Chocó, wo 70 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben – viele müssen mit weniger als zwei Euro am Tag auskommen – ist die Bevölkerung besonders anfällig für Gewalt und Zwangsrekrutierung. Die ethnische Vielfalt – die meisten Einwohner sind afrokolumbianischer Herkunft oder gehören zur indigenen Gruppe der Embera – trifft auf soziale Ausgrenzung und strukturelle Vernachlässigung.
Jugendliche gehen zu den Guerillas, um ein Einkommen für die Familien zu bekommen
Pater Gustavo Maury, Ökonom der Salesianer Don Boscos in Kolumbien, erklärt: „Jugendliche werden in dieser Region gezielt von bewaffneten Gruppen rekrutiert. Oft schließen sie sich freiwillig den Guerillas an, um ein Einkommen für ihre Familien zu generieren. Bildung ist die einzige Möglichkeit, diesem Kreislauf zu entkommen. Wir versuchen, durch Schulbildung, Berufsausbildung und familiäre Unterstützung eine Perspektive zu geben.“
Juan Jaidar ist einer von vielen Jugendlichen, die durch die Salesianer Hoffnung gefunden haben. „Ich möchte die Schule hier abschließen und dann nach Medellín, um zu studieren und zu arbeiten. Meine Familie zu unterstützen, ist das Wichtigste für mich.“ Auf die Frage, ob er eines Tages in sein Heimatdorf zurückkehren möchte, antwortet er leise: „Ich vermisse meine Familie sehr. Aber dort gibt es keine Zukunft für mich.“
Ganzheitlicher Ansatz aus Bildung, psychologischer Betreuung und Familienzusammenführung
Zurück in Medellín: Mit der Ciudad Don Bosco errichteten die Salesianer Don Boscos 1965 am Stadtrand zunächst eine Anlaufstelle für Straßenkinder. Heute besuchen etwa 1.200 Kinder und Jugendliche das große Ausbildungszentrum. Die meisten kommen aus den Armenvierteln der kolumbianischen Metropole. Angeschlossen ist ein Internat, in dem etwa 200 Kinder leben, davon 50 Straßenkinder und 150 Kinder aus vulnerablen Familien.
Seit 2003 betreiben die Salesianer Don Boscos zudem ein besonderes Schutzprogramm für ehemalige Kindersoldaten, Burschen und Mädchen. Vom kolumbianischen Staat als Opfer anerkannt, durchlaufen diese Jugendlichen ein Resozialisierungsprogramm, das mehr als 18 Monate dauert. Bisher haben rund 3.000 Jugendliche Hilfe erhalten, etwa 85 Prozent fanden im Anschluss einen neuen Weg in ihrem Leben. Der ganzheitliche Ansatz aus Bildung, psychologischer Betreuung und Familienzusammenführung zeigt: Veränderung ist möglich.
"Diese Ausbildung gibt uns Hoffnung auf ein besseres Leben“
Auch drei Jugendliche aus Chocó nehmen aktuell an einem speziellen Ausbildungsprogramm in der Ciudad teil: Juan David, Mateo und Santiago. Stolz berichten sie von ihrer Ausbildung – einer lernt Tischlerei, zwei werden im IT-Bereich ausgebildet. „Es ist schwer, von zu Hause weg zu sein“, sagt Mateo, „aber diese Ausbildung gibt uns Hoffnung auf ein besseres Leben.“
In Condoto, tief im Regenwald, wünscht sich Juan Jaidar eine Zukunft im IT-Bereich – auch wenn der Traum vom Profifußballer in ihm weiterlebt. Die Salesianer begleiten ihn auf seinem Weg und geben ihm wie vielen anderen das Gefühl, nicht allein zu sein.
Dort, wo die Wege weit und beschwerlich sind, Hoffnung aber umso wertvoller ist, leisten die Salesianer stille, aber entscheidende Arbeit. Sie bieten nicht nur Bildung und Mahlzeiten, sondern vor allem das, was in dieser Region selten ist: eine Zukunftsperspektive. Juan Jaidars Geschichte ist kein Einzelfall. Sie steht stellvertretend für eine ganze Generation junger Menschen in Kolumbien, die trotz widrigster Umstände an ihren Träumen festhalten – weil jemand an sie glaubt.
Mehr Informationen über die Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern in Kolumbien bei Don Bosco Mission Bonn, Don Bosco Mission Austria und der Missionsprokur der Don Bosco Schwestern.
Die Salesianer Don Boscos in Kolumbien
Die Salesianer Don Boscos sind seit mehr als 130 Jahren in Kolumbien tätig. Ihr Einsatz begann im Jahr 1892 und konzentriert sich seither auf die Ausbildung junger Menschen, insbesondere jener, die an den Rändern der Gesellschaft leben. Heute sind die Salesianer in Kolumbien in zwei Provinzen organisiert: San Pedro Claver mit Sitz in Bogotá und San Luis Beltrán mit Sitz in Medellín. In der Provinz Medellín sind aktuell 118 Salesianer aktiv. Mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreiben sie 59 Einrichtungen an 18 Standorten, darunter Schulen, Berufsbildungszentren, Kinderschutzzentren, Pfarreien und Jugendheime. Besonders aktiv ist die „Ciudad Don Bosco“ in Medellín, ein Zentrum für Straßenkinder und benachteiligte Kinder und Jugendliche, das seit 1965 mehr als 83.000 junge Menschen aufgenommen und begleitet hat.
Salesianische Einrichtungen finden sich unter anderem in Barranquilla, Cali, Cartagena, Condoto, Dosquebradas, Ibagué, Popayan und Tuluá. Insgesamt erreichen die salesianischen Bildungseinrichtungen in der Provinz Medellín jährlich rund 13.000 junge Menschen – viele davon in schwierigen Lebenslagen.
Wirbelsturm „Erin“ richtet große Schäden an – Betrieb geht weiter
Am 12. August 2025 fegte der verheerende Wirbelsturm „Erin“ über die Stadt Condoto in Kolumbien und hinterließ massive Zerstörung. Auch das Jugendwohnheim Hogar Don Bosco wurde schwer getroffen: Das Dach des Hauptgebäudes, in dem sich der Speisesaal befindet, wurde abgedeckt, an weiteren Gebäuden der Anlage entstanden erhebliche Schäden.
Trotz dieser schwierigen Umstände konnte der Betrieb des Jugendwohnheims dank der Unterstützung der kolumbianischen Salesianerprovinz weitergeführt werden – ein starkes Zeichen für das große Engagement der Salesianer vor Ort.