Bildung in Myanmar

Ein Kindergarten mitten im Slum

In einem der größten Slumgebiete Myanmars bieten die Don Bosco Schwestern in ihrer Einrichtung frühkindliche Bildung an. Auch die Familien der Kleinen profitieren von der 2016 gegründeten Ordensniederlassung.
  • Petra Slivnjek

veröffentlicht am 13.08.2020

Ma Sa Bae Oo geht gerne in den Kindergarten. Stolz macht sich die Fünfjährige jeden Morgen auf den Weg von der Hütte ihrer Großeltern zu dem großen befestigten Haus des „Don Bosco Children’s Home“. Ihr Weg führt zwischen ärmlichen Behausungen aus Bambus,  Holz und Plastikplanen hindurch. Viele stehen auf Pfählen, unten sammelt sich Schmutzwasser. Ma Sa Bae Oos Zuhause ist auch eine solche Hütte. Hier lebt sie zusammen mit ihren Großeltern. Ihre Mutter hat sie und den Vater für einen anderen Mann verlassen, als das Mädchen gerade drei Jahre alt war. Der Vater hat ebenfalls eine neue Partnerin und sorgt sich wenig um seine Tochter. Also kümmern sich die Großeltern um ihre Bedürfnisse. Doch die sind schon sehr betagt und können nur im geringen Maße einer Arbeit nachgehen. Deshalb ist die Armut der Familie groß und der Kindergarten für das kleine Mädchen eine kleine Oase unbeschwerter Kindheit.

Die Geschichte von Ma Sa Bae Oo ist typisch für die Kinder, die in Hlaing Thar Yar, einem der größten
Slumgebiete Myanmars, von den Don Bosco Schwestern betreut werden. Die meisten Kindergartenkinder, die täglich in das „Don Bosco Children’s Home“ im Zentrum „San Giovanni Bosco“ kommen, leben in ähnlichen Umständen. Denn von Armut sind in Myanmar sehr viele Menschen betroffen. Nach jahrzehntelanger Militärdiktatur gewöhnt sich der kleine Staat erst langsam an seine neue Offenheit. Immer noch schützt die Regierung weder effektiv die Menschenrechte noch sorgt sie für die Einhaltung von Umwelt- und Arbeitsstandards. Das Gros der Arbeitskräfte hat ein niedriges Einkommen, ein geringes Bildungsniveau und somit nur minimale Chancen, sich beruflich weiterzubilden. Viele der Myanmaren arbeiten in der Bekleidungsindustrie unter menschenunwürdigen und ausbeuterischen Bedingungen. Arbeiter und Arbeiterinnen erhalten extrem niedrige Löhne. Um den grundlegenden Lebensbedürfnissen gerecht zu werden, sind sie oft gezwungen, viele Überstunden zu leisten.

Die Folgen des Zyklons 

Zusätzlich verwüstete im Jahr 2008 der Zyklon Nargis das Land, und unzählige Menschen flüchteten aus ihren zerstörten Dörfern in das Ballungsgebiet der Vier-Millionen-Metropole Rangun. Hlaing Thar Yar, eine 700.000-Einwohner-Gemeinde im westlichen Speckgürtel Ranguns, gehört zu den Städten, die unter der Kombination aus Zerstörung und Zuzug von Flüchtenden besonders zu leiden hatten. Heute ist dort eines der größten
Slumgebiete in Myanmar.

Im Jahr 2016 gründeten die Don Bosco Schwestern eine Gemeinschaft mitten in diesem  Armenviertel, um den dort lebenden Menschen, insbesondere den Kindern, Jugendlichen und Frauen, unmittelbar helfen zu können. Fünf Schwestern betreuen etwa 80 bis 100 Kindergartenkinder. Außerdem kommen über 100 Schulkinder in die Nachmittagsbetreuung, wo sie unter anderem Förderunterricht erhalten. Rund 70 Kinder erhalten zudem Religionsunterricht, und einige Jugendliche bekommen Unterstützung bei der Ausbildungssuche. Samstags verbringen bis zu 150 Kinder ihre Freizeit im Zentrum „San Giovanni Bosco“. Darüber hinaus besuchen und betreuen die Don Bosco Schwestern regelmäßig die Familien, die zur Pfarrei gehören. „Es ist uns ein Anliegen, die Bewohner in bestimmten Hygienestandards zu schulen“, betont Sr. Veronica Nwe Ni Moe, Gemeinschafts- und Einrichtungsleiterin. Körperhygiene und korrekte Müllentsorgung sind hier besonders wichtig. Da es kein ordnungsgemäßes Abwassersystem gibt, ist das ganze Gebiet in der Regenzeit komplett überflutet. In dem schmutzigen Wasser befinden sich Keime, Mücken, Schlangen und Mäuse.

Kinder leben bei den Großeltern

„Die meisten verdienen wöchentlich nicht mehr als zehn US-Dollar. Sie verkaufen Gemüse und Snacks, waschen die Kleidung anderer Leute oder arbeiten in den Fabriken der Bekleidungsindustrie. Bei mehr als der Hälfte unserer Schützlinge können die Eltern die monatlichen Schulgebühren in Höhe von sechs US-Dollar nicht aufbringen. Auch sind sie nicht in der Lage, die notwendigen Schulmaterialien zu kaufen oder für die Schulverpflegung aufzukommen“, erklärt Sr. Veronica. „Die Miete für ein Zimmer liegt bei 20 US-Dollar – und dabei ist so ein Raum gerade einmal um die neun Quadratmeter groß und beherbergt zwischen fünf und zehn Personen. Diejenigen, die sich die Miete nicht leisten können, bauen deshalb eine kleine Hütte mit wasserdichter Plastikfolie und leben direkt an der Straße.“

So wie Ma Sa Bae Oo mit ihren Großeltern. Oder der vierjährige Mg Toe Moe Aung – ein weiterer Schützling der Don Bosco Schwestern. „Er besucht, wenn möglich, unseren Kindergarten bis nächstes Jahr und wird dann in die Grundschule kommen“, sagt Sr. Veronica. Sein älterer Bruder, der gerade sieben Jahre alt geworden ist, wird ebenso in der Einrichtung betreut. Auch in diesem Fall wurden die Geschwister einfach den Großeltern überlassen, da beide Elternteile wieder in neuen Partnerschaften leben.

Die Situation ist prekär: Der Großvater verkauft Schweinefleisch, um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Doch aufgrund seines Alters ist er gebrechlich geworden und kann nicht täglich einer Arbeit nachgehen. Deshalb fehlt es am Nötigsten: Die kleine Hütte, in der alle leben, zerfällt fast. Durch die katastrophalen Lebensumstände und durch Mangelernährung wurden beide Kinder sehr krank.

Corona im Slum

Und dann kam auch noch die Corona-Pandemie, unter deren Auswirkungen vor allem die ärmste Bevölkerungsschicht leidet: Die Gefahr, sich anzustecken ist unter den prekären hygienischen Bedingungen des Slums extrem hoch. Durch die mit dem Ausbruch des Coronavirus verbundenen Beschränkungen können außerdem viele Menschen aktuell nicht arbeiten und haben daher kein Einkommen, um täglich Lebensmittel zu kaufen. „Die Familien haben schlicht nichts zu essen“, erzählt Sr. Veronica und fügt hinzu: „Wir versuchen auch in dieser Krise unser Bestes, um den Menschen zu helfen und ihnen beizustehen. Durch Spenden aus Deutschland und Österreich ist es uns immerhin möglich, die Kinder und ihre Familien mit Lebensmitteln zu unterstützen.“ Ausgegeben werden Reis, Öl, Zwiebeln, Eier, Thunfisch in Konserven, Nudeln, Chilipulver, Kaffee und nahrhafte Getränke. Es ist ein Balanceakt zwischen umsichtiger Distanz und Nähe. Die Menschen kommen nach einem festgelegten Zeitplan in die Einrichtung, um sich die Lebensmittelvorräte abzuholen. Die Don Bosco Schwestern versuchen, jedem Einzelnen so viel Zeit zu widmen, wie benötigt wird, um auf die Ängste und Sorgen der Menschen einzugehen.

Und sie merken immer wieder, dass gerade ihr Kindergarten ein großer Segen für die Familien ist: Die Kinder können hier unbeschwert spielen, lernen und einfach sie selbst sein. Die meisten kommen genauso gern dorthin wie Ma Sa Bae Oo. Aber auch für viele Eltern oder Großeltern bedeutet die Einrichtung eine Erleichterung, weil sie ihre Kinder während des Tages, wenn sie arbeiten müssen, in guten Händen wissen. „Es ist für Eltern sehr belastend, die eigenen Kinder in so erbärmlichen Lebensverhältnissen aufwachsen zu sehen“, weiß Sr. Veronica und ergänzt: „Wir sind der festen Überzeugung, dass eine umfassende Erziehungsarbeit mit viel liebevoller Geduld und Begleitung der Schlüssel ist, um das Leben dieser armen Kinder zu verbessern. Und auch wenn wir oft auf Schwierigkeiten stoßen, bleiben wir hoffnungsvoll.“

Mehr Informationen über die Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern in Myanmar bei Don Bosco Mission Bonn, Don Bosco Mission Austria und der Missionsprokur der Don Bosco Schwestern.

Zentrum „San Giovanni Bosco“ in Myanmar

Die Einrichtung San Giovanni Bosco in Hlaing Thar Yar, westlich der Millionenmetropole Rangun gelegen, wurde 2016 gegründet. In dem Zentrum befinden sich der Kindergarten und ein Hort. Betreut werden etwa 100 Vorschulkinder. Für mehr als 100 Schüler gibt es am Nachmittag die Möglichkeit, den Kinderhort zu besuchen, wo unter anderem Nachhilfeunterricht angeboten wird. Zurzeit sind dort fünf Schwestern unermüdlich im Einsatz. Insgesamt gibt es in Myanmar fünf Einrichtungen der Don Bosco Schwestern, in denen 27 Schwestern wirken und leben.


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