Starkes Mädchen

Eine Zukunft für behinderte Kinder in Ghana

Kinder mit Behinderung werden in dem westafrikanischen Land kaum gefördert und oft diskriminiert. Die kleine Dorothea hat trotz aller Hindernisse gelernt, alleine zu gehen, zu essen und zu trinken, und besucht eine Schule.
  • Simone Utler

veröffentlicht am 31.10.2018

Als Dorothea Hahn den Garten betritt, tönt ihr Jubel entgegen. Ein Mädchen, das bis eben vor dem Haus gesessen und gespielt hat, springt auf, schnappt sich den herumstehenden Gehwagen und flitzt damit so schnell über den unebenen roten Boden, dass es rappelt und klappert. Zwischendurch sind die kleinen Füße schneller als die Räder der Gehhilfe, doch das Mädchen bringt sein ausbrechendes rechtes Bein immer wieder unter Kontrolle und rennt souverän weiter. Die letzten Meter legt es ohne Hilfsgerät zurück und fällt dem Besuch jauchzend in die Arme. Da stehen die beiden. Eng umschlungen, als wollten sie einander nie mehr loslassen: Dorothea Hahn, pensionierte Lehrerin aus Bonn, und die kleine Dorothea, das nach ihr benannte 11-jährige Mädchen. Beide verbindet eine lange Geschichte. Eine Geschichte von Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Unterstützung. Eine Geschichte, die vor mehr als zwei Jahrzehnten begann, als sich Dorothea Hahn und Vida, die Mutter der kleinen Dorothea, in Ghana kennenlernten.

Im Sommer 1996 kam Dorothea Hahn zum ersten Mal in das westafrikanische Land und war begeistert von den Menschen. Auch die Arbeit der Salesianer Don Boscos mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen beeindruckte sie sehr. Zurück in Deutschland, gründete die Lehrerin für Physik und Religion an ihrem Bonner Gymnasium die „Eine-Welt-AG“ und motivierte Familie, Freunde, Kollegen, Schülerinnen und ihre Pfarrgemeinde, die Salesianer in Ghana zu unterstützen.

Hilfe für die Mütter von morgen

Dorothea Hahn sammelt und spendet vor allem für den Bau von Schulen in Ghana, aber auch für die Unterstützung einzelner Menschen, vor allem Mädchen. „Denn das sind die zukünftigen Mütter, die dann ihre Kinder in die Schule schicken“, erklärt Dorothea Hahn.

Ein solches Mädchen war Vida. Sie war 22 und machte eine landwirtschaftliche Ausbildung in der Don Bosco Berufsschule in Sunyani. „Dorothea kam zusammen mit unserem Schulleiter in unseren Klassenraum und fragte, wer von weit her nach Sunyani gekommen ist“, berichtet Vida über die erste Begegnung. Die forsche junge Frau reckte sofort die Hand in die Luft und erzählte: von ihrem kleinen Dorf im Norden Ghanas, vom Tod des Vaters, als sie in der vierten Klasse war, und von ihren beschränkten Möglichkeiten als eines von acht Kindern. Vida hatte über einen katholischen Priester von den Ausbildungs- und Stipendienmöglichkeiten der Salesianer in Sunyani erfahren und sich alleine mit dem Bus die sieben Stunden dorthin aufgemacht. Damals sprach sie weder die lokale Sprache Twi noch Englisch, hatte kein Geld und lebte wie viele andere Mädchen zur Untermiete bei Fremden.

„Leider wurden die jungen Frauen oft wie Sklavinnen behandelt oder sexuell missbraucht“, sagt Dorothea Hahn. Das bewegte sie, zusammen mit den Salesianern in Sunyani ein Wohnheim für Mädchen zu bauen. 2001 wurde das Hostel in Betrieb genommen. Vida zog als eine der Ersten ein und blieb in Kontakt mit der deutschen Besucherin. „Damals hat Vida mich irgendwie adoptiert“, sagt Dorothea Hahn lachend.

Vida schließt ihre Ausbildung ab, arbeitet einige Jahre für die Salesianer und will sich eine Existenz aufbauen. Dorothea Hahn gibt ihr einen kleinen Kredit, mit dem Vida ein Haus baut, in dem sie zwei Zimmer an junge Frauen vermieten kann. Vida lernt einen Mann kennen, heiratet, bekommt ihr erstes Kind. Dorothea Hahn wird Patentante und Namensgeberin. Das erste Jahr schwelgt Vida im Familienglück, doch irgendwann kommen die Sorgen. Anders als andere Kinder, fängt die kleine Dorothea nicht an, zu stehen, zu laufen, zu sprechen. Ihre körperliche und geistige Entwicklung stagniert. „Wir ließen Dorothea untersuchen, doch keiner konnte uns genau sagen, was es ist“, erklärt Vida.

Das Leben wird schwer. Die Familie rutscht in die Isolation, denn in Ghana gilt ein Kind mit Handicap als Belastung und Makel. „Viele Familien geben ihr Kind weg, weil sie damit völlig überfordert sind“, sagt Dorothea Hahn. Auch Vida weiß nicht, wie sie ihrer Tochter helfen kann, und erfährt Diskriminierung: „Ich wurde auf der Straße gemobbt. Menschen sagten, dass ich nicht in der Lage bin, ein Kind zur Welt zu bringen.“ Vida bekommt zwei weitere Töchter, will die kleine Dorothea aber nicht weggeben. Von ihrem Mann erhält sie keine Unterstützung, umso mehr von Dorothea Hahn. Mithilfe der Bonnerin können Behandlungen im Krankenhaus und der Besuch einer speziellen Schule in Accra finanziert werden.

Ungebremste Lebensfreude

Heute kann die kleine Dorothea laufen, alleine essen und trinken und sich artikulieren. Wenn ein Besucher fragt, wie es ihr in der Schule gefällt, fängt das Mädchen, das viel lacht und am liebsten mit seinen Schwestern im Hof herumtollt, sofort an zu erzählen. Für Ungeübte sind die Schilderungen schwer zu verstehen, doch ihre Mutter und die kleinere Schwester können übersetzen. „Dorothea ist sehr clever. Mit Besuchern und den Salesianern spricht sie Englisch. Aber als einmal ein Polizist hier war und Fragen stellte, hat Dorothea auf Twi geantwortet“, sagt die sichtlich stolze Vida. Viele Menschen bekommen jedoch gar nicht mit, welch wacher Verstand in diesem Körper gefangen ist. „In der Stadt starren die Menschen Dorothea einfach nur an“, sagt Vida, die deswegen mit der Familie kaum dorthin fährt. „Wir sind meistens zu Hause und gehen zum Gottesdienst in die Kapelle der Salesianer.“ Außerhalb des Hofes hat die Elfjährige nur eine einzige Freundin: ein Mädchen mit Downsyndrom aus der Nachbarschaft.

Die Frauen auf dem Hof bilden eine starke Gemeinschaft. Vom Vater der drei Mädchen ist keine Rede, Vida hat ihre Mutter zu sich geholt. „Hier kann ich mich am besten um sie kümmern“, sagt Vida, die gern mit allen drei Generationen auf der Bank vor dem Haus sitzt. Kommt dann noch Dorothea Hahn zu Besuch, ist die Familie komplett. „Ich nenne sie Mommy und die Kinder sagen Grandmommy zu ihr“, erzählt Vida. Die heute 69-jährige Dorothea Hahn ist seit einigen Jahren pensioniert, unterstützt die Menschen und die Salesianer in Ghana aber weiterhin. Seit ihrer ersten Reise nach Ghana hat die Bonnerin eine Million Euro Spendengelder gesammelt.

Vida arbeitet inzwischen abends als Köchin, baut Gemüse an, züchtet Ziegen und Hühner, verkauft Eier und betreibt mit Erfolg ihre Zimmervermietung. Vor einigen Jahren hat sie ein zweites Haus erwerben können, um Platz für weitere junge Frauen zu haben. Außerdem hat sie an der Straßenseite ihres Grundstücks ein kleines Steinhaus errichtet. Beides mit Unterstützung von Dorothea Hahn. Dafür ist sie dankbar. „Darin kann meine Tochter mal einen Laden eröffnen, wenn sie mag.“

Mehr Informationen über die Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern in Ghana bei Don Bosco Mission Bonn, Don Bosco Mission Austria und der Missionsprokur der Don Bosco Schwestern.

Die Salesianer Don Boscos in Ghana

Seit 25 Jahren engagieren sich die Salesianer Don Boscos an drei Standorten in Ghana: in Odumase, einem Vorort von Sunyani, in Ashaiman, einem Vorort der Hauptstadt Accra, und in Tatale, einer besonders armen Region im Norden des Landes. Zu ihren Aktivitäten gehören mehrere Berufsschulen, Grundschulen, Vorschulen, Oratorien und Jugendzentren. Mit Stipendien ermöglichen sie jedes Jahr etwa 2.900 Schulkindern und 180 Berufsschülern eine Ausbildung.


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