Städte für Kinder

Indien: Einsatz für Kinderrechte

Das „Don Bosco National Forum for the Young at Risk“ unterstützt indische Städte dabei, „kinderfreundlich“ zu werden. Jede Form der Kinderrechtsverletzung soll dort geahndet werden.

veröffentlicht am 01.11.2019

"Wir wollen in die Schule gehen, lernen und uns eine bessere Zukunft aufbauen“, so die Forderung eines indischen Mädchens. Millionen von Kindern und Jugendlichen bleibt diese Chance aber verwehrt, denn sie müssen arbeiten gehen und können auch keine Schule besuchen. Das Don Bosco Netzwerk „YaR-Forum“ hat deshalb die Initiative „Kinderfreundliche Städte“ gestartet. Ziel der Initiative ist es, dass Kinderrechte konsequent umgesetzt und Kinderrechtsverletzungen strafrechtlich geahndet werden. Vier Rechte der UN-Kinderrechtskonvention bilden die Grundlage des Projektes: das Recht auf Leben und Entwicklung, das Recht auf Teilhabe, das Diskriminierungsverbot und die Berücksichtigung des Kindeswohles bei allen Maßnahmen.

Immer mehr Familien in Indien verlassen ihre Dörfer und ziehen in die Großstädte. Dort hoffen sie, eine Arbeit zu finden und ein besseres Leben führen zu können. Doch ihre Hoffnungen werden in der Regel enttäuscht, die meisten enden in den Slums der Metropolen – Millionen von Kindern werden dort groß und haben kaum Zukunftsperspektiven. Viele können keine Schule besuchen, werden Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch und leiden unter gesundheitlichen Problemen. Mädchen werden oft früh verheiratet und teilweise auch zur Prostitution gezwungen.   

Das Projekt „Kinderfreundliche Städte“ des YaR-Forums, dem 84 indische Don Bosco Einrichtungen angehören, möchte Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben. Die Jungen und Mädchen sollen sich aktiv für ihre Rechte einsetzen. Bisher sind vier indische Städte beteiligt: Salem im Bundesstaat Tamil Nadu, Vadodara in Gujarat, Rajamundry in Andhra Pradesh und Chandigarh in Punjab und Haryana. Weitere Städte sollen ihrem Beispiel folgen. Wichtig bei dem Prozess ist, dass alle Beteiligten mitwirken: Eltern, Lehrer, Kommunalpolitiker, Jugendämter, Polizei und Gesundheitsämter.

Kindern eine Stimme geben

Dass eine solche Allianz erfolgreich sein kann, zeigt die südindische Metropole Vijayawada. 1997 gab es dort noch 7.000 Kinderarbeiter, aktuell sind es nur noch 150. „Wir konnten die Zahl senken, weil alle, das heißt, die Politik, die Polizei und sogar die Unternehmen, an einem Strang gezogen haben. Alleine wäre uns das nicht gelungen“, betont Pater Thomas Koshy, Leiter des YaR-Forums. Auch die Bürger sollen an dem Projekt partizipieren. Deshalb würden alle Ergebnisse beim Aufbau von „kinderfreundlichen Städten“ im Internet veröffentlicht. Die Websites sind für jedermann zugänglich. „Ein wichtiges Ziel ist es, mit dem Projekt bei Erwachsenen und Kindern ein Bewusstsein für Kinderrechte zu schaffen.“ Regelmäßig wird zudem ein Bericht veröffentlicht, der den Stand der umgesetzten Maßnahmen dokumentiert.

Das Recht von Kindern auf Partizipation bildet eine wichtige Grundlage, um kinderfreundliche Städte zu schaffen. Kinder und Jugendliche sollen gesellschaftlich teilhaben und mitbestimmen können. Dieses Ziel verfolgen auch die Don Bosco Schwestern, die bereits seit etwa zehn Jahren Kinderparlamente, beispielsweise in Bangalore, fördern. „Es müssen demokratische Strukturen etabliert werden, die die aktive Teilhabe von Kindern ermöglichen. Dies kann zum Beispiel auch durch die Schaffung von Kinderrechtsclubs gelingen“, so Pater Koshy weiter.

Mit dem Don Bosco Projekt sollen rund 1.200.000 Kinder in ausgewählten indischen Städten erreicht werden. Besonders im Fokus stehen etwa 50.000 Jungen und Mädchen, die massiven Kinderrechtsverletzungen ausgesetzt sind. Hierzu zählen Kinderarbeiter und Mädchen, die sich prostituieren müssen. Weltweit müssen mehr als 168 Millionen Jungen und Mädchen arbeiten. In Indien wird ihre Zahl auf mehr als zwölf Millionen geschätzt. Ein Großteil von ihnen arbeitet in der Landwirtschaft. Manche verrichten Schwerstarbeiten in Ziegeleien oder Steinbrüchen.

„Kinderarbeit ist ein massiver Verstoß gegen das Recht eines Kindes auf Entwicklung. Die meisten Kinderarbeiter gehen nicht zur Schule, obwohl in Indien für jedes Kind unter 14 Jahren Schulpflicht besteht. Wenn Mädchen und Jungen keinen Zugang zu Bildung haben, dann können sie sich auch nicht weiterentwickeln oder Wissen aneignen“, so Pater Koshy. „Wir wollen Kinder und Jugendliche stark machen, damit sie sich für ihre Rechte einsetzen.“

Pater Tony Pelissery, Koordinator der „Childfriendly Cities“-Initiative, im Gespräch

Was bedeutet „kinderfreundlich“?
Kinderfreundlichkeit steht für uns immer im Kontext mit Kinderrechten. Eine Kommune, eine Stadt ist immer dann kinderfreundlich, wenn sie jedem Kind ermöglicht, sich zu entwickeln und sein ganzes Potenzial zu entfalten. Und das in einem sicheren und unterstützenden Umfeld – ohne soziale Ausgrenzung und Diskriminierung.  Genau das fordert auch die UN-Kinderrechtskonvention: das Recht jedes Kindes auf Überleben, Schutz, Entwicklung und Partizipation.

Was sind die größten Herausforderungen?
Unser Traum ist groß und unsere Ziele sind hoch gesteckt. Wir müssen uns enorm anstrengen. Wir müssen eine steile Lernkurve bewältigen und vor allem müssen wir die allgemeine Öffentlichkeit mitnehmen – also Kinder und Erwachsene.

Was wurde bisher erreicht?
Unser Projekt ist im April 2018 in den vier indischen Städten Chandigarh, Vadodara, Rajahmundry und Salem gestartet. Das Konzept von „Childfriendly Cities“ ist bei Kindern, zivilgesellschaftlichen Gruppen und sogar bei führenden politischen Vertretern auf Begeisterung gestoßen. Es gibt jetzt viel mehr Bewusstsein für Kinder- und Menschenrechte, aber auch für Diskriminierung und Ausgrenzung. Mehr als 20.000 Kinder und 6.500 Erwachsene sind für Kinder- und Menschenrechte sensibilisiert worden. Mehr als 5.000 Kinder haben sich in Kinderparlamenten und Kinderrechtsclubs organisiert. Mindestens 3.000 Kinder und Jugendliche haben an Aktivitäten teilgenommen, die sich mit Kinderrechten und Anwaltschaft befassen.

Warum ist Partizipation so wichtig?
Bei der „Childfriendly Cities“-Initiative steht die Partizipation von Kindern im Mittelpunkt. Das bedeutet, ihre Stimmen sollen nicht nur Gehör finden, sondern sie sollen selber aktiv werden, um ihre Ziele umzusetzen. Deshalb engagieren sich die Jungen und Mädchen in ihren Gemeinden, in Kinderrechteclubs oder Schulen, um Bewusstsein für Kinder- und Menschenrechte zu schaffen. Damit sie erfolgreich sind, fördern wir ihre Kommunikationsstärke sowie ihre Führungsqualitäten. Bei der Planung ihrer Aktivitäten werden die Kinder von erwachsenen Mentoren begleitet und unterstützt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Unsere Vision ist es, Städte zu schaffen, in denen Kinder von Eltern, Lehrern, Aktivisten, Unternehmen, Medien, Nichtregierungsorganisationen und politischen Vertretern dabei unterstützt werden, ihre Rechte umzusetzen. Rechte, die in der indischen Verfassung und internationalen Abkommen verankert sind. Unsere Vision sind Städte, die die Interessen der Kinder bei ihren Planungen und Projekten von Anfang an miteinbeziehen. Das Kriterium „Kinderfreundlichkeit“ sollte überall integriert sein.

Mehr Informationen über die Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern in Indien bei Don Bosco Mission Bonn, Don Bosco Mission Austria und der Missionsprokur der Don Bosco Schwestern.

Salesianer Don Boscos in Indien

Die Arbeit der Salesianer Don Boscos in Indien begann 1906 in Chennai, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu. Aktuell engagieren sich mehr als 2.500 Salesianer an mehr als 200 Standorten in ganz Indien.


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