Lernen und leben

Don Bosco gegen Kinderarbeit in Indien

Viele Kinder im Norden Indiens müssen auf Ziegelfeldern arbeiten und haben keine Perspektive für ihr Leben. Der 10-jährige Tarun ist einer von ihnen.

veröffentlicht am 01.11.2019

Es ist heiß und stickig. In der Ferne tauchen die ersten rauchenden Schlote der Ziegelfabriken auf. Etwa 400 gibt es hier in Jhajjar im nordindischen Bundesstaat Haryana, eine gute Autostunde von der Hauptstadt Delhi entfernt. Bunt leuchten die Saris der Frauen, die mit ihren Kindern auf den Ziegelfeldern arbeiten. Die Kleinsten sitzen im Sand oder auf dem Arm eines größeren Geschwisterkindes. Ihre Kleider sind verstaubt und dreckig, viele haben verfilztes Haar. Ihre Haut ist dunkel, die Sonne hat sich in die Kindergesichter gebrannt. Im Sommer wird es mehr als 40 Grad heiß.

Seit dem Morgengrauen hockt Tarun* auf dem staubigen Boden und formt Ziegel. In Akkordarbeit: zehn bis elf Stunden am Tag, 14 Tage lang. Dann hat er einen Tag frei und fährt mit seiner Familie nach Dasha, einem kleinen Ort in der Nähe der Ziegelfelder. Dort kauft die Familie für die nächsten zwei Wochen ein.

Es ist Mittagszeit. Erbarmungslos sticht die Sonne vom wolkenlosen Himmel herunter. Schatten gibt es nicht. Nur ein um den Kopf geschlungenes Tuch schützt den Zehnjährigen vor den Sonnenstrahlen. Tarun ist noch nie zur Schule gegangen. Seit er acht Jahre alt ist, hilft er seiner Familie bei der Ziegelherstellung. Bis zu 200 Stück am Tag formt er mit seinen kleinen Händen. 1.000 Ziegel müssen am Abend zur Abholung bereitstehen. Um das zu schaffen, wird jede Hand gebraucht. 400 bis 500 Rupien – das entspricht fünf bis sechs Euro – erhält die Familie dafür.
Rania*, Taruns jüngere Schwester, hat Glück. Sie darf heute mit ihren zwei kleineren Geschwistern zur Don Bosco Schule. In einem schmutzigen Getreidebeutel aus Plastik hat sie ein paar Stifte, ihre Schulhefte und die Teller für das Mittagessen verstaut. Der Don Bosco Bus holt sie ab und bringt sie um 14.30 Uhr auch wieder zurück. Freudig steigen die Mädchen ein.  

Nur Tarun ist nicht dabei, er muss seinem Vater auch heute wieder helfen. Die Arbeit ist anstrengend, den ganzen Tag sitzt der Zehnjährige in der Hocke. Immer wieder der gleiche Ablauf: Er reibt die Ziegel mit Sand trocken, dann befüllt er sie mit dem schweren, nassen Lehm. Schließlich wird der überschüssige Lehm abgestreift und die Oberfläche geglättet. Dann ist der Ziegel fertig und kann gebrannt werden. Zehntausende von Ziegeln werden so täglich für Delhi und die Umgebung produziert. Für die Besitzer der Ziegelfabriken ein lukratives Geschäft.

Moderne Form der Sklaverei

Kinderarbeit ist in Indien verboten. Trotzdem müssen zahlreiche Jungen und Mädchen arbeiten. Die meisten müssen ihre Familien unterstützen. Armut ist die Hauptursache. „Armut ist ein Riesenproblem in Indien. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer“, betont Pater Jose Matthew, Provinzial von 13 nordindischen Bundesstaaten. „Wir sind die einzige Organisation, die den Ziegelfamilien in Passor hilft. Am Anfang war das Misstrauen groß. Mittlerweile vertrauen uns die Familien.“ Zurzeit sind sechs Lehrerinnen, zwei Lehrer sowie drei Salesianer vor Ort.

Taruns Familie kommt aus dem benachbarten Bihar, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Seine Familie besitzt dort ein kleines Stück Land. Die Erträge reichen aber nicht, um die ganze Familie zu ernähren. Für acht bis zehn Monate müssen deshalb alle in den Ziegelfabriken arbeiten. In der Regenzeit kehren sie in ihre Heimat zurück. „Unsere Hoffnung ist, dass die Kinder auch in ihrer Heimat weiter zur Schule gehen. Das ist natürlich schwierig nachzuvollziehen. Wir haben deshalb einen Mitarbeiter eingestellt, der die Familien regelmäßig vor Ort besucht“, sagt Pater Alingjor Kujur, stellvertretender Verwaltungsdirektor im Don Bosco Zentrum in Passor.

Die Familien wohnen in Hütten bei den Ziegelfeldern. Nur eine Stunde am Tag haben sie Strom, fließendes Wasser gibt es nicht. An einem Brunnen werden die Kleider gewaschen oder auch Töpfe und Teller gereinigt. Einmal die Woche kommt ein Traktor mit einem Wasserkanister vorbei. „Das Wasser hier ist sehr schlecht und deshalb nicht als Trinkwasser geeignet. Die Gefahr von Krankheiten ist sehr hoch. Wir kaufen deshalb Wasser in Dasha und lassen es einmal die Woche hierhin bringen“, so der 42-jährige Salesianerpater.

Die Familien sind verschuldet, sie erhalten meistens einen Teil des Lohns im Voraus. Eine moderne Form der Sklaverei. „Was sollen wir tun? Wir haben keine andere Wahl. Wir brauchen das Geld“, sagt Taruns Vater. Er habe ein kleines Stück Land, aber das reiche hinten und vorne nicht für seine Familie. „Natürlich möchten wir, dass unsere Kinder eine Schule besuchen. Ich kann aber nicht alle zur Schule schicken.“  

Der Großvater stimmt dem zu: „Ich möchte, dass meine Enkel zur Schule gehen und etwas lernen. Dann müssen sie später auch nicht mehr hier arbeiten.“ Die Großeltern arbeiten schon seit mehr als 30 Jahren in den Ziegelfabriken. Ihre Haut ist von der Sonne gegerbt. Sie haben drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Die Söhne sind in Patna geblieben, während Taruns Mutter mit ihrem Mann und den sieben Kindern mitgekommen ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 45 Jahren.

„Manche Familien sind seit Generationen hier. Sie haben nie etwas anderes gemacht. Wir versuchen, den Kindern zu zeigen, dass es ein anderes Leben als das Ziegelleben gibt“, so Pater Mathew Kalathunkal, stellvertretender Leiter des Don Bosco Zentrums in Passor. Seit 2007 ist Don Bosco vor Ort, im Jahr 2011 wurde die Schule gebaut. 180 Jungen und Mädchen im Alter von drei bis zehn Jahren aus acht Fabriken besuchen sie. Geschätzt wird, dass es circa 320.000 Ziegelarbeiter in der Gegend gibt. Rund ein Drittel sind Kinder. Im Don Bosco Zentrum werden die Kinder von lokalen Lehrkräften unterrichtet. Die Kinder verstehen nur Hindi. Der Lehrer Satbir Renu und seine Frau sind von Anfang an mit dabei und kennen jede Familie im Umkreis der Schule. „Sobald die Kinder zur Schule kommen, verändern sie sich. Sie achten mehr auf ihr Äußeres, waschen sich und tragen saubere Kleidung. Das ist schön zu sehen“, so Satbir. In der Schule erhalten sie Stifte, Hefte, aber auch saubere Kleidung und Schlappen. „Vor allem aber haben sie hier einen Spielplatz und können Fußball oder Kricket spielen. Auf den Ziegelfeldern haben sie nichts, sondern können nur im Dreck spielen.“

Hoffnung auf Rädern

Als der gelbe Don Bosco Bus seine Geschwister zurückbringt, hockt Tarun immer noch im Sand und formt Ziegel. Zu Mittag gab es etwas Reis und Wasser. Die Mädchen wurden in der Schule versorgt: Reis, Hühnchen und Currysoße. Zu dritt haben sie sich einen Teller geteilt, nachdem sie in einer langen Schlange geduldig gewartet haben. „Wir versorgen die Kinder mit einer Mahlzeit. Das ist für die Eltern wichtig. Unsere Hoffnung ist, dass die Eltern dann noch eher bereit sind, ihre Kinder zu uns zu schicken“, sagt Pater Alingjor.

Es wird Abend und beginnt, dunkel zu werden. Der Großvater scheucht seine Enkelkinder zu den Hütten. Sie sollen das Essen vorbereiten. Heute gibt es sogar Fisch. Die größere Schwester hat die kleinen Fische in der Mittagszeit mit etwas Wasser gesäubert. Jetzt werden sie von den Kindern zubereitet. Die Eltern und Großeltern müssen weiterarbeiten. Ihr Soll ist noch nicht erfüllt. Auch Tarun bleibt da. Als die anderen fort sind, schaut er kurz auf und sagt ganz leise: „Die Arbeit ist schon sehr anstrengend! Ich würde auch mal gerne mit zur Schule gehen.“ Dann beugt er seinen Kopf über den Ziegel, und die kleinen Hände arbeiten weiter.

Morgen ist der gelbe Bus wieder da. Auch übermorgen. Ein Stück Hoffnung für die Kinder in den Ziegel­fabriken – vielleicht eines Tages auch für Tarun.    
   
*Namen geändert

Mehr Informationen über die Arbeit der Salesianer Don Boscos und der Don Bosco Schwestern in Indien bei Don Bosco Mission Bonn, Don Bosco Mission Austria und der Missionsprokur der Don Bosco Schwestern.


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