Entwicklung

Kinder und Gewissen – Wie sich das Bewusstsein von Gut und Böse entwickelt

Kinder spüren recht bald, was richtig und was falsch ist. Der Erzieher und Theologe Christian Huber beschreibt, wie sich das Gewissen entwickelt und wie Eltern ihre Kinder dabei begleiten können.

veröffentlicht am 22.12.2022

Eine typische Situation in einer Kita: Zwei Jungs streiten darum, wer als nächstes auf die Schaukel darf. Sie sind in etwa gleich alt, einer von ihnen ist etwas größer und stärker. Nach einer kurzen Rangelei, in deren Verlauf einer versucht, dem anderen die Schaukel zu entreißen, setzt sich der Stärkere schließlich durch. Er hat den anderen mithilfe der Halteketten wegdrängt. Der Unterlegene beginnt laut zu weinen. Einerseits weil ihm wehgetan wurde, andererseits weil er den Kampf um die Schaukel verloren hat. Eine Erzieherin eilt herbei, zeigt sich wenig begeistert von der Aktion an der Schaukel und lässt sich von dem weinenden Kind zeigen, wo es Schmerzen hat. Eine deutliche Rötung ist zu erkennen. „Schau mal, was du da jetzt gemacht hast, du hast ihm ganz schön weh getan“, sagt sie. Daraufhin fängt auch der andere Junge an zu weinen. Vielleicht aus Enttäuschung darüber, erwischt worden zu sein. Vielleicht auch aus Reue oder schlechtem Gewissen.

Negativer Beigeschmack

Was ist eigentlich Gewissen? Allgemein lässt sich wohl sagen: Gewissen ist das ethisch begründete Bewusstsein von Gut und Böse. Unser Gewissen wird selbstverständlich beeinflusst von äußeren Einflüssen: Erziehung, Kultur, Religion und natürlich Erfahrung. Häufig hat das Wort Gewissen einen leicht negativen Beigeschmack. Schließlich wurde das Gefühl eines „schlechten Gewissens“ oft ausgenutzt, um Macht auszuüben und Menschen klein zu halten. In früheren Jahren war es für viele Menschen das allerwichtigste, die Eltern durch das eigene Leben glücklich und stolz zu machen. Nicht selten stand dieses Ziel weit über dem, selbst glücklich zu sein und das eigene Leben nach eigenen Prinzipien zu gestalten. In anderen Ländern und Kulturen ist das zum Teil noch heute so und es liegt mir fern, das im Kollektiv zu bewerten, man wird immer den Einzelfall sehen müssen.

Auch die Kirche ging häufig mit dem Gewissen der Gläubigen leichtfertig um. Auf diese Weise nahm sie Menschen ihr Selbstbewusstsein. Dabei wurde vergessen, dass jeder Mensch vor Gott die gleiche Würde hat und – egal was passiert ist – wertvoll ist vor Gott.

Natürlich stimme ich der Definition von Gewissen als ethisch begründetem Bewusstsein zu. Dennoch fehlt mir dabei noch etwas. Gewissen ist nämlich in meinen Augen und nach meiner Erfahrung mit mir selbst, mit Menschen in meinem Umfeld, mit Jugendlichen und Kindern etwas dynamisches, etwas Lebendiges. Der römische Philosoph Seneca etwa spricht über das Gewissen als „die Stimme Gottes im Menschen“. Ähnlich nennt das Zweite Vatikanische Konzil das Gewissen „Heiligtum im Menschen“.

Stimme Gottes im Menschen

Das Gewissen als Stimme oder Ort Gottes in uns Menschen ist für mich ein sehr schönes Bild. Diese Stimme wahrzunehmen ist, denke ich, zeitlebens eine Aufgabe von uns Menschen. Manchmal fällt sie uns leichter und zu anderen Zeiten viel schwerer. Oft sind es viel zu viele Stimmen, die Einfluss auf uns nehmen wollen, und wir versuchen mühsam herauszufinden, für welche unser Herz schlägt. Gewissen ist also etwas, was man nicht hat und dann nie wieder verliert. Es ist vielmehr etwas, das erlernt und dann trainiert werden muss, sodass es aktiv und fit bleibt.

Auch Kinder durchlaufen bei der Entwicklung ihres Gewissens unterschiedliche Phasen. Diese werden meist in Altersstufen eingeteilt, was ich jedoch nicht (mehr) ganz passend finde. Schließlich sind nicht alle Kinder gleich und solche Einteilungen immer nur eine Art Durchschnitt. Zudem kommen auch auf diesem Gebiet immer wieder neue Erkenntnisse hinzu, sodass man vorhandene Altersstufen nur als Orientierung sehen sollte.

In einer ersten Phase sehen Kinder primär sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse. Es fällt ihnen schwer, auch die Bedürfnisse anderer Kinder oder Erwachsener in ihrer Umgebung wertzuschätzen. Ein typisches Phänomen in dieser Phase ist das Vermeiden von Konfrontation und Konsequenz. „Ich war das nicht“, ist einer der Sätze, den ich im Kita-Alltag oft höre, oder auch „das war aus Versehen“. Dennoch: Es kommt durchaus vor, dass Kinder, wenn sie sehen, dass sie ein anderes Kind verletzt haben, zu Weinen beginnen. Ist das nicht auch eine Form von schlechtem Gewissen, dass eigenes Verhalten zu Tränen rührt? Ich finde schon. Oft ist es sehr lohnend, einen solchen Konflikt nicht einfach mit einer Entschuldigung begraben zu lassen. Das würde die Beteiligten auch nicht wirklich zufriedenstellen. Und zur Schulung oder zum Training des Gewissens kann es sehr hilfreich sein, den Konflikt ernst zu nehmen und zu klären. Eine Lösung, die vom Kind selbst kommt, ist viel wertvoller. Eltern und Pädagogen können das Gefühl, das der „Täter“ hatte, aufgreifen: Es ist gut, dass du dieses Gefühl hattest, es ist normal. Wie könntest du beim nächsten Mal in einer solchen Situation anders reagieren?

Klären oder abwarten?

In der nächsten Phase beginnen Kinder, unterschiedliche Perspektiven nebeneinander sehen und verstehen zu können. Trotzdem stehen noch immer die eigenen Interessen stark im Vordergrund. Typisch für diese Phase ist „do ut des“ (lateinisch): Ich gebe, damit du gibst. Oder auch umgekehrt: Wenn du dieses oder jenes jetzt nicht machst, bist du nicht mehr mein Freund. Dann tritt oft schnell Enttäuschung ein und kann nur schwer wieder ins Reine gebracht werden. Häufig muss es das auch gar nicht, da nach wenigen Minuten Enttäuschung und Konflikt längst vergessen sind. Hier ist etwas Feingefühl nötig. Ist es ein Konflikt, der miteinander besprochen werden sollte, um eine Lösung zu finden, oder ist es „nur“ eine kleine Auseinandersetzung, die in wenigen Minuten vergessen sein wird.

Die nächsten Schritte, in denen Beziehungen und Gegenüber mehr Gewicht bekommen, setzen meist erst mit dem Beginn der Pubertät ein.

Wie können wir Kinder, etwa im Vorschulbereich, während dieser Schritte in der Entwicklung eines Gewissens gut begleiten?

Zum einen einfach dadurch, dass wir ein gutes Vorbild sind. Auch als Erwachsener kann ich mich bei einem Kind entschuldigen, übrigens auch als Erzieher oder Lehrerin. Das ist kein Einbüßen von Respekt oder Ansehen, im Gegenteil.

Hilfreich ist es auch, Dinge zu erklären, beide Seiten aussprechen lassen: Was ist passiert? Was für Gefühle sind dabei aufgetreten? Warum ist das passiert? Wie hätte es anders laufen können?

Die Sprache spielt eine große Rolle 

Geben Sie Kindern altersgemäß Raum dafür, Entscheidungen zu treffen. Beachten Sie bitte unbedingt: Kinder können die Konsequenz vieler Entscheidungen nicht abschätzen. Es ist schön, wenn Eltern kein Problem damit haben, dass ihr fünfjähriger Sohn genauso geschminkt sein möchte wie die Mama. Die anderen Kinder könnten allerdings weniger Verständnis dafür haben und der Junge könnte eine negative, für ihn sehr schmerzhafte Reaktion auf die von ihm getroffene Entscheidung erleben. Ich empfehle in solchen Situationen, klar zu kommunizieren. Beispielsweise: Zuhause kannst du das ausprobieren, wenn du in den Kindergarten gehst, machen wir das aber nicht.

In meinem Alltag erlebe ich immer wieder, dass Kinder wegen einer hohen Sprachbarriere keine andere Möglichkeit finden, um mit anderen Kindern in Kontakt zu treten, als ihnen etwas kaputtzumachen. Negative Aufmerksamkeit ist besser als keine. Nachvollziehbarerweise folgt auf dieses Verhalten kein schönes Echo. Meistens beginnt das andere Kind zu weinen. Ziemlich oft beginnt das Kind mit der Sprachbarriere dann auch zu weinen. Dem Handeln lag keine böse Absicht zu Grunde, trotzdem führt das Weinen des anderen Kindes zu Mitgefühl oder eben einem schlechten Gewissen.

Die beiden Jungs, über die ich anfangs erzählt habe, haben sich übrigens bald wieder vertragen. Beide haben mit Hilfe der Erzieherin formuliert, was schwierig war für sie und welche Gefühle sie hatten. So konnten sie Verständnis füreinander aufbringen und ihre Freundschaft direkt wieder aufleben lassen.


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