Entwicklung

Leistungsdruck – woher er kommt und wir mit ihm umgehen können

Christian Huber hat immer wieder mit Eltern zu tun, die sich fragen, ob ihr Kind "gut genug" ist. Sei es in Bezug auf Musik, Lesen oder Selbstbewusstsein. Der Erzieher empfiehlt, gelassen zu bleiben und mehr Leichtigkeit zu wagen.

veröffentlicht am 14.06.2022

Kennen Sie das auch? Kaum scheint bei Ihrem Kind eine Hürde genommen, stellen sich Fragen und Zweifel ein. Zum Beispiel nach der Einschulung. Ist mein Kind musikalisch genug? Hätte ich es doch in die musische Frühförderung schicken sollen? Oh nein, andere Kinder malen schon viel besser! Was, wenn mein Kind nun Probleme bekommt? Meine Tochter/mein Sohn ist so schüchtern, während andere Kinder so stark und selbstbewusst sind.

Ähnliche Erfahrungen können Eltern in der Kita machen. In der Phase der Eingewöhnung lösen sich einige Kinder verhältnismäßig einfach von Mutter oder Vater. Manche Kinder sogar so einfach, dass sie schon am ersten oder zweiten Tag der Eingewöhnung ins Gruppenzimmer spazieren und sich nicht einmal mehr umdrehen. Für viele Eltern ist das der pure Horror und schlimmer als tagelang Tränen beim Abschied. Was habe ich nur falsch gemacht? Meinem Kind scheint es völlig egal zu sein, ob es bei mir ist oder woanders! (Ich kann Sie beruhigen: Kann es nicht sein, dass Ihr Kind Ihnen derart vertraut, dass es weiß, Papa oder Mama bringen mich an keinen schlechten Ort und werden mich auch wieder abholen, ich darf mich auf sie verlassen?)

Es ist normal, dass Sie sich Sorgen machen!

Auch hier setzt nach einigen Wochen Gewöhnung ein, die Abläufe sind routiniert und alles scheint in Ordnung. Und schon ereilt viele wieder diese innere Stimme: Warum findet mein Kind keine Freunde? Ist es unsympathisch? Habe ich etwas übersehen? Wird es möglicherweise sogar schlecht behandelt? Was kann ich nur tun? Zweifel über Zweifel, und wo gerade noch alles in Ordnung schien, ist nichts mehr übrig davon, weil Ängste und Sorgen ihren Raum einfordern.

Ich möchte an dieser Stelle zunächst einmal sagen: Sehen Sie das Ganze nicht zu negativ. Es ist völlig normal, dass Sie sich Sorgen um Ihr Kind machen, wenn ein Übergang im Leben bevorsteht und das Kind dabei ist, diesen zu meistern. Schließlich sind Sie für Ihr Kind verantwortlich. Es geht zwar seinen Weg und trifft erste Entscheidungen, doch den Rahmen, in dem es das tut, geben Sie vor.

Und wem bricht es nicht das Herz, wenn Sohn oder Tochter nach der Schule oder der Kita nach Hause kommen und, vielleicht sogar unter Tränen, erzählen, dass niemand sie mag oder dass die anderen alles viel besser können. Auch wir Erwachsene kennen Versagensängste nach einem existenziellen Wechsel im Alltag, dem Antritt einer neuen Arbeitsstelle oder dem Beginn einer neuen Beziehung. Das ist nur allzu menschlich. Schließlich wollen wir aus unseren Fehlern und Erfahrungen lernen und von ihnen profitieren. Was uns in solchen Momenten hilft, ist ein ehrliches Wort. Kein gut gemeintes „Das wird schon!“, sondern ein offenes „Ja, diese Situation ist nicht leicht, aber in meinen Augen gibt es keinen Grund davon auszugehen, dass du das nicht schaffst“. Genau solche ehrlichen und zugleich Mut machenden Worte braucht jetzt auch Ihr Kind.

Ein Kind, das Schwierigkeiten in der Schule hat, braucht nicht noch Ärger zu Hause

Nehmen Sie also die Bedenken, Sorgen und Ängste Ihrer Kinder ernst! Und auch die Freuden und Erfolgserlebnisse! Sätze wie „Freu dich nicht zu früh!“, oder „Ruh dich nicht auf dem Erfolg aus!“ sind nicht hilfreich. Machen Sie sich bewusst: Es ist okay, wenn nicht alles auf Anhieb klappt. Und für den Fall, dass berechtigte Fragen oder Sorgen bestehen, gibt es Möglichkeiten der Unterstützung für Eltern und Kind.

In meiner Kita beispielsweise arbeiten wir viel mit der Interdisziplinären Frühförderstelle zusammen. Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Kindern ganz nach deren individuellen Bedarf ein wenig Unterstützung zukommen zu lassen. Neben bekannteren Formen wie Logopädie gibt es dort auch Spielgruppen, in denen Kinder lernen, positiv mit anderen in Kontakt zu treten, Spiele anzubahnen, Freundschaften zu knüpfen – und das alles spielerisch.

Auch für Grundschüler gibt es Möglichkeiten, sie zu bestärken und zu fördern. Oftmals reicht es auch schon, ein wenig Geduld zu haben. So sehr Sie eine schlechte Bewertung in Sorge stürzen kann, zeigen Sie ihrem Kind, dass es deshalb nicht weniger wert ist. Ein Kind, das Schwierigkeiten in der Schule hat, braucht nicht noch zusätzlich Probleme oder Ärger zu Hause. Zu erkennen, die anderen haben bessere Noten, sie scheinen schlauer zu sein als ich, ich genüge nicht, schmerzt ohnehin schon genug.

Sind es letztendlich wir selbst, die mehr und mehr Druck ausüben?

Ich frage mich häufig, warum der Druck auf viele Schülerinnen und Schüler kontinuierlich steigt und weshalb wir heute zum Teil schon Formen von Burn-out unter Kindern dieser Altersgruppen feststellen, während gleichzeitig Lehrpläne entzerrt und entschlackt werden. Halten wir einfach weniger aus oder sind wir von Generation zu Generation weniger leistungsfähig? Wohl kaum. Sind es also letztendlich wir selbst, die – wovon auch immer getrieben – mehr und mehr Druck auf uns selbst und unser Umfeld ausüben? Ich habe auf diese Fragen keine abschließende Antwort. Aber ich denke, darüber nachzudenken, lohnt sich auf jeden Fall.

Haben Sie Vertrauen in die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind. Trauen Sie sich, ab und zu eine Portion Druck vor der Tür zu lassen und so Ihr Zuhause zu einem Ort mit weniger Druck und mehr Leichtigkeit werden zu lassen. Das heißt nicht, dass alles egal ist und es keine Rolle spielt, ob etwas geschafft wird oder nicht. Auf die Balance kommt es an.


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