Persönlichkeitsentwicklung

Was stille Kinder wirklich brauchen

Stille Kinder werden oft unterschätzt, weiß unser Autor Christian Huber. Die Eltern fragen sich: Hat mein Kind genug Selbstbewusstsein? Wie können wir ihm helfen? Was introvertierten Kindern hilft und warum für die Gesellschaft so wichtig sind.

veröffentlicht am 17.09.2020

„Er müsste ein wenig mehr aus sich herauskommen“ oder „sie ist halt keine, die sofort auffällt“. Sätze wie diese höre ich von Eltern stiller, introvertiert auftretender Kinder häufig. Oft sind diese Eltern beunruhigt. Wenn dann auch noch im Freundeskreis oder von der Familie ähnliche „Hinweise“ kommen, ist die Verunsicherung umso größer. Die Mütter und Väter fragen sich: Ist mein Kind zu still? Stimmt etwas nicht? Hat es zu wenig Selbstbewusstsein? Und bei all dem schwingt die eine große Frage mit: Habe ich etwas übersehen? Habe ich etwas falsch gemacht?

Ich kann gut nachvollziehen, dass Eltern sich Sorgen machen und sich fragen, wie sie ihrem Kind helfen können, wie sie es besser fordern und fördern können. Schließlich fällt besonders ruhigen Kindern der Alltag in der Kita und in der Schule oftmals schwerer. Sie werden leicht übersehen und manchmal nicht ernstgenommen, weil sie nicht sofort und laut für sich und ihre Bedürfnisse einstehen. Immer wieder werden sie als „Hochsensibelchen“ abgetan.

Gut darin, Stimmungen wahrzunehmen und Zusammenhänge zu durchblicken

Auf der anderen Seite sind gerade diese Kinder oft besonders gut darin, Stimmungen wahrzunehmen und Zusammenhänge zu durchblicken. Sie sind sehr sensibel dafür, was in anderen und in der Gruppe vor sich geht. Sie lassen sich Zeit, wägen ab. In der Gruppe bilden sie einen wichtigen Gegenpol zu den Starken und Lauten und tragen so auf ihre Weise dazu bei, dass die Gemeinschaft funktioniert.

Meine wichtigste Empfehlung an Eltern und alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, ist daher: Lassen Sie sich mit einer Bewertung Zeit! Schauen Sie genau hin!

Die erste Frage, die sich dabei stellt, ist: Warum sind diese Kinder überhaupt so? Gibt es den einen Grund, warum manche Kinder extrovertiert sind, offen auf Neues zugehen, Dinge sorglos ausprobieren – und andere sich erstmal in Ruhe umsehen, vorsichtiger und Neuem gegenüber zurückhaltend sind? Nein! Die Ursachen sind so vielseitig wie die Menschen, die es betrifft. Selbstverständlich gibt es Kinder und Jugendliche, die aufgrund eines geringen Selbstwertgefühls oder eines negativen Selbstkonzepts ruhig sind und sich zurückhalten. Negative Erfahrungen in der Vergangenheit oder Gegenwart, sprachliche Probleme, negativer Druck von außen oder eine Behinderung können weitere Gründe sein. Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche Phasen durchleben, vielleicht auch einmal die eine oder andere Nachdenklichkeit, die nicht gleich besorgniserregend sein muss. Der Alltag, den Kita-Kinder und Schülerinnen und Schüler zu bewältigen haben, ist nicht unterschätzen. Es gibt so viele Faktoren, die auf unsere Jüngsten einwirken.

Macht nicht Vielfalt die Gesellschaft reicher?

Und dann gibt es eben junge Menschen, die – vereinfacht gesagt – einfach so sind. So wie bei uns Erwachsenen auch nicht alle gleich sind. Einige von uns tragen ohne Probleme als Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt ihr Plädoyer vor. In Diskussionen bringen sie umgehend laut und spontan ihre Meinung ein. Andere fühlen sich wohl damit, als Schriftstellerin oder Schriftsteller am Schreibtisch zu sitzen. Sie brauchen viel Zeit, um über Argumente nachzudenken, bevor sie sich dazu äußern. Menschen haben unterschiedliche Charaktere und wählen im besten Fall Tätigkeiten, die zu ihnen und ihrer Persönlichkeit passen. Macht nicht gerade diese Vielfalt unsere Gesellschaft reicher?

Nun sind Kinder keine kleinen Erwachsenen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, die sie ganz anders wahrnehmen als wir Großen. Trotzdem eint Kinder und Erwachsene eine Tatsache, die in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt: Sie haben es sich nicht ausgesucht, sie haben sich nicht bewusst dafür entschieden. Wir sind nun mal so wie wir sind. Natürlich können Menschen an sich arbeiten und sich in verschiedene Richtungen verändern, aber es kommt selten vor, dass ein ruhiger Mensch plötzlich vollkommen ins Gegenteil umschlägt. Und das ist auch nicht nötig. Denn jeder Mensch ist gut so wie er ist, solange er oder andere nicht darunter leiden.

Sätze wie „Jetzt geh mal ein bisschen mehr aus dir heraus“, „so wird es nie etwas beim Bewerbungsgespräch“ oder „wenn du so weitermachst, wird dich nie jemand wahrnehmen“ sind in keinem Fall hilfreich. Denn Bemerkungen wie diese, egal ob aus Wut, Verzweiflung oder Besorgnis geäußert, bewirken bei den Angesprochenen genau das Gegenteil. Junge Menschen haben sehr sensible Antennen, wenn es darum geht, wahrzunehmen, wie ihre Umgebung auf sie reagiert. Wahrscheinlich haben sie längst mitbekommen, dass man sich um sie Gedanken macht. Wenn sie nun von Vertrauten derartige Aussagen zu hören bekommen, stellt sich bei Ihnen die Erkenntnis oder das Gefühl ein: Ich bin nicht gut so wie ich bin. Was ich bin, genügt nicht. Ich bin nicht liebenswürdig. In diesem Fall trifft also das Sprichwort „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht“ leider zu.

Stille Kinder brauchen Zeit

Wie könnten Eltern und andere also besser reagieren? Wie können sie dem Kind wirklich helfen?

Stellen Sie seine Stärken heraus und loben es dafür! Das baut das Kind auf, verschafft ihm ein gutes Gefühl und hilft ihm vielleicht auch dabei, sich selbst mehr anzunehmen. Vor allem aber legen Sie sich eine Art Grundhaltung zu, die anerkennt: Jede und jeder von uns hat seine eigene Geschichte und wir Menschen, auch junge, sind einfach nicht gleich. Voraussetzung dafür, dass diese Haltung auch ankommt, ist eine gute Vertrauensbasis. Junge Menschen merken schnell, auf wen sie sich verlassen können, mit wem sie auch vermeintlich Peinliches besprechen können, wo sie sich zeigen können ohne „Maske“. Wo sie sein können wie sie sind. Und helfen Sie dem Kind ruhig auch, Spielzeiten mit anderen Kindern zu vereinbaren. Immer mit dem Bewusstsein: Stille Kinder brauchen Zeit.

Das „A und O“ zu diesem ganzen Thema klingt einfach, ist es oftmals jedoch überhaupt nicht: Seien Sie da für Ihr Kind, nehmen Sie es an, seien Sie ansprechbar. Hören Sie zu, zeigen Sie ehrlich Interesse und nehmen Sie vermeintlich Bedeutungsloses ernst. Denn Dinge, die uns unbedeutend erscheinen mögen, können gerade für stille Kinder lebenswichtig sein.


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