Starkes Gefühl

Wenn Kinder Angst haben

Ist die Angst meines Kindes (noch) normal? Ist das vielleicht nur eine Phase? Erzieher Christian Huber erklärt, woher Kinderängste kommen und wie Eltern am besten damit umgehen können.

16.11.2020

Ist die Angst meines Kindes (noch) normal? Ist das vielleicht nur eine Phase? Woher kommt diese Angst nur? Die meisten Eltern ängstlicher Kinder stellen sich diese Fragen. Die Sorge ist absolut nachvollziehbar, schließlich leiden Eltern mit ihren Kindern mit und wollen ihnen Ängste gerne nehmen.

Gleich vorweg lässt sich beruhigend sagen: In den allermeisten Fällen sind die Ängste von Kindern normal und nicht sofort Anlass für Sorgenfalten. Kinder sind nicht gleich, so wie das eine helle und das andere dunkle Haare hat, so sind die einen Kinder ängstlicher und andere eben weniger. Im Grunde sind Ängste nichts Negatives: Sie schützen und bewahren uns vor gefährlichen Situationen und werden durch das Umfeld von Kindern mitgeprägt.

Es wird eng um die Brust, das Atmen fällt schwer

Vielleicht lohnt sich ein kurzer grundsätzlicher Blick auf das Thema Angst. Wir alle verwenden das Wort häufig, doch wahrscheinlich wissen nur die Wenigsten, woher das Wort eigentlich kommt und was es bedeutet. Unser Wort „Angst“ wird abgeleitet vom lateinischen Wort „angustus“ was so viel wie „eng“ bedeutet. Enge erleben wir beispielsweise im Zustand von Angst häufig physiologisch, wenn es eng um die Brust wird, uns das Atmen schwerfällt.

Ein ängstliches Kind bzw. die Eltern müssen sich jedoch nicht einfach ihrem Schicksal hingeben. Natürlich kann man an Angstverhalten arbeiten. Setzen sie sich dennoch erstmal mit der Angst ihres Kindes auseinander und versuchen sie diese zu verstehen und nachzuvollziehen. Zeigen sie vor allem Verständnis, das ist das allerwichtigste im Umgang mit ängstlichen Kindern. Besonders dann, wenn Kindern möglicherweise selbst auffällt, dass sie ängstlicher sind, als andere Kinder ist es wichtig, ihnen Rückhalt zu geben.

Sätze wie „Stell dich nicht so an!“ oder „Da ist doch nix, jetzt hör auf!“ sind dabei nicht sehr hilfreich, im Gegenteil. Sie dienen auch nicht zur Abhärtung. Zur Angst kommt nämlich nun noch ein weiteres schlechtes Gefühl hinzu: Ich bin nicht richtig, ich bin nicht normal. Der Pädagoge Udo Baer schreibt dazu in seinem Buch „Wenn Oskar Angst hat“ dazu: „Der sicherste Weg, bei Kindern dafür zu sorgen, dass sich Ängste festsetzen, besteht darin, sie wegen ihrer Angst zu beschämen.“

Sieben Arten von Kinderängsten

Woher kommen Ängste eigentlich? Wie schon erwähnt werden Ängste häufig vom Umfeld mitübernommen. Wenn die Mutter beispielsweise eine Spinnenphobie hat, und panisch beim Anblick einer Spinne reagiert, so ist es gut möglich, dass ihre Kinder ebenfalls eine Angst vor den Insekten entwickeln, wenngleich das nicht sein muss.

Darüber hinaus können Ängste auch die Folge von einschneidenden Erfahrungen sein. Ein Kind, welches etwa ein Gedicht für die Schule auswendig lernen musste und dann beim Aufsagen ins Stottern gerät und ausgelacht wurde, wird möglicherweise mit Angst und Schrecken reagieren, wenn eine ähnliche Situation zu bewältigen ist.

Udo Baer teilt Kinderängste in sieben Kategorien ein. Neben der Angst vor Gewalt und der Angst vor Einsamkeit, um nur ein paar Beispiele zu nennen, beschreibt er auch die Angst vor dem Versagen. Er beschreibt die zahlreichen Aufgaben, die auch schon an unsere jüngsten herangetragen werden: Das Malen eines Gesichts, das Balancieren über eine umgedrehte Langbank, das Fahren eines Tretrollers im Garten oder auch das Klettern an einer Sprossenwand. Je nach Alter und Entwicklungszustand eines Kindes können auch hier Gelegenheiten lauern, das eigene Versagen zu erfahren. Hier ist ganz entscheidend, welche Behandlung ein Kind in der jeweiligen Situation erfährt, sowohl von Elternseite als auch durch Lehrerkräfte und Erzieherinnen und Erzieher. Stärken sie Kinder in solchen Situationen! Machen sie ihnen Mut das Ganze mit ihrer Unterstützung einfach erneut zu versuchen und dann zum Erfolg zu bringen!

Angst in der Corona-Zeit: Wir alle erleben eine Ausnahmesituation 

Ein ganz aktueller Grund für die Entwicklung von Ängsten kann sowohl bei uns Erwachsenen, als auch bei den Kleinen die Erfahrung der Pandemie sein. Dinge, die eigentlich selbstverständlich waren sind plötzlich erschwert oder zeitweise gar nicht mehr möglich. Gerade Kinder nehmen mit ihren sensiblen Antennen natürlich wahr, dass die Dinge derzeit anders sind und Abläufe nicht so vor sich gehen, wie sie es eigentlich gewohnt sind. Wir alle erleben eine Ausnahmesituation. Unsere Kinder achten natürlich darauf, wie wir „Große“ mit dieser Zeit umgehen. Selbstverständlich ist Vorsicht geboten, keine Frage. Jedoch kann übermäßiger Nachrichtenkonsum zu innerer Unruhe führen, die sich natürlich auf Kinder übertragen kann. Auch das Vermissen von Verwandten kann eine Rolle spielen. Vielleicht wäre es eine schöne Möglichkeit mittels Videotelefonie miteinander in Verbindung zu bleiben? Möglicherweise kann man sich auch gegenseitig kleine Überraschungen zukommen lassen, der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Eine weitere gute Variante können Bücher und Geschichten mit Mut-machendem Inhalt sein. Sie regen die Phantasie an und stärken dabei oftmals unterbewusst das Selbstbewusstsein bzw. Selbstwertgefühl.

Um das wichtigste nochmals zusammenzufassen: Wie kann man den Ängsten von Kindern also am besten begegnen? Wie schon erwähnt ist das wichtigste Prinzip: Versuchen das Selbstwertgefühl stärken! Nehmen sie die Ängste ihrer Kinder ernst und hören sie ihnen zu. Dinge, die uns banal erscheinen können für unsere Kinder existenziell sein. Versuchen nachzuvollziehen und Dinge greifbar machen: Etwa das gemeinsame Basteln eines „Sorgen- oder Angstfresserchens“ sein, ein kleines Wesen, welches vor dem Aufkommen der Ängste schützt, indem es sie „frisst“, Beispiele gibt es im Internet zahlreich.


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