Kinder und Medien
Wenn das Tablet zum besten Freund der Eltern wird
Was ist eine „gute Medienerziehung“? Es gibt wohl kaum Eltern, die diese Frage nicht beschäftigt. Erzieher, Kita-Leiter und Familienberater Christian Wittl hat eine recht genaue Vorstellung davon. Eine Empfehlung ist ihm dabei besonders wichtig.
veröffentlicht am 14.09.2026
Das Thema „Kinder und Medienkonsum“ ist – so scheint es mir – überall präsent. Dabei schwingt fast immer ein moralisierender Appell mit: Kinder sollen so wenig Zeit an Medien verbringen wie nur möglich.
Zunächst muss man festhalten: Auch Bücher und ähnliches zählen zu Medien. Gemeint sind meistens die modernen Kommunikationsmedien wie Smartphones und Tablets, aber auch Fernsehgeräte und Computer, wenn diese noch nicht von erstgenannten abgelöst wurden.
Bei Elterngesprächen oder auch bei U-Untersuchungen bei Kinderärztin oder Kinderarzt tritt häufig ein Phänomen zu Tage: „Meine Kinder konsumieren eigentlich gar keine Medien“, erklären die Eltern. Das Ziel ist klar: Man möchte vorwurfsvollen Blicken und moralischen Belehrungen entgehen. Parallel kennen wir selbst Szenen aus Zug, Wartezimmer oder beim Einkaufen: Kinder beschäftigen sich ruhig mit dem Smartphone oder ähnlichen Geräten.
Die Kinder mit dem Handy ruhigzustellen, ist verlockend
Es gibt diese Momente, in denen ein Smartphone plötzlich zum besten Freund der Eltern wird. Das Kind ist quengelig, das Essen muss auf den Tisch, vielleicht wartet noch die Wäsche, und schon läuft eine Folge der Lieblingsserie. Für einen kurzen Moment ist Ruhe. Und ich bin ehrlich: Ich kann gut verstehen, warum das verlockend ist.
Was ist nun das perfekte Pauschal-Rezept im Hinblick auf Kinder im Kindergartenalter und deren Medienkonsum? Meine Antwort lautet nicht: Möglichst wenig Medien um jeden Preis. Aber sie lautet auch ganz sicher nicht: Je früher Kinder den Umgang mit Smartphone, Tablet und Fernseher lernen, desto besser sind sie für die Zukunft gerüstet. Kinder im Kindergartenalter entdecken ihre Welt mit allen Sinnen. Sie wollen anfassen, ausprobieren, klettern, bauen, reden, streiten, lachen, Geschichten hören und selbst Geschichten erfinden. Sie brauchen andere Menschen, die ihnen zuhören und auf ihre Fragen antworten. Sie brauchen Bewegung und Langeweile! Ja, tatsächlich auch Langeweile. Denn aus Langeweile entsteht nicht selten das beste Spiel.
Ein Bildschirm kann Beziehung nicht ersetzen
Ein Bildschirm kann all das nur sehr eingeschränkt bieten. Beim Anschauen eines Films oder einer Serie werden vor allem visuelle und auditive Reize verarbeitet. Ein Bilderbuch dagegen kann zu einem gemeinsamen Erlebnis werden: Das Kind sieht ein Bild, hört Sprache, stellt Fragen, deutet etwas, erinnert sich, entwickelt eigene Vorstellungen und spricht mit einem Erwachsenen darüber. Beim Vorlesen entsteht im Kopf des Kindes gewissermaßen ein eigenes Kino. Gleichzeitig passiert etwas, das kein Bildschirm ersetzen kann: Beziehung.
Deshalb ist auch der Vergleich zwischen einem Buch und einem Bildschirm nicht nur eine Frage der Unterhaltung. Beim gemeinsamen Lesen und Erzählen werden Sprache, Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und soziale Kommunikation miteinander verbunden. Das Kind ist nicht nur Zuschauer, sondern wird zum Mitdenker. Es darf unterbrechen, nachfragen, lachen, etwas entdecken oder die Geschichte ganz anders weitererzählen. Das bedeutet nicht, dass Fernsehen oder andere digitale Medien grundsätzlich schlecht sind. Eine gute, altersgerechte Sendung kann Spaß machen, Wissen vermitteln und Gespräche anregen. Entscheidend ist, wie, was und wie lange Medien genutzt werden. Für Kinder zwischen drei und sechs Jahren empfiehlt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit als Orientierung höchstens etwa 30 Minuten Bildschirmmedien am Tag und möglichst nicht jeden Tag.
Durch den Medienkonsum kommen andere Aktivitäten zu kurz
Noch wichtiger als die Stoppuhr ist allerdings die Frage: Was kommt durch den Medienkonsum zu kurz? Wenn Kinder wegen des Tablets nicht mehr draußen spielen, wegen der Serie kein Buch mehr angeschaut wird oder beim Essen regelmäßig der Fernseher läuft, dann halte ich das für problematisch. Medienzeit ist nämlich nie nur Medienzeit. Sie nimmt immer auch Zeit für etwas anderes.
Manchmal betrifft das sogar die Eltern selbst. Ein Kind kann vor dem Fernseher sitzen, während Mama daneben am Smartphone Nachrichten schreibt. Alle sind irgendwie beschäftigt, aber niemand ist wirklich miteinander beschäftigt. Dabei sind gerade die kleinen Gespräche im Alltag für Kinder wertvoll: „Was hast du heute im Kindergarten gemacht?“, „Warum ist der Himmel eigentlich blau?“, „Schau mal, was ich gebaut habe!“ Solche Momente wirken unscheinbar, sind aber absolut wichtige Entwicklungszeit.
Die Kinder brauchen die Eltern als Vorbilder
Unsere Kinder brauchen uns auch beim Thema Medienkonsum als Vorbild. Essen Sie gemeinsam statt allein – und nicht vor dem Fernseher! Gönnen Sie sich allen diese Zeit des Erzählens und gegenseitigen Mitnehmens! Ist das nicht genau das, was wir uns von unseren Kindern wünschen, wenn sie Heranwachsende sind? Doch auch das will vorgelebt und gelernt werden.
Vielleicht müssen wir deshalb auch unsere Vorstellung von „guter Medienerziehung“ verändern. Es geht nicht darum, Kindern möglichst schnell beizubringen, wie ein Tablet funktioniert. Das lernen sie ohnehin, oder sie können es längst, bevor wir es vermuten. Die wichtigere Fähigkeit ist, zu wissen, wie und wann man es wieder aus der Hand legt. Seien wir Erwachsene hierbei Vorbilder, denn wenn wir möchten, dass unsere Kinder lernen, gelegentlich das Smartphone auszuschalten, müssen wir ihnen zeigen, dass auch wir das können.





