Wichtige Erfahrung
Wie Kinder Hoffnung lernen
Wir leben in unsicheren Zeiten. Kinder und Jugendliche werden mit Problemen konfrontiert, die sie überfordern können. Wie gelingt es, dass sie dennoch hoffnungsvoll bleiben oder es wieder werden? Heilsame Gedanken und Ideen von Erzieher Christian Huber.
veröffentlicht am 09.01.2026
Jugendliche wachsen heute in einer Zeit auf, die vieles ist, aber gewiss nicht verlässlich. Krisen sind kein Ausnahmezustand mehr, sondern haben sich leider in ganz unterschiedlichen Bereichen zu einer Art Hintergrundmusik entwickelt. Ob Krieg, Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit, überall lauern Quellen die Sorgen oder Ängste auslösen können. Gerade im Jugendalter kommen häufig Leistungsdruck in der Schule, aber auch außerhalb dazu. Und eines darf man vielleicht nicht unterschätzen: Jugendliche sind heutzutage digital „dauerverfügbar“, werden mit Inhalten konfrontiert und sind immer erreichbar. Das alles kann zu Müdigkeit, Unsicherheit und Überforderung führen.
Wenn wir uns fragen, wie Jugendliche hoffnungsvoll bleiben oder es wieder werden können, lohnt sich ein Blick dorthin, wo Hoffnung nicht erklärt, sondern erlebt wird: in der frühen Kindheit und damit auch in der Kita und im gesamten Bereich der frühkindlichen Bildung.
Für Kinder ist Hoffnung das, was ihnen Sicherheit gibt
Der Begriff Hoffnung ist für Kinder im Vorschulalter häufig noch abstrakt. Formulierungen wie „Hoffentlich“ oder „Ich hoffe“ dagegen sind allgegenwärtig, angefangen vom „Hoffentlich kommt heute beim Turnen das Schwungtuch zum Einsatz“ bis hin zu „Ich hoffe, dass wir Freunde bleiben“. Schon an diesen beiden vermeintlich banalen Beispielen wird deutlich: Für Kinder ist Hoffnung das, was ihnen Sicherheit gibt, etwas, was sie kennen- und schätzen gelernt haben. Hoffnung beginnt da, wo Kinder erleben, dass ihr Alltag verlässlich ist – nicht nur, aber auch in der Kita.
Was kann Kindern dabei helfen, diese Verlässlichkeit wahrzunehmen? Da sind zum einen die kleinen, alltäglichen Erfahrungen zu nennen: Wenn ein Turm aus Bauklötzen immer wieder einstürzt und niemand sagt: „Dann lass es halt, du schaffst es ja doch nicht!“, sondern: „Probier‘s nochmal, ich bin sicher, dass du es schaffst. Oder wollen wir zusammen einen Versuch wagen?“ Wenn ein Kind beim Anziehen verzweifelt und eine Fachkraft nicht „einfach“ übernimmt, sondern wohlwollend und ohne Bloßstellung begleitet. Kinder lernen dabei etwas ganz Zentrales: Probleme dürfen sein, sie dürfen Zeit brauchen und ich darf mir zutrauen, eine Lösung zu finden.
Der Umgang mit Emotionen muss gelernt werden
Ein weiterer „Hoffnungsraum“ im Alltag liegt im Umgang mit Gefühlen. In Kitas erleben Kinder täglich Enttäuschung. Das klingt zunächst dramatisch, und vielleicht denkt sich die eine oder der andere von Ihnen gerade „Warum schicke ich mein Kind dann in den Kindergarten!?“ Es ist aber ein Fakt: Wo 10, 15 oder 25 Kinder miteinander agieren, wo Abläufe und Regeln nötig sind, bleibt Enttäuschung nicht aus, und das ist auch gut so!
Enttäuschung will schließlich gelernt sein, die vielen Gefühle von Wut über Eifersucht bis hin zur Traurigkeit und der einen oder anderen Träne müssen doch erst einmal erlebt werden, damit Kinder Wege für sich entdecken können, wie sie gut mit diesen Emotionen zurechtkommen. Entscheidend ist also nicht, ob und welche Gefühle auftreten, sondern wie mit ihnen umgegangen wird. Wird getröstet, ohne zu beschwichtigen? Erleben Kinder dabei, dass sie ernstgenommen und in ihrer Not gesehen werden? Sind sie Teil der Lösung und erleben sich so selbstwirksam?
Sauer sein, wütend sein, weinen - das alles ist okay
Wenn Kinder diese Erfahrung machen, dann nehmen sie eine innere Erkenntnis mit, auf die sie ein Recht haben, nämlich: Meine Gefühle machen mich nicht falsch. Es ist okay, sauer und wütend zu sein, und es ist ebenso in Ordnung zu weinen, auch wenn man ein Junge ist.
Neben den Begebenheiten des Alltags gibt es aber auch gezielt gestaltete „Hoffnungsorte“ wie beispielsweise Rituale. Das Entzünden einer Kerze als Zeichen dafür, dass man an jemanden denkt, dem es vielleicht nicht gut geht. Das bewusste Gestalten von Abschied und Neubeginn am Ende und Anfang eines Kindergartenjahres. Das Erarbeiten von Kinderbüchern und biblischen Geschichten, in denen Menschen Hoffnung gefunden haben. Dies schenkt die Erfahrung, dass man mit diesen Situationen nicht alleine ist, sondern auch andere ähnliches erleben, und es gibt Kindern Zeit und Raum, Bilder und Worte für vieles zu entwickeln, was für uns Erwachsene selbstverständlich ist.
Auch der Glaube kann Hoffnung schenken
Wer möchte, kann natürlich auch ein Gebet sprechen, das stellt die Situation in einen größeren Zusammenhang und macht gerade auch für Kinder klar: Da ist jemand, der auf mich aufpasst und der über allem steht. Zudem erinnert es daran: Wir sind nicht die, die am Ende alles in der Hand haben. Kann das nicht auch beruhigend sein?
Kitas und Schulen sollten und können, wie ich finde, solche Erfahrungen nicht dem Zufall überlassen. Und das gilt auch für zuhause. Kinder brauchen Struktur, sie brauchen Rituale und Abläufe, die sie tragen. Verlässliche Bezugspersonen und vor allem: eine Fehlerkultur, die Lernen ermöglicht. Keine Gleichgültigkeit, sondern Authentizität und Ernsthaftigkeit. Mir ist klar, dass das nicht jeden Tag gleich gut gelingt, die Hoffnung sollten wir aber nie aufgeben und letztendlich bietet jeder Tag aufs Neue die Möglichkeit, sich bewusst für oder gegen etwas zu entscheiden.
Schenken wir unseren Kindern die Erfahrung, dass jemand bleibt, wenn es schwierig wird!
Kinder, die diese wichtigen Erfahrungen mitbekommen, haben es oft leichter, innere Muster und Systeme zu entwickeln, auf die sie später zurückgreifen können. Schenken wir unseren Kindern und Jugendlichen diese Momente! Die Erfahrung, dass jemand bleibt, wenn es schwierig wird. Dass Fragen erlaubt sind und Grenzen nicht bedeuten, dass man weniger geliebt wird. Das sind Dinge, die Kindern, Jugendlichen und auch uns Erwachsenen gut tun.
Hoffnungsstark werden wir Menschen nicht erst in der Jugend, wir werden es (oder werden es nicht) viel früher. Hoffnung beginnt in der Kindheit und manchmal beginnt sie ganz leise und da, wo man es kaum vermutet hätte: in einem Morgenkreis, mit einer Kerze, mit jemandem oder etwas, das bleibt.





