Halt in unsicheren Zeiten
Wenn Zukunft Angst macht – Wie Familien Hoffnung bewahren können
Klimakrise, Kriege und politische Unsicherheiten lassen viele Kinder und Jugendliche mit Sorge in die Zukunft blicken. Die Psychologin und Buchautorin Elisabeth Raffauf erklärt im Interview, wie Eltern mit diesen Ängsten umgehen können.
veröffentlicht am 02.01.2026
Frau Raffauf, wir leben in einer unruhigen Welt voller Krisen. Viele Menschen sorgen sich darum, wie es weitergeht. Wie erleben Kinder und Jugendliche diese Zeit?
Unterschiedlich. Viele machen sich Sorgen. Eine junge Frau hat mir einmal gesagt: „Durch Corona ist mein Gefühl, sicher in der Welt zu sein, verloren gegangen.“ Da sind schlechte Nachrichten, die von einer unsicheren Weltlage, Krieg und der Klimakrise berichten. Da ist die Angst vor Terroranschlägen, die sie ganz konkret im Alltag spüren – etwa, wenn sie in die U-Bahn steigen. Dazu spüren sie die finanziellen Sorgen der Erwachsenen und sie fragen sich, wie es politisch weitergeht. Manche haben Angst, dass zu viele Fremde ins Land kommen, andere, dass sie selbst oder Freunde abgeschoben werden könnten. Viele fragen sich: Was kommt auf uns zu?
Wie können Eltern diesen Zukunftsängsten begegnen?
Es ist wichtig, die Ängste junger Menschen ernst zu nehmen und auszuhalten. Manche Erwachsene wollen schlechte Nachrichten am liebsten von ihren Kindern fernhalten. Oder sie versuchen, ihre Sorgen wegzuwischen, weil sie selbst überfordert sind. Das kann Kinder jedoch noch mehr verunsichern und den Eindruck vermitteln, dass ihr Gefühl falsch ist. Hilfreicher ist es anzuerkennen, dass Bilder und Nachrichten Angst machen können. Es entlastet, über die Themen zu sprechen und sich gemeinsam zu informieren, ohne jedoch neue Ängste zu schüren.
Auch viele Eltern blicken besorgt in eine ungewisse Zukunft. Wie können sie stabil bleiben und ihren Kindern trotzdem Sicherheit geben?
Es hilft, wenn Eltern mit anderen Erwachsenen über ihre Ängste reden und Unterstützung nicht bei den eigenen Kindern suchen. Wer seine Sorgen mit Freunden teilt, merkt oft, dass sie leichter werden. Selbst dann, wenn es keine sofortige Lösung gibt. Eltern müssen nicht immer stark sein, aber sie sollten in ihrer Rolle bleiben. Kinder brauchen Eltern als sichere Säule und Leuchtturm in ihrem Leben. Sind sie das nicht, kann das Kinder selbst in die Erwachsenenrolle drängen. Dann übernehmen sie oft zu viel Verantwortung in der Familie oder haben das Gefühl, ihre Eltern trösten zu müssen. Das überfordert sie.
Was brauchen Kinder, um trotz globaler Krisen zuversichtlich in die Zukunft schauen zu können?
Ein ganz wichtiger Punkt ist Selbstwirksamkeit. Angst wird kleiner, wenn wir merken: Ich kann etwas tun. Wir können Kriege nicht beenden, aber wir können sammeln für Menschen auf der Flucht, Kinder mit Migrationshintergrund einladen, Aktionen in der Schule starten, respektvoll und liebevoll miteinander umgehen. Das gibt Mut und Hoffnung und es stärkt das Gefühl, in eine größere Gemeinschaft eingebunden zu sein.
Wie können Eltern ihren Kindern Kraft geben, damit sie aktiv werden können?
Zu Hause sollte immer ein sicherer Ort sein. Ich zitiere da gern den Bindungsforscher John Bowlby: „Gipfelstürmer brauchen ein Basislager.“ Wenn Kinder darauf vertrauen können, dass ihre Eltern immer an ihrer Seite bleiben - auch wenn es mal Streit gibt - können sie selbstbewusster in die Welt gehen. Und jedes Kind braucht mindestens eine Person, die an es glaubt und sagt: Du wirst deinen Weg machen. Diese Zuversicht gibt Halt – gerade in unsicheren Zeiten.
Was stimmt Sie persönlich hoffnungsvoll, wenn Sie auf junge Menschen und Familien blicken?
Ich finde es ermutigend, wie viele Jugendliche sich Gedanken machen, was ihre Generation Positives beitragen kann. Wir sollten nicht nur auf Probleme schauen, sondern auch danebenstellen, was gut läuft. So viele Menschen setzen sich in Vereinen, in der Politik und im eigenen Umfeld für das Gute ein. Ein herzliches Miteinander in der Nachbarschaft, ein freundliches Wort, ein Lächeln – das alles stärkt und macht Hoffnung für die Zukunft.
Elterntipps von Elisabeth Raffauf: So helfen Sie Kindern bei Zukunftsängsten
Ängste und Sorgen können sich bei Kindern ganz unterschiedlich äußern. Wie Eltern Sicherheit, Vertrauen und Zuversicht vermitteln.
- Gefühle ernst nehmen
Kinder spüren Unsicherheit und Angst, auch wenn Erwachsene versuchen, sie zu schützen. Wichtig ist, ihre Gefühle anzuerkennen. Unehrliche Beschwichtigungen verunsichern Kinder zusätzlich. - Ansprechbar sein
Kinder äußern Angst nicht immer direkt. Rückzug, Gereiztheit oder Tagträumen können Hinweise sein. Es hilft, die eigene Wahrnehmung offen anzusprechen und zu signalisieren: Du kannst jederzeit zu mir kommen. - Zuhören und Raum geben
Eltern müssen nicht sofort Lösungen liefern. Manche Kinder kommen nach einem Gesprächsangebot erst Wochen später ins Reden – manchmal bei einer gemeinsamen Aktivität wie Plätzchenbacken oder einem Spaziergang. - Eigene Ängste nicht auf Kinder abladen
Eltern dürfen zugeben, dass ihnen bestimmte Themen ebenfalls Angst machen. Wichtig ist aber, klar zu zeigen: Ich kümmere mich darum und hole mir Unterstützung. Kinder sollten nicht zu emotionalen Stützen ihrer Eltern werden. - Gute Nachrichten bewusst wahrnehmen
Eltern können gemeinsam mit Kindern hinschauen: Wo engagieren sich Menschen? Wer macht die Welt ein kleines Stück besser? So entsteht ein realistischeres, weniger angstbesetztes Weltbild. - Selbstwirksamkeit stärken
Zukunftsangst wird kleiner, wenn Kinder erleben: Ich kann etwas tun. Gemeinsame Aktionen oder sich im Alltag für andere einzusetzen, vermitteln das Gefühl, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. - Einen sicheren Ort schaffen
Kinder brauchen ein verlässliches Basislager. Ein Zuhause, das ihnen sicheren Rückhalt gibt und Erwachsene, die an sie glauben. Dieses Vertrauen macht es ihnen erst möglich, mutig in die Welt zu gehen.





