Lebenshilfe

Hilfe für Mädchen und Frauen mit Essstörungen

Mit Freunden beim Italiener um die Ecke essen gehen oder sich über ein Stück Kuchen freuen – das fällt vielen Frauen und Mädchen schwer, die sich an die Beratungsstelle „Waagnis“ in Regensburg wenden. Ein Besuch.

01.06.2020

Der Raum, in dem Claudia Burmeister, die Leiterin der Beratungsstelle für Essstörungen „Waagnis“ in Regensburg, vor der Laptopkamera sitzt, wirkt hell und freundlich. Im Hintergrund ist eine Sitzecke mit gemütlichen Sesseln und einem kleinen Tisch zu sehen. Die Wand dahinter ist in einem warmen Apricotton gestrichen. Hier finden normalerweise mehrere Beratungsgespräche am Tag statt, doch wegen der Corona-Pandemie ist auch die Beratungsstelle für Besucher geschlossen. Die Mitarbeiterinnen von „Waagnis“ haben auf Telefonberatungen umgestellt.

An „Waagnis“ wenden sich im Jahr etwa 300 bis 400 Klientinnen und Klienten. Die meisten von ihnen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, ein Drittel der Ratsuchenden sind Eltern oder andere Angehörige, die sich Sorgen um ihre Kinder, Enkel oder Geschwister machen. Über 90 Prozent der Klientinnen und Klienten sind Frauen. Sie haben Bulimie, Magersucht oder die weniger bekannte Binge-Eating-Störung, bei der die Betroffenen immer wieder Essanfälle haben und über den eigentlichen Hunger hinaus schnell viel essen, bis der Magen schmerzt. „Es fühlt sich an wie Heißhunger, aber es ist Seelenhunger durch Gestresst-Sein, Traurig-Sein, Allein-Sein oder Wütend-Sein“, erklärt Claudia Burmeister, die Leiterin der Beratungsstelle. Andere machen sich den ganzen Tag über Gedanken darum, was sie essen und wie viele Kalorien sie zu sich nehmen, oder haben für sich eine Einteilung in „erlaubte“ und „verbotene“ Nahrungsmittel. „Wenn die Frauen sich an uns wenden, kommen die meisten aus einer längeren Geschichte heraus. Sie haben gedacht, es sei nur eine Phase, die sie selbst wieder in den Griff bekommen. Doch dann merken sie, dass sie alleine nicht weiterkommen“, sagt Claudia Burmeister und schiebt sich eine Strähne ihrer schulterlangen, rotbraun getönten Locken hinters Ohr. Die 62-Jährige berät seit über 30 Jahren Frauen und Mädchen mit Essstörungen und hat die Gründung der Beratungsstelle „Waagnis“ mitinitiiert.

Was fühle ich beim Thema Essen?

In einem ersten Beratungsgespräch klären Claudia Burmeister und ihre Kolleginnen, ob die Klientin eine Essstörung hat und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt. Diese reichen von einer Ernährungsberatung über die Teilnahme an angeleiteten Gesprächsgruppen bis hin zu Therapie und Klinikaufenthalt. Außerdem versuchen die Beraterinnen, einzuschätzen, wie ausgeprägt und wie gefährlich die Essstörung schon ist. Dazu fragen die Expertinnen nach, wie das Essverhalten der Ratsuchenden aussieht, welche Gedanken sie mit dem Thema Essen verbinden, und vor allem, welche Gefühle mit Essen oder Nicht-Essen in Zusammenhang stehen. Manche Frauen und Mädchen kommen nur ein- oder zweimal zu einem Gespräch, andere begleiten die Beraterinnen über einen längeren Zeitraum hinweg, beispielsweise, um die Wartezeit bis zum Beginn einer Therapie oder eines Klinikaufenthaltes zu überbrücken.

Eine der Klientinnen, die regelmäßig mit den Mitarbeiterinnen von „Waagnis“ in Kontakt sind, ist Marie*. Sie möchte anonym bleiben und erzählt am Telefon von ihrer Essstörung. Mit zwölf oder 13 Jahren begann sie, sich mit anderen Mädchen zu vergleichen, und fühlte sich zu dick. Sie hielt Diät und zählte über zwei oder drei Jahre hinweg Kalorien. Als sie etwa 16 Jahre alt war, „rutschte“ sie in die Bulimie, wie sie sagt. „Am Anfang war das für mich ganz entspannt“, erzählt sie rückblickend. „Ich konnte so viel essen wie ich wollte, habe aber nicht zugenommen, weil ich das Essen immer wieder erbrochen habe.“ Doch irgendwann wurde das Erbrechen zu einem Zwang. „Dann habe ich gemerkt, dass da etwas gar nicht mehr stimmt bei mir. Ich hatte mich teilweise nicht mehr unter Kontrolle und wusste, jetzt brauche ich Hilfe.“ Ihre Eltern suchten für Marie eine Therapeutin, die ihr von den angeleiteten Gesprächsgruppen von „Waagnis“ für Mädchen mit Essstörungen erzählte. Neben einem Klinikaufenthalt und einer Therapie nahm Marie über zwei Jahre hinweg immer wieder an Treffen der „Waagnis“-Selbsthilfegruppen teil. Sie werden von einer Sozialpädagogin und Therapeutin geleitet, die die Gespräche moderiert und Übungen zur Achtsamkeit oder Körperwahrnehmung einbringt. „Mir hat es wahnsinnig gutgetan, zu erleben, dass es noch mehr junge Frauen gibt, die Schwierigkeiten haben, genug zu essen“, erzählt Marie. „Man kann sich offen austauschen, weil die anderen wissen, wie es einem geht.“

Inzwischen geht es Marie besser und sie hat es geschafft, die Bulimie hinter sich zu lassen. „Ich habe nicht mehr die Gedanken, dass ich abnehmen möchte. Das Gefühl, ich bin zu dick und dass ich mich erbrechen muss nach dem Essen sind, auch weg“, berichtet die 25-Jährige. Sie macht sich aber nach wie vor sehr viele Gedanken darüber, was sie isst und wie viele Kalorien bestimmte Lebensmittel haben. Sie achtet auch sehr darauf, dass sie sich gesund ernährt. Würde sie mit Freunden in einer Pizzeria essen gehen, fiele ihre Wahl wahrscheinlich auf einen Salat. Eine Pizza würde sie sich verbieten, auch wenn sie Lust darauf hätte. Ein Restaurantbesuch ist für Marie deshalb mehr Stress als Genuss. „Diese Unbeschwertheit aus der Kindheit oder von anderen Menschen, dass man isst, worauf man Lust hat, und aufhört, wenn man satt ist, habe ich nicht“, sagt sie. Sie hat wöchentlich einen Termin bei einer Therapeutin und bei einer Ärztin, die ihr Essverhalten im Blick behält. Für die täglichen Mahlzeiten hat Marie einen Ernährungsplan, in dem genau vorgeschrieben ist, was sie wann isst und wie viel. Zum Frühstück gibt es beispielsweise Müsli, mittags eine Brotzeit und abends eine warme Mahlzeit. „Ob ich jemals wieder ein normales Essverhalten haben werde, weiß ich nicht“, stellt Marie fest und klingt nachdenklich.

In Ruhe kochen in der Corona-Zeit

Mit den Auswirkungen der Ausgangs- und Kontaktsperren in der aktuellen Corona-Krise kommt sie überraschend gut zurecht. Normalerweise arbeitet sie als Flugbegleiterin, doch da der Flugverkehr weitgehend ausgesetzt ist, verbringt die junge Frau die Zeit zu Hause. „So kann ich in Ruhe einkaufen, kochen und mich gut auf mein Essverhalten konzentrieren. Jetzt habe ich die Gelegenheit, mich auch mal aufzupäppeln, und möchte ein paar Kilo zunehmen.“

Andere Betroffene haben größere Schwierigkeiten mit den Ausgangs- und Kontaktsperren. Das erlebt Claudia Burmeister von „Waagnis“ derzeit in vielen Telefongesprächen. Wenn die Ablenkung durch Arbeit und das Treffen mit Gleichgesinnten oder Freunden fehlten, verstärkt sich die Essstörung oft wieder. Eine Klientin der Beratungsstelle mit Binge-Eating-Störung berichtete Claudia Burmeister beispielsweise, dass sie nun doch wieder einen großen Essdrang verspürt und isst, bis sie Magenschmerzen bekommt. Die Frau hatte nach einer Magenverkleinerung eigentlich schon über einen längeren Zeitraum hinweg abgenommen. „Aber jetzt sind für die Klientin Einkaufen und Essen wieder eine Art Trost, eine Entspannungsmöglichkeit. Es nimmt für sie den Platz ein, den sonst das Treffen und die Aussprache mit einer Freundin oder mit anderen in einer Selbsthilfegruppe hätten“, erklärt Claudia Burmeister das Verhalten der Ratsuchenden.

Die Ursachen für eine Essstörung sind vielfältig. Eine große Rolle spielen Beziehungen zu Eltern und anderen Familienmitgliedern in der Kindheit, weiß Claudia Burmeister aus vielen Beratungsgesprächen. „Es geht darum, wie die Betroffenen bestärkt worden sind und wie gut sie ein Gefühl entwickeln konnten, dass sie okay sind, auch wenn sie nicht zu 100 Prozent dem Schönheitsideal entsprechen“, erklärt Claudia Burmeister. Später kommen dann manchmal spöttische Bemerkungen oder sogar Erlebnisse von Mobbing und Abwertung in der Schule dazu. An der Entstehung von Essstörungen habe auch die Gesellschaft einen großen Anteil, findet die Leiterin der Beratungsstelle. „Zum einen gibt es an jeder Ecke günstiges Essen, das gut duftet, und gleichzeitig heißt es: Du bist nur gut, wenn du dich zurückhältst, schlank und gestählt bist“, bringt Claudia Burmeister den Widerspruch auf den Punkt.

Leistung und Disziplin im Elternhaus 

Gerade bei magersüchtigen Klientinnen ist der Beraterin aufgefallen, dass sie häufig aus Familien stammen, in denen Wert auf Bildung und Leistung gelegt wird. „Dort gibt es große Ideale, intellektuelle, musische oder sportliche Leistungen betreffend. Erfolgreiche Kontrolle und Disziplinierung des Essverhaltens und anderer Lebensbereiche sind dort sehr wichtig“, reflektiert Claudia Burmeister nach kurzem Nachdenken. Auch viele der an Bulimie Erkrankten kommen aus gebildeten Elternhäusern, so die Erfahrung der Beraterin.

Einen ähnlichen Hintergrund hat auch Marie. Ihrer Mutter sei es immer wichtig gewesen, dass sie ihr Abitur mache, anschließend studiere und ein gutes Bild nach außen abgebe, erzählt die 25-Jährige. „Aber was ich als Mensch brauche, das war nie wichtig für sie. Das hat mich schon immer sehr verletzt und ich habe auch heute noch eine schwierige Beziehung zu meiner Mutter“, sagt die junge Frau und wirkt traurig. „Ich merke immer noch, dass es mir nach einem Besuch bei ihr nicht so gut geht beim Essen.“

Die tiefer liegende Ursache für eine Essstörung herauszufinden, ist die schwierigste Aufgabe für Betroffene und Therapeuten. Das kann mehrere Jahre in Anspruch nehmen, berichtet Claudia Burmeister. „Ich sage meinen Klientinnen oft: Du bist nicht schuld an deiner Essstörung. Es ist nicht nur eine Angewohnheit oder eine Sache der Willensstärke, es anders zu machen“, sagt die Beraterin. „Das ist für viele sehr entlastend und eine Basis, auf der sie weiterkommen können. Es gibt einen guten Satz: Du bist nicht schuld an dem, wie es dir jetzt geht, aber du bist die Einzige, die es ändern kann und diese Unterscheidung zu machen.“


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