Gelassenheit lernen

So stärken Eltern ihre Kinder

Eltern fühlen sich zunehmend verunsichert. Ihre Anspannung geben sie oft unbewusst an die Kinder weiter. Dabei soll Familie Kinder doch stärken. Einige Anregungen, wie das gelingen kann.

veröffentlicht am 01.01.2018

Da hat man sich Mühe gegeben. Hat versucht, ruhig zu bleiben. Hat im Geiste die Tipps aus den Ratgeber-Foren durchgescrollt, um pädagogisch korrekt aus der Nummer rauszukommen. Und es hat nicht funktioniert. Das Kind weint, die Mutter rennt wütend aus dem Zimmer. Schlechte Laune ist die Folge und das Gefühl: Wieder versagt!

Eltern-Sein ist wunderschön. Aber manchmal bringt es die sogenannten Erziehungsberechtigten an ihre Grenzen. Die Fragen, die sich wohl die meisten Eltern stellen, lauten: Ist das normal? Was habe ich falsch gemacht? Und vor allem: Wie kann es gelingen, in der Familie zu einem guten Miteinander zu finden, das die Kinder zu starken, verantwortungsvollen Menschen macht und das zugleich auch die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen lässt?  

Die Wahrheit ist: Patentlösungen gibt es nicht. Denn jedes Kind ist anders, jede Familie ist anders, und auch die Situationen, die problematisch sind, kann man nicht unbedingt miteinander vergleichen.

Nicht Methode, sondern Haltung

Auf genau dieser Erkenntnis basiert das Elternkurs-Konzept „Kess erziehen“ (siehe Infos unten). Kess steht für kooperativ, ermutigend, sozial und situationsorientiert. Dabei gehe es „nicht um eine Erziehungsmethode, sondern um eine Erziehungshaltung“, erklärt Familienberater und Autor Christof Horst. Das Konzept liefere nicht „den tollen Tipp“ für eine bestimmte Situation, sondern es mache Eltern das Leben leichter, weil sich aus einer „gestärkten Grundhaltung heraus vieles, was aus einer verfahrenen Situation führt, fast automatisch ergibt“. Das heißt: Aus einer Fülle von Informationen und Anregungen können die Eltern sich jeweils das heraussuchen, was ihnen gerade hilft. Und damit auch dem Kind und der ganzen Familie. Denn auch das ist ein Grundsatz von „Kess erziehen“: Das Konzept setzt da an, wo Eltern am ehesten etwas verändern können: bei sich selbst.

Was braucht mein Kind?

Konkret kann das beispielsweise bedeuten, dass Eltern in einer Konfliktsituation nicht fragen „Was ist mit dem Kind los?“ und denken „Da habe ich etwas falsch gemacht“ oder auch „Dieses Verhalten muss ich meinem Kind austreiben“. Sondern versuchen, das Kind zu achten und zu verstehen, was hinter seinem Verhalten stecken und welche Bedürfnisse es haben könnte.

Zum Beispiel: Die Vierjährige „stört“ ständig, sie unterbricht die Eltern, redet dazwischen, albert herum, macht vielleicht absichtlich etwas kaputt. Möglicherweise steckt eine Botschaft hinter ihrem Verhalten: Sie hat das Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht wichtig zu sein. Sie will bemerkt werden, will, dass sich jemand mit ihr beschäftigt.

„Für die Erziehung ist es von grundlegender Bedeutung, das Kind in seinem Anliegen zu verstehen“, schreibt Diplom-Pädagoge Christof Horst. „Je besser die Eltern die Motive für das Verhalten ihres Kindes erkennen, desto eher können sie auch mit schwierigen Verhaltensweisen angemessen umgehen.“ Im Fall der Vierjährigen könnte zum Beispiel eine gezielte Zuwendung der Eltern dazu beitragen, die Situation zu verbessern. Momente, in denen Vater oder Mutter nur für das Kind da sind und ihm das Gefühl geben, wirklich wichtig zu sein. „Edelsteinmomente“ heißen solche Momente bei „Kess erziehen“. Es lohne sich, solche Edelsteinmomente gezielt zu pflegen, sagt Christof Horst. „Sie sprechen das Kind in seinen Grundbedürfnissen an und tragen so wesentlich dazu bei, das Miteinander harmonischer und entspannter erleben zu können.“
Ein weiterer wichtiger Faktor für ein gutes Familienklima ist die Vermittlung von Werten in der Familie – und die Vorbildfunktion der Eltern. Indem die Eltern den Kindern ihre Werte vorleben, beeinflussen sie deren Werte und Grundhaltungen maßgeblich. So sieht das auch das Konzept des „anleitenden Erziehungsstils“ des Deutschen Kinderschutzbundes (siehe Kasten). In dem Buch „Starke Kinder brauchen starke Eltern“, das auf dem Konzept basiert, schildert Autorin Paula Honkanen-Schoberth die Erfahrung eines Vaters:

Die Oma feiert am Wochenende ihren runden Geburtstag. Die ganze Verwandtschaft wird da sein. Der 17-jährige Sohn möchte nicht mitkommen. Alles Bitten, Erklären und Beschwören der Familientradition fruchtet nicht. Was tun? Der Vater nimmt seinen Sohn in die Verantwortung und fragt ihn nach einer Lösung. Er macht ihm klar: Den Geburtstag zu ignorieren, kommt nicht infrage. Schließlich macht der Sohn einen Vorschlag: Er könnte die Oma anrufen und fragen, ob er sie nicht eine Woche später besuchen könne. So wird es gemacht. Die Oma ist sogar sehr froh über den Vorschlag. So hat sie mehr Zeit für den Enkel und  kann sich außerdem nach dem Geburtstag auf einen weiteren schönen Besuch freuen. Problem gemeinsam gelöst!

„Wenn unsere Beziehung zu den Kindern gekennzeichnet ist durch Verständnis, Interesse und Fürsorge und in Übereinstimmung steht mit den Werten und Haltungen auf der Vorbildebene, bekommen Kinder Halt und Orientierung“, so Honkanen-Schobarth. Auch wenn es, zum Beispiel während der Pubertät, massive Auseinandersetzungen gebe, gelte es, die Bindung zum Kind zu halten und „die eigenen Wertvorstellungen und die Art der Vermittlung je nach Alter zu überprüfen“.

Die Stärken betonen

Dabei und bei allen anderen Anregungen gilt – und das ist vielleicht der wichtigste Expertentipp: Eltern müssen nicht perfekt sein! „Um ihre Kinder wirksam ermutigen zu können, brauchen Eltern auch Stolz auf die eigenen Stärken und Nachsicht mit den eigenen Schwächen“, weiß Christof Horst. „Denn wie schnell bekämpft man die eigenen Fehler unnachsichtig bei den Kindern.“ Gerade dann, wenn man sich selbst kritisch betrachte, seien ermutigende Botschaften entscheidend, sagt Horst. Das gelte für Kinder ebenso wie für Erwachsene. „Daher ist es wichtig, unsere Aufmerksamkeit ganz bewusst auf unsere Stärken und unsere positiven Eigenschaften zu lenken – und auf das, was uns ermutigt.“ Dazu gehört auch, sich einzugestehen, dass sich Konflikte, Geschrei und Tränen wohl nie ganz vermeiden lassen werden.

Wenn Eltern so sich selbst und ihre Kinder stärken, werden sie auch den Mut aufbringen loszulassen. Dem Kind etwas zuzutrauen. Am Anfang heißt das vielleicht, die Hand des Kleinkinds loszulassen, das alleine die Leiter zur Rutsche hochklettern will. Später kann es bedeuten, zuzulassen, dass der Sohn oder die Tochter ihre eigenen Erfahrungen und Fehler machen – ob beim Referat in der Schule oder bei der ersten Liebe. Starken Eltern wird das gelingen. Sie können darauf vertrauen, dass ihre Kinder starke Menschen sind. Und selbstbewusst und glücklich ihr Leben leben.

Kurse für Eltern

Elternkurse können helfen, individuelle Erziehungsfragen anzusprechen und mit fachlicher Unterstützung nach Lösungen zu suchen. Zwei Angebote und die passenden Buchtipps.

Die Elternkurse „Kess erziehen“ werden bundesweit von unterschiedlichen kirchlichen Trägern angeboten. Entwickelt wurden sie von der Arbeitsgemeinschaft katholische Familienbildung und dem Familienreferat des Erzbischöflichen Seelsorgeamts Freiburg. Weitere Informationen unter www.kess-erziehen.de. Das Buch „Kess erziehen“ von Christof Horst (14,99 €, Kreuz Verlag), das auf dem Kurskonzept basiert, will Eltern helfen, Kinder zu verantwortungsvollen, selbstständigen Menschen zu erziehen.

„Starke Eltern – Starke Kinder®“ sind die Elternkurse des Deutschen Kinderschutzbundes. Weitere Informationen und Termine unter www.starkeeltern-starkekinder.de. Paula Honkanen-Schoberth war an der Ausarbeitung des Kurskonzepts beteiligt. Ihr Buch „Starke Kinder brauchen starke Eltern“ (9,99 €, Herder Verlag) vertieft die Kursinhalte und ermöglicht auch Vätern und Müttern, die keinen Kurs besucht haben, das Konzept kennenzulernen und sich mit ihren persönlichen Erziehungsfragen auseinanderzusetzen.


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