Stark werden

Wie Kinder lernen, auf sich zu vertrauen

Kinder müssen nicht mutig geboren sein, um stark durchs Leben zu gehen. Die Kinder- und Jugendtherapeutin Ingeborg Saval erklärt, wie Selbstvertrauen durch verlässliche Familienbeziehungen, eigene Erfahrungen und kleine Erfolgserlebnisse wachsen kann.

veröffentlicht am 01.07.2026

Frau Saval, was ist in Ihren Augen ein starkes Kind?
Ein starkes Kind ist kein Ergebnis, denn Starkwerden ist ein lebenslanger Prozess. Niemand ist in jeder Lebenssituation sicher. Wer sich jedoch in vielen Momenten als authentisch und wirksam erlebt, wird stärker. Dazu gehört auch, eigene Gefühle und die anderer Menschen einzuordnen und damit umzugehen. 

Wie kann ein Kind das lernen?
Mit Emojis können schon kleine Kinder Gefühle wie traurig, wütend oder fröhlich unterscheiden. Dann kommen komplexere Emotionen, wie Eifersucht oder Enttäuschung dazu. Wichtig ist, dass Kinder ihre Gefühle in einem gesunden Rahmen ausleben dürfen. Eltern können sie bei Wutanfällen begleiten, indem sie auf sie eingehen, ohne sich mitreißen zu lassen. Vielen Kindern hilft es, Spannung körperlich abzubauen - durch Stampfen oder Kissenboxen. Manche ziehen sich auch lieber zurück. Später kann man gemeinsam über die Situation sprechen. So lernen sie, dass Gefühle etwas Normales sind.

Was braucht ein Kind noch, um Stärke entwickeln zu können?
Ein Kind möchte sich aufgehoben und geliebt fühlen, es möchte akzeptiert werden, eigene Erfahrungen machen, durch Versuch und Irrtum lernen dürfen. Kinder brauchen Vorbilder und Werte, an denen sie sich orientieren können.

Was bedeutet das im Alltag?
Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft. In Schulklassen gibt es heute unterschiedliche Herkunftsgeschichten, Religionen, Werte, Sprachen und Erfahrungen. Kinder lernen, offen damit umzugehen. Gleichzeitig sollten sie einordnen können, was in ihrer eigenen Familie normal ist. Dazu braucht es nicht viele Regeln, aber klare. Lautet eine Regel ‚Wir grüßen unsere Nachbarn‘, sollte das immer gelten. Wenn Eltern berechenbar sind, gibt das Halt. Bringen Kinder eine schlechte Note nach Hause, sollten sie einschätzen können, wie ihre Eltern reagieren. 

Das gelingt im Familienalltag sicher nicht immer…
Natürlich sind Eltern nicht jeden Tag gleich drauf. Wenn man im Stress mal anders reagiert als sonst, kann man das später erklären. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern Eltern, die menschlich sind, Fehler machen und das im besten Fall als Lernchance betrachten. Das macht sie zu guten Vorbildern. Wenn etwas schief geht, sollten wir daher nicht einfach sagen „Das hast du falsch gemacht“, sondern „Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?“. 

Wie ermutigt man Kinder, eigene Erfahrungen zu sammeln?
Tatsächlich wollen kleine Kinder gerne alles alleine machen, aber wir gewöhnen es ihnen ab, weil uns das oft zu lange dauert. Bis ins Grundschulalter hinein können sich Kinder nicht beeilen, sie haben noch kein Zeitgefühl. Wenn man sie jedoch ständig antreibt, verlieren sie die Freude daran, etwas auszuprobieren. Dann strecken sie lieber gleich ihren Fuß hin und Mama zieht den Schuh an. Es sollte daher immer wieder Räume geben, in denen sie Dinge selbst entdecken können.

Das Gleiche gilt sicher auch für ältere Kinder…
Ja, bei ihnen geht es oft um soziale Situationen. Mut wächst durch kleine Erfolgserlebnisse – zum Beispiel: alleine Brötchen holen beim Bäcker. Das kann man zu Hause gut vorbereiten und gemeinsam üben. Wichtig ist, dass Kinder spüren: Ich habe es geschafft. Eine schöne Idee ist ein Mutglas. Nach jeder mutigen Aktion wandert ein Glitzerstein hinein. Sind zehn Steine gesammelt, gibt es ein Zeitgeschenk, zum Beispiel Schwimmengehen mit Papa.

Und wenn es mal nicht klappt?
Dann kann man sagen ‚Heute hat es noch nicht geklappt, aber bestimmt beim nächsten Mal.‘ Dabei ist es wichtig, das noch zu betonen. So bleibt der Weg offen, es wieder zu probieren. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten muss sich entwickeln und es ist wichtig, auch mit Rückschlägen umzugehen. Wir Eltern fokussieren uns leicht auf das Negative, weil wir uns Sorgen machen. Deshalb ist es gut, Gespräche in der Familie auch auf Schönes zu lenken und kleine Alltagsmomente zu würdigen. 

Gerade in der heutigen Zeit fällt das nicht immer leicht...
Ja, die Stimmung in der Gesellschaft ist eher negativ und es gibt durchaus verständliche Zukunftsängste. Wir können und sollen nicht alles von ihnen fernhalten. Wir müssen aber auch nicht jedes Erwachsenenproblem bis ins Detail mit ihnen besprechen. Ein Eltern-Kind-Verhältnis auf Augenhöhe ist gut und Kinder sollen wissen, dass ihre Meinung zählt. Aber gleichzeitig brauchen sie von uns Orientierung und Schutz – in der realen Welt genauso, wie in der digitalen.

Kinder bewegen sich in beiden Welten und müssen sich sowohl auf dem Schulhof als auch in der WhatsApp-Gruppe behaupten. Was macht sie im Umgang mit Gleichaltrigen stark?
Es hilft, wenn sie schon früh lernen, mit unterschiedlichen Menschen im Familien- und Freundeskreis umzugehen. Später sind sie allein mit Gleichaltrigen zusammen. Dann ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben und ein offenes Ohr zu haben. Man kann Zuhause üben, wie man zum Beispiel auf Hänseleien reagiert, mit bestimmten Sätzen und einer selbstbewussten Körperhaltung. Fühlt sich ein Kind nicht wohl in der Schule, können außerschulische Freundschaften und Hobbys das Selbstwertgefühl stärken.

Was hilft, wenn ein Kind sich sozial schwer tut?
Im Kindergartenalter kann man typische Situationen mit Kuscheltieren nachspielen und gemeinsam mit dem Kind Ideen entwickeln. Für ältere gibt es gute Filme und Bücher. Fühlt sich ein Kind in Gruppen unwohl, kann man Einzelkontakte fördern. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es ein angeborenes Temperament gibt. Manche kommen in eine Gruppe und übernehmen gleich das Kommando. Andere sind eher zurückhaltend und mit ein oder zwei Freunden glücklich.  

Was ist noch wichtig, damit Kinder Stärke entwickeln?
Kinder sollten spielen, spielen, spielen! Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Rollenspiele, Konstruktionsspiele, Bewegungsspiele – vor allem aber auch freies Spiel ohne Anleitung und fertiges Material. Am besten draußen in der Natur. Es darf auch erstmal langweilig sein, denn so wächst Kreativität. Im Leben brauchen wir kreative Ideen, um uns flexibel auf neue Situationen einzustellen, mit Krisen und Überforderung umzugehen. So werden wir stark für die Zukunft.

Porträt Frau mit Brille und blonden, aufgesteckten Haaren

Ingeborg Saval ist Kinder- und Jugendtherapeutin und Autorin des Buches „Starke Kinder“ (Thieme Verlag). Nach ihrem Einstieg als Grund- und Integrationslehrerin arbeitete sie viele Jahre mit Kindern und Familien an Wiener Schulen. Heute ist sie in freier Praxis in Wien tätig. In ihre Arbeit fließen auch persönliche Erfahrungen mit ihren Kindern und Enkelkindern ein.

Medientipps 

  • „Starke Kinder – Strategien für selbstbewusste und ausgeglichene Kinder“
    von Ingeborg Saval (Trias Verlag): 23 Kraftsets, viele Fallbeispiele und kreative Ideen machen dieses Buch zu einer praktischen Schatzkiste für Familien mit Kindern im Grundschulalter. Die Kinder- und Jugendtherapeutin Ingeborg Saval zeigt, wie Kinder Ängsten, Unsicherheiten, Schulstress, Trauer oder Konflikten begegnen können. Sie setzt auf Geschichten, Fantasiereisen, Entspannungsübungen und spielerische Rituale, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen. Ein alltagsnaher Ratgeber für Eltern und andere Bezugspersonen, die Kinder dabei unterstützen möchten, Vertrauen in die eigenen Stärken zu entwickeln.
  • „Alles steht Kopf“
    Teil 1 ab 6 Jahren, Teil 2 ab 9 Jahren (Pixar, Streaming u.a. Disney+, YouTube): Wer mit Kindern über Gefühle reden will, findet in den beiden „Alles steht Kopf“-Filmen einen sehr guten Einstieg. Sie zeigen anschaulich: Stark sein heißt nicht, ohne Angst, Trauer oder Unsicherheit zu leben, sondern mit diesen Gefühlen umgehen zu lernen.
  • „Vielleicht – Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in jedem von uns“
    von Kobi Yamada, Illustrationen von Gabriella Barouch, ab 3 Jahren (Adrian & wimmelbuchverlag): Ein Bilderbuch, dass den Blick auf Möglichkeiten richtet und Kindern zutraut, ihren eigenen Platz in der Welt zu finden. Mit eindrucksvollen Zeichnungen hilft es, die eigenen Stärken zu entdecken und an sich selbst zu glauben.
  • „Geniale Fehler: Von glücklichen Unfällen und großartigen Missgeschicken“
    von Soledad Romero Mariño, Illustrationen von Montse Galbany, ab 6 Jahren (Knesebeck Verlag): 19 bahnbrechende Entdeckungen, die erst durch Zufälle, Irrtümer und vermeintliche Fehler möglich wurden. Ein Buch das Mut macht, einfach mal auszuprobieren.
  • „Knietzsche, der kleinste Philosoph der Welt"
    planet schule, empfohlen ab 5 Jahren (ARD Mediathek): In diesem lustigen und liebevollen Zeichentrick-Clip erklärt Knietzsche, der kleinste Philosoph der Welt, wie Selbstbewusstsein entsteht, wie es stark macht und wie wir mehr davon bekommen.  

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