Kinder stark machen

„Ich wollte nie ein bequemes Kind“ – eine Mutter erzählt

Frieda, Marie und Paul wissen ziemlich genau, was sie wollen und was nicht – und sie trauen sich, für sich einzustehen. Genau das ist Mama Isabel auch wichtig. Hier erzählt sie, wie sie ihren Kindern hilft, stark und eigenständig zu sein.

veröffentlicht am 01.07.2026

Ein Backsteinhaus mit Garten am Rande einer Großstadt. Hier lebt Isabel mit ihrem Mann, drei Kindern und Hündin Amber. Ihre Töchter Frieda* und Marie sind 12 und 14, Sohn Paul ist 10 Jahre alt. Eine aktive und quirlige Familie – jedes Mitglied eine starke Persönlichkeit, gemeinsam sind sie ein gutes Team. 

Die Kinder bewegen sich sehr selbstständig in ihrer Alltagswelt. Sie äußern Bedürfnisse, stehen zu ihrer Meinung und übernehmen Verantwortung. Die Älteste engagiert sich seit Jahren in der Schülervertretung und organisiert große Veranstaltungen. Ihre jüngere Schwester ist ein echter Gruppenmensch, sehr ehrgeizig mit vielseitigen Interessen. Paul ist sportlich, voller Energie und Tatendrang – auf dem Fußballplatz genauso wie zu Hause.

Alle drei wissen ziemlich genau, was sie können und was nicht. Und sie trauen sich, für das einzustehen, was ihnen wichtig ist. „Ich wollte nie ein bequemes Kind“, sagt ihre Mutter Isabel. „Mir war immer wichtig, dass sie alle stark und eigenständig im Leben stehen. Wir werden sie ja nicht für immer begleiten, deshalb sollen sie gut auf die Welt vorbereitet sein.“ 

In der Familie wird viel gesprochen 

Schon früh unterstützt Isabel ihre Kinder dabei, selbstständig zu werden, lässt sie viele Dinge alleine ausprobieren. „Da ich nach meiner Elternzeit beurlaubt war, musste ich nicht um acht im Klassenzimmer stehen. So konnten wir morgens gemütlich in den Tag starten“, sagt die Lehrerin. Es ist damals kein Problem, wenn es mal länger dauert, weil sich die Kinder alleine die Schuhe anziehen oder alleine essen wollen.  

Isabel nimmt wahr, wo ihre Stärken liegen, und fördert sie bewusst. „Marie wollte früh allein aufs Töpfchen. Ich habe sie machen lassen und sie brauchte schon bald keine Windel mehr.“ Frieda bekommt bereits im Kindergartenalter den Haustürschlüssel, weil sie ihn zuverlässig wieder an seinen Platz legt. Paul sucht schon als kleines Kind seine Kleidung aus und stellt sie für den Tag zusammen. Taschen und Koffer packen alle drei selbst, noch bevor sie in die Schule kommen.

In der Familie wird viel gesprochen. Die Kinder sollen sich klar ausdrücken können, um Missverständnisse im Kindergarten zu vermeiden. Im Restaurant setzt ihre Mutter kleine Anreize: Ich bestelle euch ein Wasser. Wenn ihr etwas anderes wollt, müsst ihr das selbst machen. In der Eisdiele hebt sie auch den Jüngsten hoch, damit er wählen kann. „Ich glaube, ich habe noch nie ein Eis für meine Kinder bestellt“, sagt sie schmunzelnd. Mit Apfelschorle oder Lieblingseis in der Hand, spüren die Kinder, dass sie etwas bewirken können.  

Den Blick auf das Positive lenken und nicht auf die Fehler 

Isabel macht sie auf die kleinen Erfolge aufmerksam, lenkt ihren eigenen Blick bewusst auf das Positive. „Ich lobe viel mehr, als ich kritisiere, und reite nicht gerne auf Fehlern herum.“ Läuft etwas schief, versucht sie, das nicht zu verallgemeinern. „Ich sage lieber ‚das war heute nicht so gut, und beim nächsten Mal wird es besser‘ als ‚Du bist immer so ungeschickt‘“. So vermeidet sie, ihnen einen Stempel aufzudrücken.

Marie, Frieda und Paul wissen, dass sie mal daneben liegen können, ohne dass es sie als Menschen ausmacht. Und auch, dass sie zu Hause dazu stehen können. „Ich bin froh, dass sie das Vertrauen haben zu sagen, wenn sie was angestellt haben. Und hoffe, dass sie auch stark genug sind, es in der Schule oder anderswo einzugestehen.“ Nicht immer kann man mutig, klar, gelassen und topfit sein. Mit Schwächen zu leben, ist ein wichtiger Teil des Starkwerdens. 

„Mir ist wichtig, dass sie Herausforderungen als Momentaufnahmen betrachten und negative Erfahrungen hinter sich lassen können“, sagt Isabel. Das gilt auch für Konflikte innerhalb der Familie oder im Freundeskreis. Alle drei haben gelernt, Streit zu klären, Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen. „Wird es ungemütlich, dann raschelt es eben mal im Blattwerk, aber Stamm und Wurzeln bleiben stabil.“ 

In einer Kampfkunst lernen die Kinder, sich zu behaupten 

Lange haben die Kinder Wing Tsun-Kurse belegt. In der chinesischen Kampfkunst geht es um Selbstbewusstsein, respektvollen Umgang, Selbstbehauptung und Verteidigungsstrategien. Man lernt, Gefahren zu erkennen und in brenzligen Situationen sicher aufzutreten. „Wing Tsun sorgt für eine aufrechte Haltung – innerlich, aber auch nach außen.“ Das ist hilfreich, wenn Kinder selbstständiger werden und ihren Radius erweitern.

Alle drei besuchen weiterführende Schulen, die beiden Mädchen in der Nachbarstadt und Paul in der Innenstadt. Marie ist viel mit Bus und Bahn unterwegs, kommt mit Fahrplänen und Umsteigen super klar. Frieda radelt in die Nachbarstadt, um Freunde im Schwimmbad zu treffen. Isabel gönnt ihren Kindern Freiheit, stimmt jedoch Zeiten ab oder bittet um kurze Nachrichten. „Meine Grenze ist erreicht, wenn sie im Dunklen alleine unterwegs sind. Dann hole ich sie lieber ab.“

Vor Kurzem war Marie zum ersten Mal bis halb zwei auf einer privaten Party bei einer Freundin. „Sie hat mir vorher erzählt, wer da ist – und auch ehrlich gesagt, welche Leute mir dort wohl eher nicht gefallen würden. Aber sie hat auch klar gemacht, dass sie hingehen möchte und sich an unsere Absprachen halten wird.“ Die Kinder wissen: Mama hat klare Regeln, aber lässt in einem gewissen Rahmen auch mit sich handeln. „Ich bin großzügiger, wenn sie mich einbeziehen und gute Argumente bringen. Schließlich müssen sie später auch über ihr Gehalt verhandeln.“

Auf das Bauchgefühl hören – beim Outfit und bei größeren Entscheidungen 

Gerne spielen die Kinder zu Hause Situationen oder Begegnungen durch, die etwas Mut erfordern. Zum Beispiel, wenn eines mit seinem Sitzplatz in der Klasse oder seiner Rolle in einer Gruppenarbeit unzufrieden ist und den Lehrer darauf ansprechen will. „Wir reden in Ruhe darüber und überlegen, ob ihr Anliegen fair gegenüber den anderen ist und wie sie ihren Wunsch äußern können.“ Manchmal setzen sie es danach erfolgreich um. Manchmal wird auch klar, dass sie sich mit der Situation arrangieren müssen.

Marie, Frieda und Paul haben gelernt, auf ihr Bauchgefühl zu hören – bei größeren Entscheidungen genauso wie bei Outfit-Fragen. „Ich finde es stark, authentisch sein zu können und sich nicht aus Angst vor Bewertung zu verstellen.“ Folgen fünf Menschen ihrem Bauchgefühl, ist das nicht immer einfach. In der Familie wird viel diskutiert und oft kommt Isabel auch mit sich selbst in Konflikt. Einerseits will sie ein „Nein“ ihrer Kinder ernstnehmen. Gleichzeitig kann es aber auch schöne Dinge blockieren. 

Zum Beispiel, wenn sie etwas mit allen unternehmen will. „Oft habe ich Ideen für einen Ausflug, die von vornherein abgelehnt werden. Dann denke ich mir: Lasst euch doch erst einmal darauf ein, meckern könnt ihr danach immer noch.“ Auch die ein oder andere Familienfreundschaft steht aus diesem Grund auf dem Prüfstand. „Wenn wir uns als Familie mit anderen treffen, muss es für alle irgendwie passen. Wenn das nicht der Fall ist, dann kann so ein Kontakt auch verloren gehen.“

Zum Starkwerden gehört auch die Fähigkeit loszulassen

Zum Starkwerden gehört auch die Fähigkeit loszulassen oder auszuhalten, dass es gerade keine Lösung gibt. Das gilt für Eltern und Kinder gleichermaßen. Rückschritte, Umwege und Null-Bock-Phasen gehören zum Leben dazu. „Ich finde, solange man ein Ziel vor Augen hat, darf man auch ruhig mal dahineiern“, schmunzelt Isabel. Kinder werden nicht von heute auf morgen stark. Doch Zeit, Geduld und Menschen, die an sie glauben, sind wichtige Ressourcen, damit sie sich entwickeln und ihren eigenen Weg finden. 

* Namen der Kinder auf Wunsch der Familie von der Redaktion geändert


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