Verantwortung übernehmen

Forscher Schellnhuber ruft zum Einsatz für Klimaschutz auf

Ein Gespräch über die Folgen des Klimawandels, die größten Probleme und positive Überraschungen mit Hans Joachim Schellnhuber, einem der weltweit renommiertesten Klimaforscher.
  • Christine Wendel

veröffentlicht am 01.03.2019

Der Meeresspiegel steigt, ebenso die Durchschnittstemperatur. Seit Jahren arbeiten Sie daran, Aufmerksamkeit für den Klimaschutz zu erhalten. Ist es nun zu spät?
Es ist sehr spät – aber faktisch noch nicht zu spät. Dennoch, wenn wir nicht sehr schnell die Kurve der Treibhausgase nach unten bringen, dann könnten wir die Kontrolle verlieren über das Klimasystem. Dann können wir die Klimaveränderungen womöglich nicht mehr einfangen. Entscheidend sind die nächsten zwei bis drei Jahrzehnte. Früher wäre eine Kehrtwende sehr viel leichter gegangen. Heute müssen wir eine enorme Kraftanstrengung in kurzer Zeit vollbringen. Aber es gibt ja manchmal auch positive Überraschungen im Leben.

Was wird passieren, wenn wir die Kurve nicht kriegen?
Wir haben in den letzten Jahren dramatische neue Einsichten in die Klimadynamik gewonnen. Ein sogenannter Rückkopplungsprozess könnte einsetzen, wo die menschengemachte Störung von der Natur selbst verstärkt wird. Möglicherweise selbst dann, wenn wir das internationale Klimaziel von „nur“ zwei Grad Erderwärmung umzusetzen versuchen. Denn im planetarischen Getriebe gibt es Kippelemente, die sich wie eine Reihe von Dominosteinen verhalten könnten. Kaskaden von Kippvorgängen könnten das gesamte Erdsystem in eine neue Betriebsweise zwingen – etwa, wenn die arktischen Eisflächen auf dem Meer schmelzen und so weniger Sonnenstrahlung reflektiert werden kann oder wenn die Permafrostböden auftauen und starke Treibhausgase freisetzen.

Wir können nicht genau sagen, wohin die Reise gehen wird. Ob wir die Erde vielleicht gerade in einen Zustand wie vor 15 Millionen Jahren zurückversetzen, wenn wir weiter ungebremst CO2 ausstoßen. Damals waren ähnliche Mengen Kohlendioxid in unserer Atmosphäre und unser Planet um bis zu sechs Grad wärmer; der Meeresspiegel lag bis zu 60 Meter höher. Dieser Rückfall würde zwar vielleicht 1000 Jahre dauern, doch das wäre immer noch 100-mal schneller als solche Veränderungen natürlicherweise in der Erdgeschichte abgelaufen sind.

Unsere Zivilisation ist in einer außerordentlich stabilen Klimaphase entstanden, die vor etwa 11.000 Jahren einsetzte. Diese Stabilität setzen wir jetzt verantwortungslos aufs Spiel. Das ist für mich sehr quälend. Die Wissenschaft zeigt klar, dass wir sofort ambitionierte Maßnahmen für den Klimaschutz ergreifen müssen. Aber die Entscheidungsträger machen weiter wie bisher, weil sie angeblich populistische Bewegungen fürchten. Vielleicht wollen sie aber auch nur den etablierten Interessen dienen.

Was bedeuten die Auswirkungen des Klimawandels konkret an Beispielen aufgezeigt? Was sind die größten Probleme?
Langfristig ist der Anstieg des Meeresspiegels das größte Problem, etwa für Städte wie Venedig. Erschreckend sind auch die Waldbrände nach anhaltender Hitze und Trockenheit – wie etwa 2018 in Kalifornien. Die Brände kommen quasi aus dem Nichts, breiten sich mit 80 Stundenkilometern aus. Eine ganze Stadt wird völlig im Schlaf überrascht. Mit den zunehmenden Extremereignissen wie Dürren und Überflutungen wird aber auch die Nahrungsversorgung der Menschheit gefährdet.

Sie haben vorhin von „positiven Überraschungen“ gesprochen. Ist also alles vielleicht doch gar nicht so finster?
Es gibt ein paar hell leuchtende Funken. Das Thema Klimaschutz ist wieder präsenter geworden, nicht zuletzt durch den heißen Sommer 2018. Und es gibt viele Mut machende Projekte von jungen Menschen. Etwa die Divestitionsbewegung, wo sich Studenten durch Proteste und Aktionen weltweit dafür einsetzen, dass Universitäten auf Kapitalanlagen in fossilen Geschäften verzichten. Oder auch die #FridaysforFuture-Demonstrationen, bei denen Schülerinnen und Schüler für echten Klimaschutz ihre Schulen bestreiken. Es gibt immer mehr junge Menschen, die sagen: „Ich will mir meine Zukunft nicht stehlen lassen.“ Ich selbst bin 68 Jahre alt. Mich werden die negativen Auswirkungen des Klimawandels nicht mehr intensiv betreffen. Aber unser heutiges Handeln ist eine fatale Bedrohung für die künftigen Generationen.

Es gibt auch technisch viele Projekte, die für Veränderung sorgen können. Etwa im Energiesektor. Was bisher fehlt, ist die Zusammenführung aller Möglichkeiten. Und eine ermutigende Vision der Zukunft, ein Narrativ. Dieses muss nicht unmittelbar auf Verzicht setzen, sondern ein gutes Leben mit vernünftigem Ressourceneinsatz skizzieren. Die Industrielle Revolution hatte ein starkes, ja aggressives Narrativ. Doch heute wissen wir, dass selbst die rücksichtsloseste Plünderung der Natur nicht alle Menschen reich und schon gar nicht glücklich machen kann. Der Klimawandel ist der krasseste Ausdruck des Scheiterns dieses Projekts.

Sie haben bei der Umweltenzyklika „Laudato Si“ Papst Franziskus beraten. Inwieweit ist für Sie diese Enzyklika solch eine Vision, ein Narrativ?  
Der Papst stellt die Werte Barmherzigkeit, Respekt und Achtsamkeit für alle Mitmenschen und Kreaturen heraus. Diese Werte können einen Weg weisen, der zu einem fundamentalen Wandel führt. Denn die Selbstbeschränkung, die er vorschlägt, nimmt mir zwar etwas, aber gibt mir dafür etwas anderes, sogar mehr. Freude, ja Gewinn durch Verzicht, das verspricht die Umwelt-Enzyklika. Es ist ermutigend, dass eine konservative Institution wie die katholische Kirche hier voranschreitet. Das ist ein großes Hoffnungszeichen.

In unserer Reportage stellen wir einen jungen Mann vor, der einen Unverpacktladen betreibt. Was denken Sie darüber?
Ich halte dies für eine sehr gute Sache. Auch wir diskutieren in der Familie, wie man Verpackung sparen kann. Ich gehe gerne in Bioläden einkaufen. Aber selbst dort gibt es oft eine Flut an Verpackungsmaterialien. Unverpacktläden sind richtig und wichtig und sie sollten sich weiter ausbreiten. Diese Läden allein werden vielleicht nicht die Meere retten können. Aber sie setzen ein Zeichen. Und sie ermächtigen die Betreiber wie die Käufer: „Ich verzweifele nicht, sondern ich leiste einen Beitrag.“

In der Geschichte gibt es einige Personen, die die Welt verändert haben, und zwar als Initiatoren einer Bewegung, die viel größer war als sie selbst. So etwa Mahatma Gandhi oder Nelson Mandela. Der Einzelne kann als der Teil der Gemeinschaft sehr viel bewirken, weil auch ein Ozean aus einzelnen Tropfen besteht. Und einer wird irgendwann die höchste Welle sein im Meer, welche die Mauer überwindet. Das hört sich vielleicht wie eine Sonntagspredigt an. Aber ich forsche seit vier Jahrzehnten zu komplexen Systemen. Und manchmal entsteht eben aus dem Zusammenspiel unzähliger einfacher Komponenten etwas gänzlich Neues. Die Lehre daraus wäre, dass jede und jeder Einzelne die Entscheidung sein kann. Also, weitermachen, nicht resignieren!

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?
Ich würde mir wünschen, dass die jungen Menschen sich ihr eigenes Bild machen von der Situation. Und, dass sie uns Ältere nicht aus der Verantwortung flüchten lassen. Wir Älteren müssen zur Verantwortung gezwungen werden. Und das über alle Landesgrenzen hinweg.

Porträt Hans Joachim Schellnhuber

Hans Joachim Schellnhuber (68) zählt zu den weltweit renommiertesten Klimaexperten. Der promovierte Physiker ist unter anderem Mitglied der US National Academy of Sciences und der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Er fungiert bzw. fungierte als wissenschaftlicher Berater für führende Politiker und Religionsvertreter, darunter EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Papst Franziskus, bei dessen Enzyklika „Laudato Si“ er beratend tätig war. Als Gründungsdirektor leitete er von 1991 bis 2018 das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Als einer der Ersten forderte Schellnhuber nachhaltige Lösungen des Klimaproblems und prägte die internationale politische Diskussion hierzu entscheidend. Er ist verheiratet und hat einen zehnjährigen Sohn.


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