Nachhaltigkeit

Künstlerin schneidert aus alten Kleidern bleibende Erinnerungen

Die österreichische Modemacherin Lisa Prantner betreibt in Berlin eine Änderungsschneiderei der besonderen Art. Die Umgestaltung alter Kleidungsstücke hilft den Kunden, Erinnerungen wachzuhalten und Trauer zu bewältigen.
  • Clemens Tangerding

veröffentlicht am 02.01.2018

Lisa Prantners rotes Haar fällt bis zu ihren Gesäßtaschen hinab. Die schlanke Frau steht an einem Tisch und blickt mit einer Mitarbeiterin auf zwei kurze Hosen in exakt derselben Farbe und demselben Schnitt. Nur ist die eine der beiden Herrenhosen zerrissen, die andere neu. „Das ist eine ganz interessante Geschichte“, erklärt die gebürtige Klagenfurterin. Automatisch wird ihre Stimme etwas lauter, wenn die Nähmaschine neben ihr anfängt zu surren. „Die kaputte Hose hat eine ältere Dame zu uns gebracht. Ihr Mann trug sie an ihrem ersten gemeinsamen Abend. Sie hat uns beauftragt, eine identische Hose zu nähen, die ihr Mann heute wieder tragen kann.“

Aus einem Mantel wird ein Kissen

Die 61-Jährige steht aufrecht wie eine große, schlanke Säule in der vollgepackten kleinen Nähstube, die man sich kaum ohne all die alten Kaffeebecher, Stoffreste und Kleiderbügel vorstellen kann. Die sechs Frauen, die vorne an der Ladentheke mit Kunden sprechen, Stoffe und Fäden aussuchen und die Nähmaschinen bedienen, machen aus gebrauchten Kleidungsstücken neue. So fertigen sie aus Wünschen Wirklichkeit, wie dem der älteren Dame, deren Ehemann nun ihr zuliebe wieder seine pastellrote kurze Hose aus Jugendtagen tragen wird. Die Modemacherin setzt sich eine schwarze, dickrandige Brille auf und blickt auf einen neuen Kissenbezug, den eine Schneiderin zusammen mit einem alten grauen Mantel aus einer schwarzen Tüte zieht. „Eine Kundin brachte einen Wehrmachts-Wintermantel ihres Vaters vorbei, der mit Pelz gefüttert war. Sie wollte den Mantel behalten, aber etwas Neues daraus machen.“ Aus dem Mantel, den der Vater während des Russlandfeldzuges trug, entstand ein Kissen.

Bei Aufträgen wie diesem ist nicht nur Gestaltungswille und Ideenreichtum vonnöten, erklärt Lisa Prantner. „Gerade, wenn es sich um Kleidungsstücke von verstorbenen Familienmitgliedern handelt, müssen wir sehr sensibel sein. Die Kleidungsstücke dienen oft dazu, Trauer zu bewältigen. Also dürfen wir sie auf keinen Fall verhauen.“ Die Gespräche mit den Auftraggebern nehmen daher viel Zeit in Anspruch. Jeder auch noch so kleine Schritt muss abgestimmt werden. „Wir leisten hier Erinnerungsarbeit“, sagt Prantner. Wie stark Kleidung auf Menschen wirken kann, hat ihr, die sich mit nichts anderem als Mode beschäftigt, eine weitere Kundin nahegebracht. Eines Tages wurde Prantner im Laden von einer Frau mit dem Satz angesprochen: „Sie haben mir das Leben gerettet, erinnern Sie sich an mich?“ Die Inhaberin des Ladens erinnerte sich nicht und ließ sich aufklären. Diese Frau hatte vor Jahren einen schweren Autounfall gehabt. Sie musste von Rettungskräften mühsam aus dem zerstörten Autowrack gerettet werden. Um die Verletzte behandeln zu können, mussten die Ersthelfer auch den Mantel, den sie an diesem Tag trug, zerschneiden. Sie litt später unter dem Trauma, das der Unfall in ihr ausgelöst hatte. Um es zu überwinden, ließ sie den völlig wertlosen Mantel in der Änderungswerkstatt zu einem neuen Kleidungsstück umgestalten. Dadurch habe diese Kundin gespürt, dass ihr Leben weitergehe, erklärt die Modeschöpferin. 

Kein Name, sondern ein Bekenntnis

Die Wahlberlinerin und ihr Team mussten nach der Eröffnung des Ladens 2011 lernen, sich auf die vielen Absprachen mit den Kunden einzulassen. Denn aus ökonomischer Sicht ist es wichtig, dass Aufträge zügig abgearbeitet werden. Für die Trauer- und Erinnerungsarbeit, die in der Veränderung der Kleidungsstücke steckt, sind dagegen Zeit und Geduld die wichtigsten Voraussetzungen. Beide Ziele in Einklang zu bringen, ist eine andauernde Herausforderung. „Wenn zum Beispiel drei alte Röcke zu einem Sakko umgearbeitet werden sollen, dann kostet das mit all den Gesprächen und Anproben schnell 200 Euro.“ Aus wirtschaftlicher Sicht ist es daher vorteilhaft, dass etwa zwei Drittel der Aufträge aus gängigen Änderungen wie Erweiterungen oder Kürzungen bestehen, die jeweils eine halbe bis zwei Stunden Zeit in Anspruch nehmen.

Trotzdem trägt sich die Schneiderei noch nicht selbst. Lisa Prantner hat daher in diesem Jahr einen Verein gegründet, dessen Mitgliedsbeiträge eine stabile Säule bilden sollen. Sie bemüht sich um Förderungen und bewirbt sich um dotierte Preise. Der „Green Buddy Award“, den der Kleinbetrieb unlängst gewann, spült immerhin 3.000 Euro in die Kasse. Vor allem aber unterstützt Prantner selbst ihre Kleiderwerkstatt finanziell. Einen Teil der Erträge, den ihre eigene Modemarke „Lisa D“ abwirft, steckt sie in den kleinen Laden mit der großen Idee dahinter.  Lisa Prantner, die einstige verbeamtete Lehrerin für Kunst und Mathematik, hat sich für ihre Schneiderei keinen Namen, sondern ein Bekenntnis ausgedacht. Es hängt in roter Schreibschrift am Eingang des Ladenlokals: „Bis es mir vom Leibe fällt“. So sehr auch die Idee der Veränderungswerkstatt in das umweltbewusste Schöneberg gehört, so fremdartig wirkt der dramatische Ausspruch in dieser kinderweichen Nachbarschaft. „Bis es mir vom Leibe fällt“ entstand nicht aus dem Wunsch heraus, mithilfe von Kleidung Erinnerungsarbeit zu leisten, Trauer zu bewältigen oder individuelle Kleiderwünsche für besondere Anlässe zu erfüllen. Prantner schreit mit diesem Satz gegen die Textilindustrie an, die aus ihrer Sicht nur auf Profit aus ist und sich weder um die Arbeitsbedingungen noch um die Umwelt schert: „Wir müssen uns vor Augen führen, dass 60 Prozent aller produzierten Kleidung niemals von irgendjemandem getragen werden. Diese Ressourcenverschwendung ist der Wahnsinn.“ Lisa, die eigentlich Elisabeth heißt, ist nicht nur Modeschöpferin, sie ist auch Modeaktivistin.

Ihre Arbeit soll etwas bewirken

Um den Laden zu gründen, musste Prantner zunächst ihre eigene Frustration überwinden, dass ihr jahrelanger Aktivismus letztlich nichts bewirkt hatte. In Modeperformances hatte sie bei der Billigmarke H&M 1.500 Babykleider gekauft und daraus 70 Abendkleider schneidern lassen. „Wir haben aus Billigdreck teure Sachen gemacht“, erinnert sich Prantner, deren Wortwahl bei diesem Thema deutlich an Schärfe zunimmt. Nach der Vorstellung der Roben ließ sie die Kleider wieder verändern und machte erneut Babykleider aus ihnen, die nun allerdings anders aussahen und die Spuren der Veränderung in sich trugen. Diese Stücke versuchten sie, bei H&M wieder in die Auslage zurückzuschmuggeln. Die Kunden des Modediscounters könnten, so die Idee, anhand der fremden Schnitte und Nähte auf den niedlichen Babykleidern zum Nachdenken, vielleicht sogar zum Umdenken angeregt werden. Doch dieses wie die vielen, vielen anderen Projekte Prantners entfaltete allenfalls in den Medien Wirkung, nicht aber bei den Kunden. „Irgendwann wurde mir bewusst: Ich bewirke damit gar nichts. Die Entwicklung wird sogar immer ärger“, gesteht Prantner. Diese Einsicht kam ihr, als sie mit ihrem Mann Wilfried vor knapp zehn Jahren auf dem Balkon ihrer gemeinsamen Wohnung saß. Die beiden sind seit nahezu 40 Jahren ein Paar. Elisabeth beschloss an diesem Abend, Schluss zu machen mit den Performances und etwas Neues anzufangen. Was das sein sollte, wusste sie noch nicht genau. Die Idee zum Laden kam ihr später in einer Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt, bei der Modedesign-Absolventen ihre Arbeiten vorstellten. Vor Prantner hing ein abgetragener Pullover, bei dem eine Studierende ein großes Loch ideenreich wieder zugenäht hatte. Die Professorin erklärte Prantner, dass das Problem darin bestehe, dass die Studierenden sehr viele gute Ideen, aber wenig Beharrungsvermögen mitbrächten und auf diese Weise ein Kurzzeitprojekt an das nächste reihen würden. „Aber ich kann das“, dachte sich Prantner in diesem Moment. Wie die Studentin das Loch im Pullover kunstvoll zugenäht hatte, so konnte Prantner nun das Loch, in das sie durch den Wegfall der Performances zu fallen drohte, mit etwas Neuem füllen.

Die Idee zu „Bis es mir vom Leibe fällt“ war geboren. Es hat sich vieles geändert, seit sich der Aktionsrahmen ihrer Aktivität von den Bühnen und Laufstegen Europas auf ein kleines Schöneberger Ladenlokal reduziert hat. Aus der Masse an Zuschauern wurden einzelne Menschen. Aus Zustimmung wurde Betroffenheit. Aus Applaus Dankbarkeit. Aus Kritik Hilfe. Aus der Nähe erkennt man, dass Lisa Prantners Sakko im früheren Leben eine Anzughose gewesen sein muss. Ihr rotes Haar fällt immer noch über ihre Gesäßtaschen. Allerdings sitzen die nicht da, wo sie hingehören, sondern an ihren Oberarmen. Gefragt danach, ob ihre Veränderungswerkstatt als Vorbild auch für andere Schneidereien, auch für andere Branchen dienen kann, weiß sie zum ersten Mal nichts mehr zu sagen und tastet sich, laut denkend, an eine Antwort heran: Ohne die Querfinanzierung aus den Erträgen von „Lisa D“ sei der Laden nicht liquide. Nur die Hilfe ihres Mannes, vieler Freunde und Bekannter würde die Werkstatt am Leben halten. Auch die Mitarbeiterinnen unterstützen ihre Arbeitgeberin, indem sie nicht jede Stunde aufschreiben. „Ökonomisch gesehen sind wir auf keinen Fall ein Vorbild“, gesteht sie schließlich. „Aber ich bin einfach überzeugt, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.“   

Lisa Prantners Veränderungsatelier

Elisabeth Prantner wurde 1956 in Klagenfurt geboren. Nach dem Studium der Kunst und Mathematik arbeitete sie zunächst kurzzeitig als Lehrerin. Nachdem sie den Schuldienst quittiert hatte, lernte sie unter anderem in den Vereinigten Staaten die Welt der Mode und der Kunst kennen. Ein Studium absolvierte sie in diesem Bereich jedoch nicht. Nach ihrer Rückkehr gründete sie ihre eigene Modemarke „Lisa D“. Gleichzeitig begann sie, Kunstperformances mit Bezug zur Rolle der Frau in der Gesellschaft und zu den Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu konzipieren und durchzuführen. 2011 gründete sie die Veränderungswerkstatt „Bis es mir vom Leibe fällt“, seit Juni 2017 unterstützt der gleichnamige Verein die Schneiderei finanziell. In dem Veränderungsatelier arbeiten neben Lisa Prantner vier festangestellte und zwei freiberufliche Schneiderinnen, die allesamt auch ausgebildete Designerinnen sind.

Seit der Gründung von „Bis es mir vom Leibe fällt“ vor sechs Jahren haben mehr als 6.000 Kunden die Dienste der Veränderungswerkstatt in Anspruch genommen. Der Fokus der Arbeit liegt auf der Veränderung gebrauchter Kleidungsstücke. Daneben verkauft das Team auch selbst entworfene Kleidungsstücke aus Stoffresten. Seit Kurzem bieten die Mitarbeiterinnen auch Schneiderkurse in Schulen an, in denen den Schülern nicht nur die Freude am Gestalten eigener Kleider vermittelt wird, sondern in denen sie zu einem ressourcenschonenden Umgang mit den eigenen Kleidungsstücken angeregt werden. „Bis es mir vom Leibe fällt“ hat bereits eine ganze Reihe von Preisen erhalten. 2012 nahm Lisa Prantner vom damaligen Bundesumweltminister Peter Altmaier den Ecodesign-Preis entgegen.


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