Schwieriges Thema

Mit den Eltern über das Alter sprechen

Wie ein Gespräch zwischen Eltern und Kindern gelingen kann und welche Fragen auf jeden Fall frühzeitig geklärt werden sollten. Ein Interview mit Neuropsychologin Katja Werheid.

veröffentlicht am 02.07.2019

In der Theorie halten es Eltern und Kinder für wichtig, frühzeitig über das Leben im Alter zu sprechen und es zu planen. Praktisch passiert das oft nicht, sodass im Notfall schnell entschieden und gehandelt werden muss. Woran liegt das?
Mit Veränderungen im Leben ist die Gefahr einer Verschlechterung verbunden. Schon allein das Reden darüber weckt Ängste! Daher vermeiden beide Seiten das Thema. Häufig befürchten Kinder auch, ihre Eltern zu verletzen und den Eindruck zu vermitteln, dass sie sie nicht mehr für voll nehmen. Dabei ist das Gegenteil der Fall – ein offenes Gespräch kann sehr erleichternd sein.

Wer sollte so ein Gespräch anstoßen – die Eltern oder die Kinder?
Wer als Erster das Bedürfnis dazu verspürt! Oft ist es ja beiden Seiten nicht so eilig damit. Die Eltern möchten so lange wie möglich selbstständig sein und die Kinder so lange wie möglich sich nicht intensiv kümmern müssen, zumal die meisten ja in der „Rush hour“ des Lebens sind und selbst Beruf, Kinder, vielleicht sogar erste eigene Gesundheitsprobleme haben. Und keiner möchte den anderen beunruhigen oder Missstimmung verursachen.

Was können die Kinder machen, wenn die Eltern abblocken?
„Abblocken“ bedeutet eigentlich immer, dass jemand nicht verletzt werden möchte. Wenn erwachsene Kinder mit sich selbst im Reinen sind und das Thema nicht zu einer neuen Runde eines pubertären Dauerkampfs machen möchten, ist es gar nicht so schwer. Ich empfehle drei Dinge:
Erstens: Zunächst von sich selbst sprechen, vorzugsweise von eigenen Gefühlen.
Zweitens: Immer Bezug nehmen auf konkrete Ereignisse oder eigene Beobachtungen und nachfragen ob sie geteilt werden. Ein Beispiel: „Ich mache mir Sorgen, weil ich den Eindruck habe, dass du nicht mehr gut hören kannst. Manchmal nickst du zwar, aber ich weiß gar nicht, ob du mich wirklich verstanden hast. Stimmt das?“ Das klingt anders als: „Mama, du brauchst endlich ein Hörgerät!“
Drittens: Auch, wenn das Gespräch abgelehnt wird, immer ein Türchen offen lassen – dranbleiben. „Ich merke, dass du jetzt mit mir nicht darüber reden möchtest. Vielleicht ein andermal? Wann wäre es dir recht?“

Welche Fragen sollte man auf jeden Fall klären?
Das kommt komplett auf die Lebenssituation der Eltern an. In der Regel: Wie und wo möchte ich wohnen, mit wem möchte ich zusammenleben, wie ist dies finanzierbar und wie treffe ich Vorsorge für Zeiten, in denen es mir schlechter geht oder in denen ich selbst nicht mehr mit vollem Bewusstsein entscheiden kann? Die Klärung kann dann alles sein – dem anderen den Zukunftstraum von der Alters-WG schildern oder konkrete Formulare wie Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht ausfüllen.

Was tun, wenn die Vorstellungen von Eltern und Kindern sich stark unterscheiden?
Erwachsen miteinander umgehen – daher trägt mein Buch auch den Untertitel „Ein Wegweiser für erwachsene Kinder“. Das ist wörtlich gemeint: Erwachsen mit den eigenen Eltern zu kommunizieren, sind wir nicht gewohnt. Das kennen wir eher aus Gesprächen unter Freunden: Du hast deine Meinung, ich habe eine andere. Wir können darüber diskutieren, uns gegenseitig beraten, aber letztlich entscheidest du über dein Leben und ich über meins. Dazu gibt es auch keine Alternative. Solange keine gesetzliche Betreuung oder Gefahr für Leib und Leben besteht, entscheiden Erwachsene in unserer Demokratie über ihre Belange selbst.

Da kann dann herauskommen, dass ich Organisatorisches oder auch Pflegetätigkeiten übernehme, weil ich das gern tue oder, weil ich Verantwortung übernehmen möchte. Oder, weil ich mir, kurz bevor die Eltern sterben, mehr Miteinander wünsche. Oder, dass Eltern lieber Hilfe von Fremden annehmen möchten, als ihre Kinder zu belasten. Oder, dass sie sich wünschen, in die Nähe der Kinder umzuziehen, um sie öfter zu sehen. Wünschen kann man vieles. Aber müssen muss keiner.

Was man vermeiden sollte: Drohungen auszusprechen, wie dem anderen Zuneigung zu entziehen („Dann schau doch, wie du allein klarkommst!“) oder finanziell schlechter zu stellen („Denk nicht, dass du dann etwas erbst!“). In religiösen Kontexten ist es auch beliebt, der Beziehung ein Opfer-Täter-Schema überzustülpen („Ich war aufopferungsvoll zu dir – und du bist herzlos zu mir“). Dies alles ist kein erwachsener Umgang in einer Beziehung.

Im Alter noch mal von vorne anzufangen, in einer neuen Wohnumgebung, vielleicht sogar in einer neuen Stadt, ist schwer. Wie kann es gelingen?
Je früher man sich damit auseinandersetzt oder solche Pläne gegebenenfalls noch umsetzt, desto besser. Je jünger das Gehirn, desto größer die Umstellfähigkeit – auch, wenn man geistig noch fit ist. Man sollte das Umfeld von Gleichaltrigen nicht unterschätzen – auch wenn man nur wenige enge Freunde hat und der Ehepartner gestorben ist. Das Netz von Bekannten oder ehemaligen Schul- oder Vereinskameraden kann im Alltag sehr wichtig sein.

Immer häufiger leben Eltern und Kinder Hunderte Kilometer entfernt. Wie ist unter solchen Bedingungen überhaupt Unterstützung möglich?
Wir leben im Zeitalter der Fernbeziehungen, nicht nur bei Paaren! Wachsende Anforderungen an berufliche Mobilität und Weiterbildung, das gestiegene Bildungsniveau insbesondere von Frauen und die Attraktivität städtischer Ballungsräume haben dazu geführt. In vielen Fällen haben uns gerade die eigenen Eltern ermuntert, uns die große weite Welt mit Staunen anzuschauen. Glücklicherweise gibt es bei uns ein gut ausgebautes Fernstreckennetz und elektronische Kommunikationsmedien. Fotos, Videos oder Livechats ersetzen aber nicht das persönliche Miteinander. Aber das kann zur „Quality Time“ werden.

Unterstützung hat viele Gesichter. Sie kann bestehen in regelmäßigen Anrufen – einmal wöchentlich oder einmal täglich, je nachdem, wie engmaschig man einander auf dem Laufenden halten möchte. Sie kann finanzieller Natur sein – ich kenne Kinder, die ihren Eltern ein Taxi-Jahresabo bezahlen, nachdem sie gemeinsam ausgerechnet haben, dass das billiger kommt als die jährlichen Kosten für die alte Familienkutsche. Sie kann in Verwaltungstätigkeiten bestehen: Andere beantragen Pflegegrad 1 und sorgen dafür, dass Mutter und Vater davon einen Fahrdienst zu allen medizinischen Behandlungen bezahlen können.     

Prof. Dr. Katja Werheid lehrt Klinische Neuropsychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam und ist als Beraterin und Therapeutin in freier Praxis tätig. Sie ist Autorin von „Nicht mehr wie immer. Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können“ (Piper Verlag, 10 €)


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