Liebe und Verantwortung

Wenn die Eltern älter werden

Ingeborg und Bruno Baier und ihre beiden erwachsenen Kinder fragen sich: Wie soll es weitergehen, wenn die Eltern einmal nicht mehr alleine zurechtkommen? Wir haben mit allen Beteiligten gesprochen.

veröffentlicht am 02.07.2019

Es könnte schwierig werden, einen gemeinsamen Termin zu finden, sagt der Vater. Der Sohn kann sich ein getrenntes Gespräch gut vorstellen. Die Tochter wohnt weit weg. Also wird getrennt gesprochen. Ein Besuch bei den Eltern, ein Besuch beim Sohn und ein Telefonat mit der Tochter. Alle scheinen erleichtert darüber zu sein. Oder zumindest das Gefühl zu haben, ehrlicher sein zu können, offener reden zu können über das Thema, um das es gehen soll.

Gutes Verhältnis trotz Entfernung

Die Eltern, das sind Ingeborg und Bruno Baier, 82 und 81 Jahre alt, wohnhaft in Germering, einer 40.000-Einwohner-Stadt westlich von München. Die Tochter, Birgit Baier, 56, ist Mitglied im Orden der Don Bosco Schwestern und lebt in Essen, wo sie die Missionsprokur des Ordens leitet. Sohn Rudolf ist 53 Jahre alt. Der IT-Berater wohnt mit seiner Frau Michele und zwei Töchtern, neun und zwölf Jahre alt, in Olching, ebenfalls im Großraum München, etwa 15 Kilometer von seinen Eltern entfernt. Von montags bis freitags arbeitet er in Nürnberg, am Wochenende ist er daheim bei seiner Familie.  
Die Mutter: „Wir sehen uns nicht oft mit dem Rudi und der Michele, weil die Kinder ja in der Schule sind und auch viele Termine haben.“
Der Vater: „Aber wir telefonieren viel, das muss ich sagen. Wir sind auf dem Laufenden.“
Die Mutter: „Wenn sie Ferien haben, kommen sie ein- oder zweimal. Zu den Festtagen sind wir eingeladen oder sie sind hier. Oder sie kommen zwischendurch.“
Der Sohn: „Wir sprechen uns regelmäßig. Das ist im Grunde einmal in der Woche. Man ruft sich an, erzählt, was während der Woche passiert ist, oder, was eventuell noch ansteht. Ich würde mir Sorgen machen um meine Eltern, wenn ich am Wochenende nichts hören würde.“
Die Mutter: „Bei der Birgit ist es meistens so, dass wir warten, bis sie anruft. Weil es oft umsonst ist, wenn wir anrufen. Dann merken wir, sie hat keine Zeit. Und dann ruft sie an. Wenn sie Zeit hat, dann reden wir miteinander eine halbe Stunde über Gott und die Welt.“
Die Tochter: „Sehen tun wir uns, wenn es gut geht, dreimal im Jahr. Das ist immer abhängig von Terminen in Bayern, die ich wahrnehmen kann und die sich vielleicht mit einem Heimaturlaub verbinden lassen. Und telefonieren? In der Regel einmal in der Woche oder mal alle zwei Wochen oder auch häufiger, wenn gerade etwas Wichtiges anliegt.“
Der Sohn: „Die Gespräche sind oft typische Abfragen: Wie war die Matheschulaufgabe? Wie geht es deinem Rücken? Was ich eigentlich schade finde. Wie denkt man über Gott und die Welt, im wahrsten Sinne des Wortes? Darüber zu sprechen, fällt mir schwer, einfach so in einem Telefongespräch nebenbei.“

Eine Wohnung im dritten Stock

Besuch bei Ingeborg und Bruno Baier an einem Freitagvormittag im April. In der Drei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock duftet es nach Fisch. Im ehemaligen Kinderzimmer, das heute als Ess- und Gästezimmer genutzt wird, kommen die beiden ins Erzählen. Von Brunos Ausbildung und Karriere bei der Deutschen Post. Von Ingeborgs Wunsch, Hebamme zu werden, und davon, dass auch sie schließlich Postassistentin gelernt und bis zur Geburt der Tochter in dem Beruf gearbeitet hat. Darüber, wie glücklich sie beide – sie gebürtige Kielerin, er aus dem Erzgebirge – waren, als sie als junges Ehepaar die 72-Quadratmeter-Wohnung von der damaligen Post-Bau-Genossenschaft mieten konnten, in der sie noch heute leben. 1967 sind sie eingezogen. „Am 22. August“, sagt er. „Am 28. August, zu Augustinus“, korrigiert seine Frau.

Die beiden sind körperlich und geistig sehr fit für ihr Alter. Das merkt man ihnen an, das sagen sie selbst, und das sagen auch ihre Kinder. Natürlich sind da ab und zu ein paar Zipperlein. Bruno Baier leidet unter Schwindel und hatte in den vergangenen Wochen Probleme mit dem Rücken. Ingeborg Baier hört schlecht und hat seit wenigen Wochen ein Hörgerät. Aber im Großen und Ganzen, erklären sie, geht es ihnen gut. Dass sich das ändern kann, auch sehr schnell, ist den beiden durchaus bewusst.
  
Die Mutter: „Die Kinder meckern schon die ganze Zeit, dass wir immer noch im dritten Stock wohnen und noch
nicht runtergezogen sind ins Parterre. Wir haben das vorgehabt, und das hat ja nicht geklappt.“
Der Sohn: „Die Wohnung genau unter ihnen im Erdgeschoss, die wäre perfekt. Dann könnten sie 1:1 einfach bloß runterziehen. Dieses Bild hat sich in ihnen so verfestigt, dass jede andere Option eigentlich wegfällt.“
Der Vater: „Der Punkt ist der, dass das genau die Wohnung mit unserem Zuschnitt ist. Das heißt, unsere Möbel hätten genau reingepasst. Im Moment geht es noch. Meine Frau ist eigentlich noch fitter als ich. Aber …“
Die Mutter: „… es kann ganz schnell gehen, dass man schwer die Treppen gehen kann. Darum geht’s uns ja.“
Der Vater: „Wenn‘s nicht mehr geht. Wenn es mit dem Umzug nicht klappt…“
Die Mutter: „… dann gehen wir direkt in ein Altenheim.“
Der Vater: „Aber wir haben uns noch nicht beworben.“
Der Sohn: „Wir reden immer wieder über die Wohnungssituation. Aber ich habe nach mehreren Gesprächen für mich entschieden: Das können nur die beiden für sich entscheiden. Mir wird erzählt, dass sie das ernsthaft angehen. Ich gehe davon aus. Das ist vielleicht ein bisschen kurzsichtig. Aber wenn was ist, kann man vielleicht auch darüber reden und dann etwas fix machen.“
Die Tochter: „Man kann sein Leben nicht planen bis ins Letzte. Ich denke, das ist in jedem Lebensalter so. Da wird man einfach in der Situation vor die Herausforderung gestellt und muss handeln. Und das kann natürlich schnell gehen, wenn einer von den beiden länger ausfällt oder pflegebedürftig werden würde. Ich muss das so annehmen. Vielleicht kommt die Situation, vielleicht kommt sie nicht.“
Der Sohn: „Ich glaube, die Birgit ist da ähnlich optimistisch und leichtsinnig wie ich. Uns ist theoretisch die Gefahr bewusst, dass wir Eltern haben, die über 80 sind, und dass sie sterben oder pflegebedürftig oder auch einfach nur krank werden könnten. Natürlich ist das für uns ein Thema.“

Dokumente sind vorbereitet

Rudolf Baier sitzt im offenen Wohnbereich im Reihenhaus der Familie am Esstisch, vor sich einen aufgeklappten Laptop. Es ist Freitagnachmittag, vor etwa einer Stunde ist er nach Hause gekommen. Seine Frau bringt gerade die jüngere Tochter zum Geigenunterricht, die ältere ist mit Freundinnen unterwegs. Der 53-Jährige spricht ruhig und bedacht über die Lebenssituation seiner Eltern, zugleich ist ihm anzumerken, dass ihn das Thema umtreibt. Sein Lebensmittelpunkt ist inzwischen seine Familie, ist Olching, ist sein Beruf. Doch wie es seinen Eltern geht, ist ihm wichtig. Zumal er gerade in den letzten Monaten eine entscheidende Veränderung wahrgenommen hat: „Letztes Jahr im Frühjahr ging es meiner Mutter körperlich nicht so gut“, erzählt er. „Da habe ich zum ersten Mal gemerkt: Jetzt sind meine Eltern wirklich alle beide alt. Es ist nicht mehr so, dass man in die Zukunft spricht, man sagt, was wäre wenn, und müsste man nicht irgendwelche Maßnahmen ergreifen. Damals war es theoretisch, heute ist es für mich sehr praktisch.“

Eine gewisse Sicherheit gibt allen Familienmitgliedern das Wissen, dass der Vater, ein begnadeter Organisator, sich frühzeitig um wichtige Papiere gekümmert hat. Wichtige Unterlagen sind in einer Mappe abgeheftet. Eine Vorsorgevollmacht und ein Testament liegen vor. An der Patientenverfügung arbeiten die Eltern seit einiger Zeit.
     
Der Sohn: „Ich gehe davon aus, dass, wenn heute was wäre, ich in die Wohnung meiner Eltern gehen könnte und die Papiere unterschrieben und in einem Zustand, dass sie auch von einem Dritten akzeptiert würden, finden würde. Schwieriger ist es, wenn ich an meine Mutter denke, weil sie schon sehr auf ihren Ehemann fixiert ist und darauf vertraut, dass er alles im Griff hat.“

Loslassen ist nicht einfach  

Es klingelt. Ingeborg Baier geht zur Tür. Jemand hat Eier gebracht. Dann holt sie Mineralwasser, Saft und Gläser aus der Küche, stellt sie auf den Tisch und schenkt ein.

Der Gedanke, dass sie einmal auf Hilfe angewiesen sein könnte, macht der 82-Jährigen, der ihre norddeutsche Herkunft noch deutlich anzuhören ist, Angst. Ebenso wie die Vorstellung, ihre gewohnte Umgebung, ihr Haus, die Nachbarn und die Pfarrei verlassen zu müssen. Schließlich fühlen sich beide Ehepartner dort, in St. Martin, seit Jahrzehnten zu Hause. Bruno Baier war mehr als 30 Jahre lang im Pfarrgemeinderat und übernimmt bis heute unter anderem den Lektorendienst. Ingeborg Baier leitet den Seniorentreff. „Wir sind ausgelastet“, sagt sie. „Es ist sehr schön, zu leben, wenn man alt ist und auch noch seine Pflichten hat. Wenn man in den Tag hineinleben muss, dann wird man ja immer kränker. Dann liebt man seine Krankheit und hätschelt sie. Und das möchte ich um alles in der Welt nicht.“

Andererseits ist beiden klar, dass auch das Loslassen zum Alter dazugehört. Sich zu trennen von materiellen Dingen, aber auch von Ämtern, das falle vielen Menschen in ihrem Alter sehr schwer, berichten beide und nennen zahlreiche Beispiele aus dem Kreis der Nachbarn und Freunde. Umso bewundernswerter ist für alle Familienmitglieder der Schritt, zu dem sich Bruno Baier vor einigen Jahren entschlossen hat.
Der Sohn: „Mein Vater hat etwas geschafft, wo ich sage: Chapeau! Er hat seine Modelleisenbahn verkauft. Es ging nicht nur darum, sich von etwas zu trennen, sondern das war ein gutes Stück von seinem Leben. Neben Beruf, Familie und Pfarrei war das ein Hobby mit Leib und Seele.“
Die Tochter: „Da habe ich mich wirklich gewundert. Das war für ihn wirklich ein Einschnitt. Ich fand das vor einigen Jahren schon enorm von meinem Vater, dass er sich so hat loslösen können.“
Der Vater: „Das war schon eine größere Sache im Wohnzimmer. Auch mit dem Sauberhalten. Dann hatte ich nur noch eine kleinere Sache, digital. Aber das habe ich mittlerweile auch gelassen. Man ist nicht mehr so geschickt. Man hat viel mit Bastelei und mit Löten zu tun. Ich habe damals die Eisenbahn gut verkaufen können. Jetzt bin ich dran, noch den Rest zu verscherbeln. Das lege ich auf die hohe Kante.“
Bruno Baier ist die Enttäuschung darüber, dass weder Sohn noch Enkelkinder die Anlage haben wollten, noch anzumerken. Aber er hat die Entscheidung akzeptiert und für sich eine andere Lösung gefunden. Eine Form des Loslassens – und ein Stichwort, bei dem Ingeborg Baier sehr schnell auch auf das Thema Erben zu sprechen kommt. In vielen Familien ein heikles Thema. Und bei den Baiers?
Der Vater: „Ich und meine Frau sind der Meinung, dass wir die gesetzliche Erbfolge gelten lassen. Weder vom Sohn noch von der Tochter ist die Äußerung gewesen, das möchten wir so. Ich habe jetzt in meinem Testament niedergeschrieben, dass meine Briefmarken- und meine Münzsammlung der Sohn bekommen soll. Weil ich meine, dass er vielleicht mehr damit anfangen kann. Wie er dann damit umgeht, ob er schaut, dass er es gleich wieder veräußert …“
Der Sohn: „Ich habe rein materiell an meine Eltern keine Wünsche, weder Möbel noch irgendwelchen Schmuck. Ich glaube, wenn ich gewisse Dinge in einem Nachlass finden würde, würde ich das schön finden. Mein Vater hat seine Schulzeichnungen aufbewahrt. Die fand ich als Kind phänomenal. Wahrscheinlich würde ich nicht alles aufheben, vielleicht zwei oder drei Blätter. Wahrscheinlich würde mir schon ein Post-it-Zettel von meinem Vater reichen oder auch von meiner Mutter. Weil ich finde, die haben eine sehr schöne Schrift. Das würde mich an meine Eltern erinnern.“
Die Tochter: „Ich hänge nicht an Gegenständen. Vielleicht das eine oder andere von meinen Eltern, was handschriftlich verfasst worden ist und was noch daliegt, wenn sie es nicht selbst schon entsorgt haben. Meine Mutter hat mir mal handschriftliche Sachen gezeigt. Wenn die noch existieren würden, dann würde ich mich darüber freuen.“

Erfüllte Zeit miteinander

Schwester Birgit Baier findet an einem Vormittag Zeit für ein Gespräch. Eine halbe Stunde, dann steht der nächste Termin an. Als Missionsprokuratorin hat die gelernte Elektrotechnikerin ein verantwortungsvolles und zeitintensives Amt inne. Daneben arbeitet sie in der Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft mit. Aus der Ferne versucht sie, so gut es geht, den Kontakt nach Germering zu halten. Was ihr am Ende des Telefonats noch am Herzen liegt, ist ein Wunsch für ihre Eltern: „Dass sie noch eine Zeit miteinander haben, in der sie persönlich intensiv und erfüllt leben können. Dass sie sich am ganz normalen Leben freuen und jeden Tag etwas ist, wofür sie dankbar sein können“.

In Olching ist Rudolf Baiers Zwölfjährige von ihren Freundinnen zurück und grüßt kurz, bevor sie in ihrem Zimmer verschwindet. Die Neunjährige kommt an den Tisch und präsentiert dem Papa stolz einen bunten Papierhasen, den sie in der Schule gebastelt hat.

Ob er sich wünscht oder sogar erwartet, dass seine Töchter sich später einmal um ihre Eltern kümmern werden? Rudolf Baier lacht kurz auf, wird aber gleich wieder ernst. „Rein theoretisch sage ich: überhaupt nicht“, antwortet er. „Ich wünsche mir, dass wir zwei sehr selbstständige Kinder haben, die ihr eigenes Leben leben können.“ Er erwarte „nicht nichts, aber sehr wenig“, sagt er. Auch, wenn er sich natürlich freuen würde, wenn dann weiterhin ein guter Kontakt bestünde.


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