Handarbeit, die Gutes tut

Stricken verbindet: Bärbel Dähling zeigt, wie Maschen stark machen

In Bärbel Dählings Laden „Wolle mit Herz“ in Königswinter bei Bonn geht es um mehr als nur Nadeln und Wolle. Die 64-Jährige hat mit ihrem Fachgeschäft einen Ort geschaffen, an dem sich Menschen begegnen, Geschichten teilen und gemeinsam Neues schaffen.

veröffentlicht am 05.01.2026

Die Acht ist für mich zu dick!“ – „Es muss durch vier teilbar sein, damit der Rapport aufgeht.“ – „Ich lege den Ärmel still.“ – Wer zum ersten Mal einer Strickgruppe zuhört, versteht nur Bahnhof. Für Eingeweihte dagegen sind solche Sätze Alltag: Die ganz eigene Sprache rund um Maschen, Reihen und Muster macht aus einer Handarbeitsgruppe eine eingeschworene Gemeinschaft. Jedoch keine geschlossene, denn die lebendigen Runden sind offen für alle, die das Hobby teilen möchten.

Sechs Frauen haben es sich an diesem Freitagnachmittag in einem hellen, freundlichen Nebenraum des Königswinterer Ladens „Wolle mit Herz“ gemütlich gemacht. Auf dem Couchtisch herrscht ein geordnetes Durcheinander aus Geschirr, Getränken und Wollknäueln. Es duftet nach Kaffee, Kuchen und guter Laune – die Nadeln klappern, alle unterhalten sich und lachen viel. Hier liegt eine Vertrautheit in der Luft, wie sie durch langfristige Nähe entsteht.

Und durch Gemeinsamkeiten: „Stricken macht süchtig“, erklären die Damen einhellig. „Wir stricken abends beim Fernsehen, morgens vor dem Frühstück und nehmen unsere Sachen mit in den Urlaub. Am spannendsten ist es, ein neues Projekt zu beginnen. Am schwersten, eine Strickpause einzulegen.“ Ihre Leidenschaft hat sie zu Freundinnen gemacht. Per WhatsApp tauscht sich die Gruppe, die sich „Maschenmord“ nennt, auch unter der Woche aus.

„Menschen, die stricken, sind in der Regel sehr zugewandt“ 

„Der Name geht auf einen Versprecher zurück und erschien uns sehr passend. Denn hier wird so viel wieder aufgeribbelt, dass wir zu wahren Maschenmörderinnen werden“, lachen sie. Das bleibt jedoch die einzige Gefahr, die von den Damen ausgeht, denn die gemeinsame Handarbeit schafft vor allem eines: viel Gutes. „Menschen, die stricken, sind in der Regel sehr zugewandt und sozial orientiert“, sagt Bärbel Dähling, Inhaberin von „Wolle mit Herz“.

Und tatsächlich geben ihr die Forschung und ein Blick in die Geschichte recht. Stricken, Häkeln, Sticken und Nähen waren schon immer mehr als bloße Freizeitbeschäftigungen. Denn wer auf entspannte Weise etwas mit den Händen schafft, reguliert nicht nur sein Nervensystem und erlebt das Glück, etwas Besonderes zu gestalten. Wer das wohlige Zusammenspiel aus innerer Balance und Selbstwirksamkeit erlebt, möchte gerne etwas davon weitergeben.

So wie Bärbel und ihre Strick-Community. Die 64-Jährige hat einen Ort geschaffen, wo Handarbeitsfans nicht nur Wolle in allen Varianten finden, sondern vor allem Gleichgesinnte. Zusammen mit ihrer niedlichen Hündin Luzy ist sie nicht nur Herz, sondern auch Seele ihres Geschäfts. 2018 hat sie es – zunächst parallel zu ihrer Tätigkeit als Reporterin beim „Bonner General Anzeiger“ – eröffnet. Die Idee kam der passionierten Strickerin, als sie hörte, dass die vorherige Besitzerin den Laden aufgeben würde.

Als Schülerin saß Bärbel Dähling mit ihren Freundinnen strickend im Unterricht 

Seither ist Bärbel beratend und mit offenen Ohren für ihre Kundenschar da – egal, ob jemand den 50. Pullover strickt oder noch nie eine Nadel in der Hand hatte. Sie selbst zählt die Maschen bereits seit ihrer Kindheit. „Ich hatte häufig Mittelohrentzündungen und musste mit einem Tuch um den Kopf drinnen sitzen“, erzählt die Rheinländerin auf ihre lebendige Art. Da die Eltern mit zwei Läden viel zu tun haben, verbringt sie ihre Zeit bei Tante Ilse, einer Freundin der Familie. Von ihr erbt sie ihre große Tierliebe und lernt Kochen, Backen und Handarbeiten.

Später in der Schule sitzt Bärbel mit ihren Freundinnen strickend in der letzten Reihe. Sehr zum Missfallen ihrer Lehrer, die das gar nicht gerne sehen. „Wir haben ihnen einen Handel vorgeschlagen. Sie durften uns jederzeit spontan aufrufen und Fragen zum Unterrichtsstoff stellen. Und solange wir sie beantworten und damit beweisen konnten, dass wir nicht abgelenkt waren, durften wir stricken.“ Tatsächlich strickten die Mädels bis zum Abitur – und weit darüber hinaus.

Brigitte, eine von Bärbels ehemaligen Mitschülerinnen, sitzt an diesem Freitag mit in der Strickrunde. Noch längere Erfahrungen mit den Maschen hat Hedi, die gerade an einem weinroten Pullover arbeitet. „Ich stricke seit 50 Jahren“, berichtet die Frau mit den kurzen grauen Haaren. „Sie ist eine echte Strickmaschine“, ergänzt die Runde schmunzelnd. „Bevor hier ein Projekt wegen eines Fehlers wieder aufgetrennt wird, schaut erst einmal Hedi drüber. Sie kann fast alles reparieren.“

Die Frauenrunde diskutiert angeregt darüber, ob ihr Hobby sexy ist 

„Gegenseitige Tipps und Hilfestellungen sind bei uns selbstverständlich“, sagt Bärbel. Das erlebt sie im Laden, wo ihre Kundinnen und Kunden schnell miteinander ins Gespräch kommen, während sie die Wolle anschauen, berühren und vergleichen – und genauso in den Strickrunden. „Hier sind alle füreinander da. Helfen bei komplizierten Anleitungen und der praktischen Umsetzung, aber auch bei der Farb-, Größen- und Modellauswahl.“

Auf diese Weise wird auch Anfängern der Weg geebnet. Vor einiger Zeit lockte ein Artikel über „Wolle mit Herz“ einen Mann in den Laden. Auf der Facebook-Seite hatte er Socken gesehen, die er gerne nachstricken wollte. Also brachte Bärbel es ihm bei. „Mittlerweile hat er sogar einen tollen Norwegerpulli gestrickt“, erzählt sie. „Ich muss immer schmunzeln, wenn ich diesem Zwei-Meter-Mann mit den großen Händen dabei zuschaue, wie er mit fünf filigranen Nadeln eine Socke strickt.“

Die Strickrunde diskutiert inzwischen, ob ihr Hobby eigentlich attraktiv wirkt. „Bei einem Blind Date meinte jemand, er hätte sich nie mit mir getroffen, wenn er gewusst hätte, dass ich stricke“, erzählt Teilnehmerin Nicole. „Und mir sagte mal ein Mann, Stricken sei unsexy“, ergänzt Steffi. „Völliger Quatsch“, widerspricht die selbstbewusste Runde aus Ärztinnen, Pädagoginnen und Personalerinnen. „Unsere Männer haben nichts auszusetzen – im Gegenteil: Stricken macht uns viel gelassener, und sie freuen sich über die selbst gemachten Sachen.“

Die Gemeinschaft setzt ihre Kreativität auch ein, um in der Region Gutes zu tun 

Nicht nur Freunde und Familie profitieren von der Strickkunst. Die Gemeinschaft um Bärbel Dähling setzt ihre Kreativität auch ein, um in der Region Gutes zu tun. „Bei unserem ersten großen Projekt hatte das Deutsche Rote Kreuz nach Materialspenden für ein Asylbewerberheim gefragt. Dort wollten Ehrenamtliche Geflüchteten das Handarbeiten beibringen.“ Sie startete einen Aufruf und fuhr bald mit einem vollgepackten Auto an der Einrichtung vor. „Nadeln, Wolle, Stoffe, sogar Nähmaschinen waren gespendet worden.“ Bis heute wird sie immer wieder gefragt, ob die Aktion noch läuft. Sie wird demnächst fortgesetzt.

Das jüngste Projekt entstand 2025 vor Ostern. „Passend zum Anlass wurden in dieser Zeit viele Hühner gestrickt. Eine Mitarbeiterin hat es auf 30 Stück gebracht“, erzählt Bärbel begeistert. „Eine andere arbeitet in einem Hospiz und meinte, die Hühner wären ideal, damit die Bewohnerinnen und Bewohner – sie werden Gäste genannt – etwas im Arm halten könnten.“ Nach einem Spendenaufruf reihten sich kurz darauf 20 Exemplare in allen Größen und Farben im Laden auf, die im Hospiz eine neue Heimat fanden.

Eine neue Idee der Strickladenbesitzerin ist es, mit einem Materialkoffer in Seniorenheime und Kliniken zu gehen und die Leute zu motivieren, das einst so verbreitete Hobby wieder aufzunehmen. „Für mich ist es wichtig, auf diese Weise nach außen zu wirken. Ich mag Menschen, unterhalte mich gerne und freue mich über Kontakt“, sagt sie.  Ein Wesenszug, der aus „Wolle mit Herz“ das gemacht hat, was es heute ist: eine Art zweites Wohnzimmer für alle, die Handarbeiten lieben.

Dähling hat ein Strickparadies geschaffen, in dem sich alle willkommen fühlen

„Auch wenn ich kein Woll-Café habe, bleiben die Kunden oft über Stunden hier“, erzählt Bärbel. Gleich zur Eröffnung hatte sie ein gemütliches Sofa und zwei Sessel ins Schaufenster gestellt. „Seither sitzen dort immer Leute – stricken, fachsimpeln und erzählen, bis ich sie an meinen Feierabend erinnere“, schmunzelt sie. Wenn sie nicht im Laden ist, widmet sich die Tierliebhaberin ihrer Stute und ihrer Katze – zwei vierbeinige Senioren, die ihre Aufmerksamkeit fordern.

Bärbel Dähling hat ein Strickparadies geschaffen, in dem sich alle willkommen fühlen. Die warme Beleuchtung, die bunt bestückten Wollregale und die zwanglose, gesellige Atmosphäre verführen dazu, sich hier eine entspannte Auszeit vom Alltag zu nehmen. Die Ladeninhaberin selbst schöpft Kraft und Freude aus ihrer Arbeit. „Ich bekomme viel positives Feedback und Wertschätzung. Jedes ehrliche Dankeschön ist Futter für meine Seele“, strahlt sie. Bei „Wolle mit Herz“ entstehen Pullis und Schals – vor allem aber entstehen echte Verbindungen und Gemeinschaft.

Zum Weiterlesen 

Mehr über Bärbel Dähling und ihren Laden auf ihrer Website „Wolle mit Herz“ 

Mitmachen!

Online und vor Ort gibt es viele Strick-Communitys:

  • Ravelry.com: bekannteste Onlineplattform rund ums Stricken mit Anleitungen und Austausch
  • Lokale Stricktreffs: Über Facebook, die VHS oder Handarbeitsläden vor Ort. Einfach nachfragen!

Für den guten Zweck


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