Locker bleiben

Was die Pubertät der Kinder mit den Eltern macht

Die Pubertät ist eine Herausforderung – auch für die Eltern. Je mehr Mütter und Väter sich ihrer eigenen Gefühle bewusst werden, desto einfacher wird diese besondere Zeit für die ganze Familie.

veröffentlicht am 01.03.2020

Birgit Strohmeier geht gelassen an das Thema Pubertät ran. „Es bleibt einem nicht erspart, die Kinder werden früher oder später in diese Phase eintreten“, erklärt die Mutter von zwei Söhnen, 14 und elf Jahre alt. „Ich find’s sehr positiv, sie dabei zu beobachten, wie sie größer und selbstständiger werden, wie sie sich zunehmend eigene Gedanken machen.“ Die 43-jährige Kommunikationsexpertin lebt mit ihrem Mann und den Kindern im Salzburger Land. In ihrem Blog „Muttis Nähkästchen“ berichtet sie seit mehr als zehn Jahren aus ihrem Familienalltag. Der Baby- und Kleinkindzeit ihrer Jungs trauert sie nicht nach. Im Gegenteil, sie genießt es, dass sie wieder mehr Freiheiten hat, seit ihre Söhne älter sind, dass sie mal mit Freundinnen ausgehen oder mit ihrem Mann etwas unternehmen kann. „Alles hat seine Zeit“, sagt sie. „Und jetzt ist eben diese Zeit.“

Vielen Eltern geht es da anders. Sie tun sich deutlich schwerer, mit den Veränderungen umzugehen, die die Pubertät der Kinder mit sich bringt. „Wir leiden, weil es nicht nur ein Abschiednehmen, sondern auch ein Liebesverlust ist“, schreibt der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo in seinem Buch „Jugendjahre“ (Piper Verlag, mit Monika Czernin). Während kleine Kinder ihre Eltern bedingungslos liebten, müssten diese später lernen, den Anspruch auf diese kindliche Liebe aufzugeben. „Wenn Kinder in die Pubertät kommen, müssen wir Eltern nicht nur umdenken, sondern auch umfühlen“, so Largo.

Leichter gesagt als getan. Denn die Pubertät erwischt Mütter und Väter oft in einer Lebensphase, in der sie ohnehin stark gefordert sind. „Manche Eltern haben ihre eigenen Eltern zu pflegen oder sind beruflich eingespannt. Gerade Alleinerziehende haben viel zu stemmen“, erklärt Diplom-Psychologin und Erziehungsberaterin Elisabeth Raffauf. Zudem bekommt sie immer wieder mit, dass Jugendliche, wenn es mal nicht gut läuft, zu Hause als Entschuldigung erklären, sie seien schließlich in der Pubertät. Woraufhin die Mütter antworten, sie seien schließlich in den Wechseljahren. „Da kommt schon ein ordentlicher Hormoncocktail zusammen in manchen Familien“, lacht Raffauf.

Keine Harmonie erwarten

Für alle Eltern, die sich fragen, wie sie möglichst gut durch die heikle Phase kommen, hat die Expertin, die auch mehrere Erziehungsratgeber geschrieben hat, eine klare Empfehlung parat: „Sie sollten sich davon verabschieden, dass Harmonie dran ist. Harmonie ist nicht dran!“ Jugendliche müssten in diesem Alter schauen, was geht, wo die Grenzen sind. Die Eltern seien dafür zuständig, zu zeigen, was möglicherweise nicht geht. „Wenn jeder seinen Job macht, gibt’s Zoff.“

Und der ist wichtig. Die Pubertät ist eine Zeit der Auseinandersetzungen. Dabei geht es darum, dass Eltern ihre Meinung vertreten, egal, wie doof oder altmodisch die Kinder diese finden. Gleichzeitig sollten sie deutlich machen, dass sie es ihren Söhnen oder Töchtern nicht übel nehmen, wenn sie anders denken. Dann gibt es Reibung, aber auch Kontakt.

Wobei knallende Türen und Sätze wie „Du bist echt die bescheuertste Mutter, die ich kenne“ oder „Sorry, das geht dich gar nichts an“ für Eltern nicht so leicht auszuhalten sind. Nach solchen Ausbrüchen ruhig zu bleiben und nicht gleich zum Gegenangriff auszuholen, erfordert ein hohes Maß an Gelassenheit und Selbstdisziplin. Hilfreich ist dabei vor allem das Wissen: Es ist nicht persönlich gemeint. Es geht nicht gegen mich. Es geht nicht darum, dass mein Kind mich anfeindet, sondern darum, dass es seinen Weg findet, dass in seinem Gehirn gerade der Teufel los ist. Wer das weiß, kann souveräner mit seinen Teenagern umgehen. Er kann sagen, so geht’s nicht, ohne sein Kind dabei anzugreifen oder schlechtzumachen. Anders gesagt: Wenn Eltern es schaffen, Angriffe nicht persönlich zu nehmen, können sie in einem guten Ton und mit Respekt mit ihren Kindern reden.

Familienkonferenzen können helfen

Genau das haben sich auch Birgit Strohmeier und ihr Mann vorgenommen. Im Alltag klappt das mal gut, mal weniger gut. Zu den Themen, die häufig für Diskussionen sorgen, gehören das rechtzeitige Aufstehen am Morgen und der Umgang mit Handy und Tablet. Vor allem Letzteres macht den Eltern zu schaffen. „Da den richtigen Weg zu finden, ist irre schwierig und führt immer zu Konflikten“, erzählt die Mutter. Gute Erfahrungen haben die Strohmeiers in solchen Fällen mit Familienkonferenzen gemacht. Wenn etwas aus dem Ruder läuft, wenn neue Regeln vereinbart oder geltende überprüft werden müssen, wird ein solches Treffen einberufen. Als sich einer der Söhne mehr Handyzeit wünschte, bekam er sie – und muss dafür nun samstags Brötchen holen. Für andere Zugeständnisse bringen die Jungen beispielsweise den Müll in die Tonne oder hängen Wäsche auf.

Im Grunde aber, sagt Birgit Strohmeier, ist es aus ihrer Sicht vor allem eins, was in der Pubertät zählt: Empathie. „Das klingt so banal, ist aber nicht leicht“, meint sie. Gerade, wenn Kinder sich so verhalten, dass man es gar nicht nachvollziehen kann, gehe es darum, „ihnen nicht gleich eine Lösung vor den Latz zu knallen oder mit irgendwelchem pädagogischen Blabla auf sie einzusprechen, sondern zu schauen, was die dahinter liegende Emotion ist, das dahinter liegende Bedürfnis“. Also: Morgens nicht rufen, aufstehen, es ist spät. Sondern sich zum Kind ans Bett setzen, seine Müdigkeit, seine Sorgen, seine Unlust ernst nehmen, von eigenen Erfahrungen erzählen, liebevoll motivieren. „Mehr verstehen, nicht so auf Konfrontation gehen“, sagt Strohmeier. „Wir erziehen keine Kinder mehr, sondern junge Erwachsene. Wir müssen ihnen schon die Grenzen zeigen, aber eben mit Empathie.“

Das gilt auch und gerade, wenn die Kinder zunehmend ihr eigenes Ding machen, wenn sie sich abwenden, Fehler machen. „Dem Jugendlichen die Tür jederzeit offen zu halten, ist eine undankbare, aber enorm wichtige Aufgabe“, schreibt Remo H. Largo. Es ist gut, wenn Eltern sich das immer wieder bewusst machen. Auch, wenn’s ihnen schwerfällt.    

Verhaltenstipps für Eltern – Was Jugendlichen wirklich hilft

Diplom-Psychologin und Erziehungsberaterin Elisabeth Raffauf nennt in ihrem Buch „Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen“ (Patmos Verlag, € 18,00) drei Dinge, die Eltern während der Pubertät vermeiden sollten. Dem gegenüber stellt sie drei Verhaltensweisen, die Eltern und Jugendlichen während dieser Zeit helfen.

Die drei roten V
Verhalten, das den Zugang zu den Jugendlichen schwierig macht:

  • Verhöre
  • Vorträge
  • Vorwürfe

Die drei grünen V
Verhalten, das für guten Kontakt sorgt:

  • Verstehen
  • Vertrauen
  • Vorbild

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