Mit dem Verlust leben

Wie verläuft der Trauerprozess?

Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, erfahren wir eine Lebenskrise. Wie wir diese meistern, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Die Forschung zeigt: Trauer wird sehr individuell erlebt und hält sich häufig nicht an vorgegebene Modelle.

veröffentlicht am 15.03.2024

Lange wurde in der Psychologie von einem Trauerprozess gesprochen, der mehrere festgelegte Schritte durchläuft. Die Schweizer Palliativmedizinerin Elisabeth Kübler-Ross benannte in den 1960er Jahren die fünf Phasen Verleugnung, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast legte später ein vierstufiges Modell vor, das den Trauerprozess in Schock, Reaktion, Bearbeitung und Neuorientierung einteilt.

Trauernde können in solchen Modellen Halt und Struktur finden und auch den Trost, dass sie die eigene Erfahrung mit anderen teilen. Gleichzeitig können solche vorgefertigten Konzepte aber auch belastend sein. Wenn sich die eigene Trauer nicht an den Fahrplan halten will. Wenn da plötzlich Licht und Leichtigkeit sind, wo eigentlich Schmerz sein sollte. Oder wenn man eigentlich schon viel weiter sein müsste, als man gerade ist.

Trauer lässt sich nicht in ein Schema pressen

Heute hat die Forschung Abstand von der Idee eines festgelegten Trauerprozesses genommen. Wir wissen nun, dass Trauer etwas sehr Individuelles ist und sich nicht in ein Schema pressen lässt. Sie verläuft meist nicht linear, sondern kann zyklisch oder in Wellen auftreten, Umwege und Abkürzungen nehmen, schwer sein und leicht sein, erkennbar und unsichtbar. Denn wie sich Trauer wirklich gestaltet, hängt von vielen Faktoren ab.

Je näher wir Verstorbenen waren, je wichtiger ihre Rolle in unserem Alltag, desto mehr wird sich unser Leben durch den Verlust verändern. Trauernde erfahren dann nicht nur die schmerzende Sehnsucht nach einem Menschen, der von ihnen gegangen ist, sondern müssen sich häufig auch von einem bestehenden Lebenskonzept verabschieden und sich in eine neue Situation einfinden. Das geht nicht von heute auf morgen. Es braucht Zeit.

Wie wir Menschen unsere Trauer bewältigen, hat viel mit uns selbst zu tun. Mit unseren Erfahrungen, unserer aktuellen Lebensphase und auch mit körperlicher und seelischer Stabilität. Der Trauerprozess ist abhängig davon, wie wir generell mit Krisen umgehen, wie sehr wir an unser Umfeld angebunden sind und uns verstanden und integriert fühlen. Nicht zuletzt spielen auch unser Glaube und unsere Spiritualität eine bedeutende Rolle.

Gemeinsam trauern

Stirbt ein Familienmitglied, sind alle anderen unmittelbar von diesem Verlust betroffen. Das gesamte System, die Abläufe, das Miteinander verändern sich. Zur persönlichen Trauer kommen weitere Herausforderungen, die es vorher nicht gab. Im Laufe der Zeit entsteht ein neues Gleichgewicht und das Erlebte schweißt die Familie möglicherweise enger zusammen. Es kann aber auch Probleme und Auseinandersetzungen geben.

Obwohl alle Angehörigen um denselben Menschen trauern, greifen auch in einer Familie die verschiedenen Faktoren, die den Trauerprozess beeinflussen. Es ist ein Unterschied, ob man seinen Partner, die Mutter, die Schwester oder das eigene Kind verloren hat. Ob man sich in Liebe und Dankbarkeit erinnern darf oder mit ungelösten Problemen, mit Wut oder Schuldgefühlen zurückbleibt. Und so kann der Wunsch nach Bewältigung ganz unterschiedliche Strategien hervorbringen.

Wie sich Trauernde verhalten, kann von Mensch zu Mensch und von Tag zu Tag unterschiedlich sein. Während die einen sich auf organisatorische Aufgaben rund um die Beerdigung stürzen und danach in die Arbeit, fühlen andere sich überfordert und ziehen sich zurück. Manche suchen Normalität und Ablenkung oder wenden sich bewusst anderen Themen zu. Anderen tut es gut, immer wieder über den oder die Verstorbene zu sprechen und sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen.

Hilfe in der Trauer

Es ist heilsam, wenn Trauernde einander beistehen können, aber es funktioniert nicht immer. Gerade weil die Bewältigung eines Todesfalls ein so individueller Prozess ist, entstehen manchmal konträre Bedürfnisse. Das kann zu Spannungen und Konflikten führen. Je nach Charakter, persönlicher Verfassung oder der Art zu trauern, kann es leichter sein, sich bei Außenstehenden Unterstützung zu holen - seien es Freunde, entferntere Verwandte oder auch Menschen, die uns professionell begleiten.

Sie können anders zuhören, mitgehen und aushalten, weil sie selbst nicht unmittelbar betroffen sind. Viele Trauernde erleben es als tröstlich, sich mit Menschen auszutauschen, die einen ähnlichen Verlust erlitten haben. Selbsthilfegruppen findet man über das Internet, über Beratungsstellen, über Kirchengemeinden oder das Bürgerbüro. Auch Bestattungsunternehmen vermitteln Kontakte. Wer sich eine persönliche Einzelbegleitung wünscht, findet sie unter dem Stichwort „Trauerbegleitung“, die oftmals ehrenamtlich angeboten wird.

Die Frage nach dem Sinn, taucht im Trauerprozess immer wieder auf: Vor allem, wenn junge Menschen sterben, der Tod unerwartet kam oder gewaltsam. Warum wurde uns dieser Mensch genommen? Er hatte noch sein Leben vor sich und wir hatten so viele Pläne. Vielleicht auch: Wie kann Gott so etwas zulassen? Es ist wichtig, darüber zu sprechen – mit anderen oder im Gebet. Auch Bücher, Podcasts oder autobiografisches Schreiben können helfen, mit diesen Gefühlen umzugehen und sich mit Fragen zu versöhnen, auf die wir keine Antwort finden.

Das Trauerjahr

Das erste Jahr nach einem Todesfall ist besonders schwer. Die Erinnerung ist so lebendig, gerade war man noch zusammen. Es ist, als sei es gestern gewesen. So viele Dinge, die wir nun zum ersten Mal ohne den verstorbenen Menschen tun. Alltagsaufgaben, die man sonst gemeinsam bewältigte, aber auch besondere Tage wie Weihnachten, Ostern oder Geburtstage, für die es eingespielte Rituale gab, sind nun ganz anders und vom Verlust geprägt.

Manchen Trauernden tut es gut, neue Rituale und Wege zu suchen, um im Alltag zu bewältigen, was vorher eine gemeinsame Aufgabe war. Andere möchten besondere Tage und Momente nutzen, um bewusst zu trauern und zu gedenken. Sie zieht es auf den Friedhof oder an Orte, die sie mit einer gemeinsamen Erinnerung verbinden. Vielen hilft es, wenn jemand sie dabei begleitet, bei dem sie sich nicht verstellen müssen.

Für Menschen, die das Bedürfnis haben, ihren Trauerprozess aktiv zu gestalten, können die „Traueraufgaben“ des US-Psychologen William Worden eine Hilfe sein. Zu ihnen gehört, den Verlust des geliebten Menschen als Realität zu akzeptieren, den Schmerz zu verarbeiten und sich an eine Welt, ohne die verstorbene Person anzupassen. In einer weiteren Aufgabe geht es darum, ein neues Leben zu beginnen und darin einen positiv besetzten Platz für die verstorbene Person zu schaffen.  

Wenn Trauer pathologisch wird

Da Trauerprozesse so unterschiedlich verlaufen, diagnostiziert man anhaltende Trauerstörungen sehr vorsichtig und frühestens nach sechs Monaten. Meist wenden sich Trauernde selbst an ihren Hausarzt, weil der Leidensdruck unerträglich ist oder sie das Gefühl haben, nicht weiterzukommen. Eine Diagnose kann helfen, die richtige Unterstützung zu finden. Gleichzeitig ist es wichtig, die individuelle Situation des trauernden Menschen mit einzubeziehen, um niemanden zu stigmatisieren.

Wie die Forschung zeigt, müssen Menschen nicht erst lernen zu trauern. Wir tun es instinktiv und sind durchaus für solche unausweichlichen Lebensphasen gewappnet. Und auch wenn Trauer unterschiedlich verläuft – mal verschwindet, mal zurückkehrt, uns freilässt und dann doch wieder einfängt – lernen die meisten Menschen irgendwann mit dem Schmerz umzugehen. Vielleicht wartet nach vier Phasen nicht das modellhafte Happy End. Und doch wird es leichter, mit dem Verlust zu leben.


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