Nachgefragt

Brauche ich ein Grab als Ort für meine Trauer?

Die Bestattungskultur wandelt sich. Viele halten das klassische Grab nicht mehr für zeitgemäß. Doch konkrete Orte für die Trauer sind wichtig. Diese Erfahrung macht Trauerbegleiterin Verena Maria Kitz immer wieder.
  • Verena Maria Kitz

veröffentlicht am 07.03.2024

Ich glaube, wenn man meiner Oma diese Frage gestellt hätte, hätte sie sich ziemlich gewundert: „Natürlich brauche ich ein Grab“, hätte sie wohl gesagt, „ich brauche das Grab von meiner Tochter, von meinem Mann. Da gehe ich jeden Tag hin, bringe ihnen Blumen, da sind sie mir nah.“ Vielleicht hätte sie das so gesagt – denn darüber gesprochen haben wir nie, aber mir war klar: Das Grab ihrer geliebten Menschen, das war ihr ein ganz wichtiger Ort.

Ich arbeite in der Trauerseelsorge und erlebe: Heute ist das für viele Menschen anders. Oft leben die An- und Zugehörigen gar nicht mehr da, wo die verstorbene Person beigesetzt ist. Durch einen Jobwechsel oder eine Trennung hat sich ihr Lebensmittelpunkt verlagert. Eine aufwändige Grabpflege können sie kaum selber schaffen oder bezahlen. Daher wählen nicht wenige eine anonyme Grabstätte oder eine Beisetzung in einem Bestattungswald und kommen, wenn überhaupt, nur ganz selten hin.

Ein Platz, um sich verbunden zu fühlen

Trotzdem geht es vielen in dieser Situation so wie meiner Oma: Sie wünschen sich einen Ort für ihre Trauer: einen Platz zum Erinnern, einen Ort, an dem sie sich irgendwie gehalten fühlen, an dem aber auch ihre Trauer mal „raus darf“ und „abfließen“ kann. Und an dem sie der verstorbenen Person auch nahe sein können. Das kann, muss aber nicht das Grab sein. An ihrem Trauerort, zum Beispiel im Wohnzimmer, zünden sie vielleicht eine Kerze an oder stellen ein Foto auf. Da liegt das Sport-T-Shirt der verstorbenen Tochter oder das Taschenmesser vom Opa. Da fließen Tränen, da schreit die Wut – und manchmal leuchtet da auch die Beziehung zu der verstorbenen Person auf.  Sie ist anders da als vorher, doch auch in Liebe und Verbundenheit.  
 
Für mich ist das Grab meines Vaters solch ein Ort. Da gehe ich hin, am Todestag oder anderen wichtigen Tagen, und auch, wenn mich etwas beschäftigt. Für meine Freundin, die in Schweden verstorben ist, ist es ein Foto. Es hat einen besonderen Platz und da rede ich manchmal mit ihr.

Menschen brauchen einen Beziehungs-Ort

Und ich erlebe schon jetzt, wie für viele Menschen unsere Kirche St. Michael in Frankfurt, die wir gerade zur Begräbniskirche umbauen, ein wichtiger Trauerort ist. Und auch diejenigen, die sich für eine Begräbnisstätte in unserer Begräbniskirche interessieren, setzen sich schon jetzt sehr intensiv mit diesem Ort, seiner Gestaltung samt spirituellem und kulturellem Angebot auseinander.  

Ja, ich finde: Menschen können ein Grab, einen Ort für ihre Trauer brauchen – als einem Trauer- und Beziehungs-Ort, einem Ort, an dem sich Leben und Tod treffen.

Verena Kitz

Verena Maria Kitz ist Pastoralreferentin und leitet das Zentrum für Trauerseelsorge Sankt Michael in Frankfurt.


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