Vertrauen

Sprung in den Abgrund

Im Urlaub erlebt unsere Autorin Stefanie Kortmann an einem Bergsee einen magischen Moment mit ihrer Tochter. Es geht dabei um Angst und Mut – und um grenzenloses Vertrauen.

veröffentlicht am 30.09.2020

Seit meine Tochter Christina auf der Welt ist, bewege ich mich auf einer emotionalen Umlaufbahn, von der ich nie gedacht hätte, dass es sie gibt: Wie kann man einen Menschen nur so durchdringend lieben? Obwohl vieles gleichzeitig so viel Kraft und Nerven kostet? Unglaublich, wie diese Hormone noch heute, immerhin sechs Jahre nach der Geburt, mich voll im Griff haben. Ich bin selig, wenn ich ihr beim Schlafen zuschaue. Ich bin dankbar, wenn sie mich auf neue Wege führt. Ich bin glücklich, wenn wir gemeinsam auf Reisen sind und die Welt entdecken. So wie im letzten Urlaub, in den Bergen, als sich etwas Magisches ereignete.

Zum ersten Mal auf dem Drei-Meter-Turm

Christina stand an diesem Tag zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Drei-Meter-Turm. Es war heiß und unter ihr lag ein schwarzer, sehr kalter Natursee. Ich war vorausgesprungen und wartete nun auf sie, schwimmend wie eine Boje mit ausgestreckten Armen. Mit Worten und Gesten versuchte ich sie zum Sprung zu überreden. Mama ist ja da, war mein Credo, auch wenn ich wusste, dass ich sie in den Tiefen des Sees auch nicht gut hätte retten können. Sie wird die Sache mit dem Auftauchen schon hinkriegen, beruhigte ich mich.

Sie zögerte, schaute nach rechts, dann nach links, dann auf mich. Ihre Knie waren wacklig und ihr Blick verriet den Zustand maximaler innerer Anspannung. Klar, sie wollte etwas Großes schaffen, etwas, das sie den Lieben daheim erzählen könnte. Ein Sprung vom Drei-Meter-Turm – das hatte sich bis dahin noch keine ihrer Freundinnen getraut. Der Triumph war nur einen Schritt entfernt…

Ihr Vertrauen war zum Greifen nah

In diesem Moment passierte es. Unsere Blicke verbanden sich derart, dass alles um uns herum ausgeblendet wurde. Keine feixenden Jungs auf der Leiter, kein Gekreische vom Babybecken, kein Lärm von der Pommesbude. Es gab nur sie und mich und diesen Augenblick, der eine gefühlte Ewigkeit dauerte.

Eine innere Kraft verlieh ihr den Mut, mir ihre Arme entgegenzustrecken und den entscheidenden Meter nach vorne zu gehen. Ihr Vertrauen, ich würde sie auffangen, war zum Greifen nah. Ein zauberhafter Augenblick. Gott war da, war mein Gedanke.

Ich jubelte, als sie prustend wieder an die Wasseroberfläche kam. Das war ihr natürlich peinlich, aber mir egal. Der erste Sprung vom Drei-Meter-Turm war geschafft. Wieder an Land, hatte ich das Gefühl, dass sie mit diesem Satz spontan um mindestens fünf Zentimeter gewachsen war.

Wie sehr wünsche ich ihr, dass sie diesen Mut und dieses Vertrauen für den Rest ihres Lebens behalten kann. Und für den Fall, dass ich mal nicht da bin, soll Gott sie auffangen, egal wie tief das Wasser ist.


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