Fremde Kulturen
Bonjour à Paris – Warum Schüleraustausch mehr ist als Vokabeln lernen
Unsere Autorin war als Kind in Frankreich. Die Erfahrungen von damals prägen sie bis heute. Umso enttäuschter ist sie darüber, dass es an der Schule ihrer Tochter kein Austauschprogramm mehr gibt. Eine verschenkte Chance, findet die Mutter.
veröffentlicht am 14.10.2026
Denke ich an Frankreich, sehe ich eine Schüssel mit heißer Schokolade vor mir, „une bol de chocolat“. Dazu ein Schoko-Croissant, lauwarm und süß duftend. Ich habe bis heute kein Croissant mehr gegessen, das in dieser Liga spielt.
Dieses unvergessliche Frühstück ist ungefähr 30 Jahre her. Ich war elf und zum ersten Mal mit dem Schulchor in Le Mans. Später kam ich noch einmal mit dem Schüleraustausch dorthin. Ich sah Paris, lernte fremde Familien kennen und stellte fest, dass man sich auch dann verständigen kann, wenn die Französischkenntnisse eher überschaubar sind – man muss nur mutig genug sein!
Zwei sehr unterschiedliche Gastfamilien
Meine Gastfamilien hätten unterschiedlicher kaum sein können. Zuerst landete ich bei einer armen und unglaublich herzlichen Familie. Danach wohnte ich bei der Familie eines Versicherungsmanagers, der die beiden Kinder mit strenger Hand erzog, indem er die Schulnoten mit Edding an die Küchenwand schrieb.
Was beide Familien gemeinsam hatten: Sie verwöhnten mich kulinarisch. Abendessen unter einer Stunde? Kaum vorstellbar! Es wurde gegessen, erzählt und zusammengesessen. Und morgens gab es bol – und dazu die besten Schoko-Croissants meines Lebens.
Es lohnt sich, Vokabeln zu lernen!
Natürlich ging es um mehr als gutes Essen. Wir lernten das französische Schulsystem kennen, gingen mit unseren Gastgebern bowlen, haben zusammen gesungen und zeigten ihnen später unser Deutschland. Ich war nie besonders gut in Französisch. Aber mit jedem Gespräch ging es besser und ganz nebenbei wurde mir klar, warum es sich lohnt, Vokabeln zu lernen. Man möchte schließlich mehr sagen können als „Bonjour“ und „Je voudrais un croissant“.
Heute hat meine Tochter ungefähr das Alter, in dem ich damals nach Frankreich gefahren bin. An ihrer Schule gibt es kein Austauschprogramm mehr. Nirgendwohin. Corona, Brexit, Desinteresse auf allen Seiten – damit versucht man zu erklären, warum alle Angebote eingestellt wurden. Mich macht das traurig, denn ein Schüleraustausch ist kein nettes Extra im Schulprogramm. Er ist eine Chance, Menschen kennenzulernen, die anders leben als man selbst. Man entdeckt, dass andere Familien andere Regeln haben, anders essen und anders miteinander umgehen. Manchmal staunt man, manchmal wundert man sich. Und manchmal merkt man, dass man sich trotz aller Unterschiede ziemlich gut versteht.
Wie sollen Menschen einander verstehen, wenn sie sich nicht kennenlernen?
Hätte die Schule mir nicht diese Möglichkeiten gegeben – ich wäre niemals in meiner Jugend durch Frankreich gereist. Damals wie heute gilt: Nicht jede Familie kann so eine Reise organisieren oder finanzieren. Und gerade in einer Zeit, in der Grenzen wieder wichtiger zu werden scheinen und Vorurteile schnell zur Hand sind, frage ich mich: Wie sollen Menschen einander verstehen, wenn wir ihnen nicht einmal die Gelegenheit geben, sich kennenzulernen?
„Das müssen Sie privat organisieren“, sagt der Klassenlehrer. Ich atme tief durch. Klar, machen wir, denn ich wünsche mir, dass auch meine Tochter irgendwann ebenfalls Geschichten aus ihrer Jugend erzählen kann. Von anderen Kulturen, ungewohnten Regeln, mutigen Sprachversuchen und vielleicht auch von einem Frühstück, das sie nie vergessen wird.





